Für die meisten Leute zählt es nicht als Arbeit, wenn man sich zu Hause mit Schreiben und Mediendesign abmüht. Einen richtigen Job hat man nur, wenn man sich werktags etwas verkleidet, an den gleichen Ort fährt und dort immer die gleichen Leute trifft, die ebenfalls etwas verkleidet sind und auch von weither kommen. Dabei verbringt man dann die Zeit mit Arbeiten und Sich-disziplieren-lassen, bis man - wenn der Tag verbraucht ist - wieder nach Hause fahren darf.
 

Schreiben ist wie Mediendesign eine Arbeit, die sich nicht standardisieren lässt. Jeder Tag ist anders und bringt andere Ergebnisse, viel zu oft auch eine rote oder schwarze Null.

Nicht selten machen sich meine Gedanken selbständig, führen mich zurück in meine Kindheit, in mein Heimatstädtchen, offenbaren mir neue Einsichten in längst vergangene Episoden. Sogar Fernsehreportagen, aber auch Gespräche mit Freunden, geben immer öfter Anstoß zum Nach-Denken und Auf-Schreiben.

Lesen ...

Klar erwartet man sich bei der Frage nach dem Leseverhalten die übliche Antwort in Form einer Liste von Schriftstellern wie: Ovid, Achim von Armin, Novalis, Gebrüder Grimm, E.T.A. Hoffmann, Heinrich Heine, Franz Kafka, Otto Julius Bierbaum, Hugo Bettauer, Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Erich Kästner, Henry Miller, Hermann Hesse, H.C. Artmann, H.P. Lovecraft, Charles Bukowsky, Hugo Bettauer, Otto Julius Bierbaum, Wolf Haas usw. Klar lese ich diese Schriftsteller (und noch viele mehr), aber so einfach lässt sich das heute nicht mehr beantworten, denn die Literatur im Internet ist strukturell anders als Buchliteratur. Der Autor im Netz ist jemand, der den typografischen Raum höchstselbst gestaltet, aber nicht mehr eine bedeutende Person, die im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses steht. Mit der Fülle der Texte wird der Verfasser als Person immer bedeutungsloser und das Geschriebene wird immer wichtiger. Wenn man weiß, dass heute an einem einzigen Tag mehr und Besseres geschrieben wird als im gesamten klassischen Altertum, dann kann man sich vorstellen, wie die klassischen Kategorien in die Luft gesprengt werden. Während im gesamten griechischen Altertum nicht einmal eintausend Werke geschaffen wurden, gibt es nun jährlich über 70.000 Neuerscheinungen in Buchform - allein im deutschen Sprachraum.

Schreiben ...

Schreiben ist mir einfach ein Bedürfnis, eine Sucht, ist wie ein geheimer Auftrag, dem ich nicht entfliehen kann. Und noch lange ist nicht alles geschrieben, denn nur die Phantasie geht über die Welt hinaus und alles was über unsere Welt hinaus geht, muss von uns Menschen erdacht werden, denn sonst gibt es das nicht. Wissenschaftler und Literaten unterscheiden sich dadurch, dass die Wissenschaft die existierende Welt beschreiben (will) und die Literaten über den Rand dieser Welt hinaus können, indem sie neue Welten schaffen. Und daher ist die Aussage grundfalsch, dass alle Themen der Literatur bereits aufs Millionenfache durch geklopft sind. So etwas kann man nur sagen, wenn man zur Salzsäule erstarrt ist, weil man sich immer umgedreht hatte, um seine Vergangenheit im Auge zu behalten; aber solche rückwärts gerichteten Menschen werden eben irgendwann vom Inferno ihrer Vergangenheit verschlungen.

Unzählbar viele Themen und Motive existieren einfach noch gar nicht, weil sie die menschliche Phantasie noch nicht erdichtet hat. Außerdem ist noch nichts von dem literarisch aufgearbeitet, was es erst irgend wann einmal real geben wird. Die Zukunft liegt vor uns, das sollte man nie vergessen; und dort werden wir uns auch alle wieder finden, in der Zukunft nämlich, ganz gleich, ob man dort hin will oder nicht.

... Fensterblicke

Ich schreibe oftmals über den Blick aus dem Fenster. Tief unter meinem Fenster liegt der wichtigste Platz der Fußgängerzone einer Kleinstadt. Ein immer gleicher Ausschnitt und doch ein immer anderer Einblick. Straßen und Häuserschluchten treffen und gabeln sich hier, die winzig kleinen Menschen da unten sind die unermüdlichen Bewohner und Besucher eines urbanen Biotops. Die Fixpunkte sind die nachbarlichen Dächer und der Turm des Rathauses, in der Ferne grenzen die grünen Hügel die Erde von den Wolken ab.

Mit dem Blick aus dem Fenster vollzieht sich eine Öffnung, er bringt das Bewusstsein des Außen, zugleich werden die Blicke in eine parallele Richtung zum Fenster hinaus gelenkt. Das Fenster ist die Vereinigung von Innen und Außenraum.

Mein Fensterblick gewährt mir Inspiration und Abwechslung auf der Suche nach Gedanken und Wörtern. Ich selbst bleibe als Beobachter 84 Stufen über dem Geschehen und schaue durch den Bilderrahmen, der mir einen kleinen Ausschnitt dieser fremden, vertrauten, eintönigen, faszinierenden Welt heraus schneidet.

Die Dramaturgie liefert die Betriebsamkeit zu unterschiedlichen Jahres- und Tageszeiten. Umrahmt zeigten sich das bewegte Leben, meine Dachkammer blieb gleich, ändert sich nicht im Wetter und der Rückzug ins Innere ist in jedem Augenblick möglich und so können sich Beobachtung und Innerlichkeit miteinander verbinden. Manchmal ersetzt mir der Bildschirm den Fensterblick auf meinen Kleinstadtplatz, indem er mich weit weg in ferne Länder, Zeiten und Kulturen führt. Ein immer währender Wechsel zwischen dem Öffnen nach außen und dem sich Einschließen regelt sich über die Grenzbereiche von Türen, Fenstern und Bildschirmen.

Die Fensterblicke sind eine stetige Herausforderung nach der Natur zu schreiben, abzubilden, was sich unter mir abspielt. Das Schreiben nach der Natur ist immer eine interessante Übung. Aber gelegentlich muss ich gegen den Überdruss und die Lähmung ankämpfen, die ein solches Vorhaben mit sich bringt.

Der Maler Alexej von Jawlensky (1864 -1941) hatte neben seinen berühmten Köpfen in endlosen Variationen den Ausblick seines Atelierfenster am Genfer See gemalt. Darum war es für ihn wohl auch zeitlebens schwerer, den passenden Rahmen für eines seiner Bilder zu finden, als ein Bild zu malen. Seine kraftvollen Bilder haben mich dazu ermuntert den Blick aus dem Fenster so oft es geht in meinem Tagebuch festzuhalten. Mathias Mala hat es mir mit seinem Internetprojekt "Gegenüber" vorgemacht und mir die Augen geöffnet, wie man so etwas mit Regelmäßigkeit umsetzt.

 

Sicherlich kann man einen Text konstruieren wie aus einem Lego- oder Modellbaukasten. Jede Platte, Achse, Schraube und Beilagescheibe ist der Stückliste vermerkt. Man sucht alles aus dem Baukasten heraus und baut es technisch perfekt zusammen. Was nicht für Funktion und Ästhetik benötigt wird, hat keine Berechtigung, ist nicht beigepackt.

Wer für den Leser schreibt, will seine Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit ist aber ein begrenztes Gut, um das sich viele Medien bemühen. Wer nur aus Idealismus und Enthusiasmus schreibt, schreibt vielfach nur für die Schublade. Ich halte es durchaus für möglich, Geld zu verdienen und aus Idealismus, Enthusiasmus und Spaß am Schreiben zu schriftstellern. Das setzt natürlich voraus, dass man schreiben kann, dass man herausfindet, welche Idee sich gut verkaufen lässt.

Texte lesen sich flüssiger, wenn man Floskeln, Füllwörter, Verzierungen, Ausschmückungen, Metaphern und Vergleiche nur sparsam verwendet oder auf sie zu einem Großteil verzichtet.

Die Welt verändert sich durch meine Beobachtung. Wir kennen dies aus der Quantenphysik, dass die Art und Weise der Beobachtung das beobachtete Objekt verändert. Wir kennen das aus der Psychologie, wo ein "wahres" Ergebnis nur durch den Doppelblindversuch gewährleistet ist. Wir kennen es kaum im newtonschen Raum, weil wir nicht glauben wollen, dass wir allein durch unsere Betrachtung die Welt verändern können. Und doch tun wir es, wir sollten also hinsehen und lernen richtig hin zu sehen.

Die wichtigste Heimat, die ich kenne, ist die deutsche Sprache. Sprache ist für mich auch sehr viel mehr als ein Mittel zum Zweck. Mich faszinieren ihr Klang, ihr Rhythmus, die Brüche, die sie enthält. Bei meiner Arbeit ist mir der Ton der Sprache weit wichtiger als ihr Inhalt.

Mit der Prosa ist es ein bisschen wie mit dem Leben: Es gibt tausend Möglichkeiten, aber die wenigsten davon lassen sich realisieren. Das liegt nicht eigentlich an der Schreibtechnik, sondern an der Umsetzbarkeit von Gedanken, Gefühlen, Abläufen und Bildern in Worte. Nicht alles lässt sich so notieren, dass es der Sache gerecht wird. Es gelten auch hier die kargen Worte des Kapitel 7 des Traktatus Logiko Philosophikus: "Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen." Wenn man sich beim Schreiben nicht früh genug auf gewisse Motive konzentriert, wird aus der totalen Freiheit schnell beängstigende Seenot. Deshalb halte ich mich an strikte Vorgaben, auch und gerade bei der Prosa. Manchmal stelle ich mir die Aufgabe, einen Text mit einer bestimmten Anzahl Wörtern, mit gleichen Anfangsbuchstaben oder ein Sachthema in einem Reimgedicht zu beschreiben - ich brauche das. Ich schreibe diese Etüden der deutschen Sprache, einfach weil es mir Freude macht.

Ich schreibe auch, um die Aufmerksamkeit vom Perpetuum Mobile der Alltagsgedanken weg zu kriegen, die meinen Kopf mit stetem Hintergrundrauschen erfüllen. Eine Möglichkeit, sich selbst aus den Niederungen der Gewohnheit, der Beklemmungen und der Einförmigkeit hinaus zu kicken.

Nicht immer muss es das große Ganze sein, nicht immer der Roman, auch Prosaminiaturen können schön und erbaulich sein. Die entstehen im Rahmen des Tagebuch Schreibens gleichsam ganz von alleine. Inzwischen schreibe ich vorwiegend Prosaminiaturen, auch wenn in unserer Welt nur der Roman und das Bühnenstück wirklich Gewicht haben. Meine Prosaminiaturen sind in sich abgeschlossen und doch offen, so wie die Ereignisse, Erlebnisse und Beobachtungen im Leben abgeschlossen und doch offen sind. Beim Schreiben der Prosaminiaturen entsteht ein in die Zukunft offener Text, der aber auch an eine Vergangenheit anschließt. Meine Prosaminiaturen sind meist eine, selten länger als zwei Druckseiten. Sie werden als gestochen scharfe Kürzestgeschichten und Kurzromane erzählt, voll gestopft mit Ironie und Sprachwitz.

Inzwischen hat sich das sampeln von Musik als eigene Form der Musik etabliert, bei Literatur haben sich ähnliche Formen seit Jahrhunderten entwickelt.

Die Aufgabe der Literatur ist es, ein zusätzliches Licht auf das Leben zu werfen und unserem Dasein durch das Aufhellen ein bisschen mehr Glanz zu geben und Schlagschatten zu erzeugen und damit mehr Klarheit zu geben. Die Literatur soll den Menschen in eine Dimension versetzen, die über dem Alltag steht, sie soll ihn klüger machen. Ob der Mensch dadurch auch glücklicher wird, wage ich zu bezweifeln.

Es gibt Leute die korrekt schreiben können und keinen einzigen Fehler in ihren Text machen. Und es gibt Leute, die können Geschichten erzählen, Stimmungen vermitteln und im Kopf des Lesers Bilder produzieren. Wer viel schreibt macht viele Fehler, wer keine Fehler macht, der schreibt auch nichts.

Ich fertige aus Buchstaben Wörter, aus Wörtern Sätze, aus Sätzen Absätze und aus den Absätzen Buchstabenwüsten - wie das heißt, wenn keine Unzialen oder Bilder die Gleichförmigkeit des Textes unterbrechen, die für mich nur den Lesefluss stören.

Ich lache gerne über mich und die Welt und höre nie auf zu probieren, schreibe unerbittliche Prosa und zarteste, politische Lyrik und habe den Mut, auch dann bei mir zu bleiben, wenn die Besichtigung meines porösen Innersten nicht eben schmeichelnd ausfällt. Das Schreiben fördert meine geistige und sprachliche Beweglichkeit und regt meine Phantasie an - ich will hier bewusst den Begriff Kreativität vermeiden, der in der Inflation der Wörter untergegangen ist.

Es ist ein Verbrechen gegen die schreibende Menschheit, die Person des Autors mit den Handlungen des Textes zu identifizieren und sogar Überlegungen darüber anzustellen, warum sich der Protagonist in der beschriebenen Situation so oder so verhalten habe. Das ist eine Zumutung für den Geschichtenerzähler, denn der hat das, worüber er schreibt, wohl kaum alles selbst erlebt.

Wer nur Schönschreiben kann, der kann nichts Eigenes schreiben.

Wer nur Rechtschreiben kann, der kann nichts Eigenes schreiben.

Mancher peppt seine missratene Wortgefüge dadurch auf, indem er einfach die Zeilenlänge auf 20 Zeichen begrenzt und das Ergebnis als Lyrik bezeichnet. Keine Sorge wegen mieser Qualität der Texte, die können Leute die Lyrik lesen nie und nimmer einschätzen. Das Wichtigste ist die kurze Zeile, schon alleine dafür bekommt man oft frenetischen Beifall, auch bei grottenschlechtem Text.

 

Ich gehöre zu den vielen Leuten, die keine Dialoge schreiben können oder mögen. Aber auch ohne direkte Rede komme ich immer nur annähernd an den Punkt, an dem ich mir sagen kann: Jetzt habe ich wirklich ausgedrückt, was ich meine. Der Weg zum richtigen Ausdruck ist steinige Achterbahnfahrt, bei der man nur immer neue Wege sieht, ohne jemals dem wesenlosen Ziel näher zu kommen.

Ich habe wenig Gelegenheit für Rituale, auch weil ich ein so kompliziertes Leben lebe. Wir leben in einer Zeit in der wir uns ständig selbst darstellen müssen, weil unsere Personen so sehr durch die Medien überlagert, gespiegelt und kontrolliert werden, unser Spiegel- oder Zerrbild sehen wir überall. Gleichzeitig haben wir den exhibitionistischen Drang, uns laufend zu enthüllen, um überhaupt wahrgenommen zu werden.

Beim Schreiben kann man sehr viel schneller reisen. Richtige Reisen zu machen ist schwerfällig, weil eine ganze Maschinerie dahinter steckt. In der Sprache kann man mit einem Satz bis zum Mond reisen. Das kann man in der realen Welt nur sehr bedingt, dafür braucht man viel Zeit, viel Geld und viel Glück. Man schreibt einfach "hoch am Himmel zerbirst der Hubschrauber und exploriert in einem Feuerball" und der Leser sieht das - ein Filmemacher braucht für so etwas 100.000 Dollar, zwei Wochen Zeit und einen Hubschrauber.

Humor basiert meist auf sprachlichen Strukturen und ist immer wie das Fenster aufmachen um Luft in die vergorene Atmosphäre seines Stübchens hinein zu lassen. Ich finde, es ist alles nur mit Humor erträglich. Humor und Selbstironie sind absolut notwendig, um zu überleben.

Die meisten Leser erwarten in der Prosa etwas Erfundenes, Künstliches, Künstlerisches. Autobiografisches wird vom p.t. Publikum als ideenlos betrachtet und als betrügerisch verachtet, gemäß der vulgärphilosophischen Einsicht: Wie denn kann sich denn jemand selbst als Schriftsteller sehen, wenn er nur über das eigene Erleben schreiben kann. Diese Schriftsteller dichten nicht, sie schreiben nur auf, sind langweilige Berichterstatter ihrer selbst und der immerwährenden Alltäglichkeit. Kein Schriftsteller der Welt kann den einmal gehegten Verdacht Autobiograf zu sein von sich wieder abwaschen.

Würde ich nur über mein eigenes Leben schreiben, kämen gerade zwei Bücher dabei heraus. Im Übrigen ist es doch so: Sobald jemand zu realistisch über Schwierigkeiten einer Figur mit ihren Eltern oder gar etwas detailliert über Sex schreibt, denkt jeder automatisch, das könne nur autobiografisch sein. Dabei ist es doch so einfach wie erquicklich, sich das Sexleben anderer Menschen auszumalen. Denn Sex ist immer eine Kopfgeburt, die umso besser funktioniert, je mehr Auslöser von außen abfärben. Doch das Betrachten, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen kann erst über die große Mischmaschine im Kopf zu einem wahrhaftigen Orgasmus gerüttelt werden.

Aber im Endeffekt halten es viele Schriftsteller wie Oscar Wilde und ich - sie schreiben sich das bisschen Literatur selber, das sie brauchen. Ganz abgesehen davon muss ich von dem was ich da schreibe ja nichts veröffentlichen und kann alles für mich behalten.

 

Wer Romane schreibt oder Theaterstücke, erschafft Welten - wer schreibt wird zu einem Gott, der ohne Gewissensnot seine Figuren sich verlieben oder töten lässt und kann sie gestalten, wie sie in der Ordnung des Alltags nicht erscheinen dürfen.

Der Schriftsteller als ein Gott der Worte, der die Welt als Kunstwerk immer wieder neu und immer wieder anders erschaffen kann, mit ihr spielt und sie süß und lieblich oder böse und hässlich werden lässt, so wie er als Gott der Worte gerade Lust hat.

Oder werden durch Geschriebenes einfach Weltaspekte sichtbar gemacht, die vorher nur unsichtbar waren. Also doch kein Schöpfungsakt!

Vorerst tippt man Buchstabe für Buchstabe in die Tastatur, sodass Wort für Wort, Satz für Satz, Aussage für Aussage entsteht und schließlich wird daraus eine Erzählung oder ein Roman.

Wieso schreibt man?
Um sich sein Hirn frei zu spülen?
Um sich abzulenken?
Um Erinnerungen wachzurufen?
Um Reflexion zu gewinnen?

Wozu schreibt man?
Schreiben als Selbstbestätigung.
Schreiben aus Genugtuung.
Schreiben als Therapie.
Schreiben aus Langeweile.
Schreiben zur Archivierung der Erinnerungen.
Schreiben zur Bilanzierung des Lebens.

Eigentlich gibt es so viele Motive zu schreiben wie es Autoren gibt.

Man lebt um zu leben und man schreibt um zu schreiben (und hofft manchmal heimlich, dass sich jemand findet, der es liest).

 

Der Traum nach dem Glück, Fernweh, Heimweh und die Sehnsucht nach Weltkultur sind ein Art Phantomschmerz. Der Phantomschmerz ist ein Phänomen, das nach dem Verlust eines Gliedes auftritt. Für mich gibt es eine Schutzimpfung dagegen, das sind meine literarischen Gelegenheitsarbeiten als Projektionsfläche für die Welt da draußen. Mich beschäftigt, dass dieser Wille zum Weiterleben, auch zum ästhetischen Weiterleben, sich aus einem fundamentalen Verlustgefühl speist. Die Verluste von gestern sind dieselben Verluste, die uns in der Zukunft erwarten. Lebenserfahrung und Trauerarbeit bilden eine undurchlässige Schutzschicht gegen die Verlustangst. Die ist für mich immer auch ein Schutzschild gegen Idylle, die das Leben niemals sein kann. Es ziehen die Jahrzehnte ins Land und man blickt immer wieder auf dasselbe, hat sich aber selbst gewandelt und aus der Ferne und dem Ungewissen wird ganz unvermittelt Nähe, Vertrautheit und Gelassenheit.

Beim Schreiben seine Rachegelüste, weinerliche Attitüde der Selbstanklage auszuleben hat keinen Sinn. Die Wahrnehmung ist ohnehin durch das innere Erleben gespiegelt, doch Geschriebenes ist immer auch unter der Kontrolle des Kopfes entstanden. Auf der emotionalen Seite steht das Abtasten der Denk- und Empfindungsräume durch die genaue Beobachtung an sich selbst, am Einzelschicksal und an der Masse. Auf der anderen Seite stehen gewissenhafte Wortwahl, treffender Ausdruck, wasserdichte Argumentation und schlüssige Beispiele, die das Gesagte vertiefen. Das Erlebte grundierte dem Dichter die Schrift- und Denkzüge, verlockte ihn zur Adaption von Gedanken größeren Formates.

Natürlich ahnt ein Leser, wenn er sich das Geschäft des Schriftstellerss vorstellt, von all der Komplexität des Entstehens von Text wenig. Wie alle Konsumenten sieht er den Vorgang naturgemäß einseitig und vereinfacht. Entweder es wird im Vordergrund der große Aufwand gesehen, der ihm zu überbordend erscheint, oder vom Ergebnis her, das ihm im Verhältnis meist recht dürftig vorkommt. Doch der unendliche Zufluchtsraum Gehirn kann nur schriftlich bereist werden.

 

In gewisser Weise ist die Dichtung allen anderen Kunstformen überlegen, denn diese sind mehr als von der Umgebungskultur abhängig als die Dichtung. Das würde man eigentlich nicht erwarten, weil die Dichtung ja an die Sprache des Dichters gebunden ist. Doch wir alle kennen Texte der Bibel und schätzen Werke von Dichtern, deren Sprache wir nicht im Entferntesten sprechen. Dagegen können sich nur wenige Menschen in unseren Breiten für Zwölftonmusik oder Chinesischen Oper erwärmen. Da nützt auch die ganze Unmittelbarkeit zwischen Darbietung und Aufnahme nichts.

Auch mit der Architektur oder Malerei verglichen kommt Literatur besser weg. Noch auf kleinstem Raum wie in einem Zugabteil oder einer Gefängniszelle gewährt eine Buchseite das imaginäre Gefühl der Freiheit und kann den Geist in beliebige Gefilde versetzen. Architektur kann oft einschränken und beklemmen, schon eine unwillkommene Hauswand kann einen zum Gefangenen des Raumes machen.

Keine andere künstlerische Disziplin oder Äußerungsform des Menschen ist im Grunde so alt, international, leicht transportierbar und erfolgreich wie die Dichtkunst.

 

Mein Scriptorium ist ein Stehpult mit einem Notebook obendrauf in der Höhe meines untersten Rippenbogens und einer Breite meiner Schultern. Eine Arbeitsfläche aus schlichter Buche von 50 x 50 cm in einer Höhe von 119 cm, Einheiten in menschlicher Dimension, unauffällig an einer Wand ohne Prunk und Geschäftigkeit.

 

Vor Jahren habe ich ganze Nächte an einer Staffelei verbracht und Ölbilder gemalt, bis meine Wohnung mit Gemälden voll gehängt war. Die Arbeit am Scriptorium hat viel Ähnlichkeit mit der aufrechten Arbeit an der Staffelei. Frei an einer Staffelei zu stehen ist etwas ganz Anderes, als an einem Schreibtisch zu sitzen. Mit einem Stehpult ist fast so, als würde die Zeit still stehen wenn man aus Buchstaben die Worte malt oder wenn man eine Site in HTML gestaltet.

Für jede Hand gibt es eine eigene Maus, meine beiden Stereomäuse. Erfahrungsgemäß geht zu zweit alles besser und mit einem Mauspaar statt einer Singlemaus lässt sich eine ganze Menge an Ergonomie dazu gewinnen; genau wie das beim Umstieg von der durch Apple-Gläubige radikal verfochtenen Eintastenmaus zur profanen Viertastenmaus mit Rad war.

An dieser Staffelei der Worte gilt es dann einfach in die Tasten zu hauen und sich überraschen zu lassen, welcher Text sich dabei gestaltet. Am Pult stehen, nicht lang überlegen, immer im Rhythmus bleiben bis ich wieder einmal quer gedacht habe und das Ganze ins Stocken ins Stocken, noch bevor der Text richtig zu fließen anfängt. Gut, dann muss ich mir eben wieder Zeit lassen, die Vergnüglichkeiten und Abenteuer im Kopf genießen, muss mich auf ein einziges Thema konzentrieren und weiter tippen. Im Moment des Schreibens kann ich oft nicht nach Verästelungen und Endergebnissen fragen, muss das auf später verschieben. Aber auch nicht nach einem dringenden Projekt, das mit innerer Stimme zudringlich nach mir ruft und nicht nach der nächsten Mahlzeit, für die die Zutaten nicht mehr reichen, sondern erst im Lden gegenüber eingekauft werden müssten.

Schon am frühen Morgen macht sich bei mir beim Schreiben ein wohliges Gefühl in meinem Bauch breit wenn ich Wort um Wort zu Sätzen reihe, einfach nur weil es mich glücklich macht. Manchmal schreibe ich nur kurz, den Ereignissen des vergangenen Tages folgend, die ich in meinem Tagebuch festhalte. Manchmal dauert so das Schreiben aber auch Stunden, wenn ich meinen Gedanken folge, die mir davonzufliegen drohen oder wenn ich ein ernsthaftes Thema bearbeite. Und manchmal laufen mir die Gedanken einfach davon und ich hetze ihnen hinterher wenn ich tippend nach Wörtern und Aussagen suche, um sie ausdrücken zu können. Einer der Nachteile dieses Schreibens im Stehen ist, dass oft mein rechter Handballen durch das Führen der Maus ziemlich leidet.

Und über dem allen regiert der heimliche Wahlspruch: "Lieber weniger schlafen als einige Worte nicht aufschreiben zu können."

 
Zum Gedankenaustausch lohnt es sich, die eine oder andere Runde um den Häuserblock gehen, einen richtigen Spaziergang zu machen, in eine Café schlendern und ein paar Worte im Vorübergehen wechseln. Das bringt neue Gedanken, dämpft den Kummer und löst die geistigen Verspannungen und Blockaden beim Problemlösen.

Immer wieder ist aber auch eine der kleinen Pausen fällig, in der ich mechanische Dinge tun möchte, ganz gewiss nichts Kreatives. Meist gehe ich zum Fenster, um einen Rundumblick zu machen, meine Schultern kreisen zu lassen und um dann wieder die acht Schritte zum Stehpult zurück zu machen. Oder ich bleibe vor dem Pult stehen und schaukle meinen Körper im Takt von Radiomusik, um die Klänge in meinen Körper fließen zu lassen.

Acht Schritte oder Wendungen dauert es, bis alle Ebenen meines Wesens die Veränderung bis in ihre Einzelheiten spüren und mitkriegen. Schließlich finde ich mich vor dem Fernseher sitzen und durch die Kanäle zappen und wenn ich bei einer Sendung hängen bleibe komme ich mir vor, als würde ich die Schule schwänzen. Ich verbrauche Zeit und Energie, die für andere Dinge vorgemerkt sind. Wenn ich vor meinem Scriptorium stehe, kann ich meine Runde durchs Zimmer und durch die ganze Wohnung beginnen, ohne mich aus einem Sessel quälen zu müssen. Das Gesichtsfeld ändert sich im Umdrehen und ich erfrische, belebe, beruhige mich und kläre die Gedanken, das alles dauert nur Sekunden.

Gerne bleibe ich auch länger am Fenster, genieße den Ausblick in dem ich mich in den schönen Augen der Welt direkt spiegle. Dann empfinde ich jedes Mal große Dankbarkeit für das mir ohne Zutun geschenkte Dasein in der Welt das draußen, die mir dieses privilegierte Schwelgen im reinen Wohlgefühl ermöglicht: Das Leben in Frieden und Freiheit, mit delikaten Lebensmitteln, köstlichem Rotwein, sauberem Wasser und frischer Luft. Wenn man sich an einen anderen Ort dieser Welt oder in eine andere Zeit versetzt, ist das Alles plötzlich nicht mehr da, ein Bild mit so vielen Menschen in Armut, Mangel, Kälte und Angst. Schade nur für viele, dass das Wohlleben heute für selbstverständlich genommen wird und kaum noch jemand ein Glücksgefühl dabei empfindet. Die meisten laufen hierzulande mit einer Miene herum, als müssten sie im Herzen Afrikas in Hunger und Krieg ihr Leben fristen oder im Mittelalter leben und zusehen wie ihre Lieben von Hunger und Krankheit geplagt ihr Leben aushauchen. Schade, dass den meisten durch den sorgenfrei machenden Wohlstand das Lachen vergangen ist.

Auf meinen Wegen besuche ich regelmäßig meine Fenster: Das gläserne Fenster mit dem ich sehe, was sich vor dem Haus abspielt und das elektronische Fenster, mit dem ich in die weite Welt hineinschauen kann. Und die Welt kann so schön sein.

Jeder Anruf ist mir willkommen, um im Stehen telefonieren zu können, dabei zu einem meiner Lieblingsplätze zu schlendern und einen Blick aus dem Fenster werfen, das lockert Körper, Geist und Gespräch.

 
Mein Scriptorium eröffnet mir aber noch eine weiter Dimension: Die Arbeitssituation im Stehen gestaltet sich dynamischer und gesünder als beim Sitzen. Arbeiten im Stehen fördert den Kreislauf und den osmotischen Nährstoff- und Flüssigkeitsaustausch. Sie verringert deutlich die Beanspruchung des Stütz- und Bewegungsapparates im Nacken-, Schulter- und Rückenbereich. Daher werden eingeschlafenen Beine, verspannter Nacken und Schmerzen an der Wirbelsäule vermieden.

Man muss sich einfach den Luxus gönnen, das Schreiben im Stehen zu erledigen und mit lockerer Hand den Fluss der Texte in das Notebook zu dirigieren.

Durchgehendes Arbeiten im Sitzen dagegen erhöht die Schädigung der Bandscheiben, bei ungestütztem, vorgebeugtem Sitzen verdoppelt sich diese Belastung. Die Bandscheiben werden zusammengepresst, die Versorgung mit Nährflüssigkeit wird abgedrückt. Die Folgen kennt jeder: Verspannungen die zu Wirbelsäulenerkrankungen führen und Schmerzpausen verlangen. Nur wenigen ist es gegeben, beim Arbeiten wirklich entspannt sitzen zu können. Die einschneidenden Gesundheitsprobleme an Knochengerüst oder Nerven zeigen sich erst nach Jahren.

Selbst ein moderner, auf dynamisches Sitzen ausgelegter, hochwertiger Bürostuhl löst diese Probleme nur im Ansatz, wenn der Betroffene viele Stunden weder aufsteht, noch ein paar Schritte geht. Der Verzicht auf zwischenzeitliches Aufstehen ermüdet, der Kreislauf schwächt sich ab und Konzentration und Belastbarkeit lassen nach.

Ergonomische Arbeitsplätze sind an sich eine vorbeugende Maßnahme. Der Arbeitsplatz mit Computer muss gestaltet sein, dass Risikofaktoren minimiert bzw. ausgeschlossen werden. Ergonomie gilt hier als Oberbegriff für Anatomie, Physiologie und Psychologie der Arbeit. Sie zielt auf eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen durch die Anpassung von Arbeitsmitteln und Arbeitsumgebung an den Menschen. Geradezu lächerlich ist es, wenn Ergonomie auf die Mindestanforderungen an die Software reduziert wird. Denn verhängnisvolle Folgen sind vor allem dann vorprogrammiert, wenn die Sitzhaltung des Benutzers nicht stimmt, der Abstand und der Winkel zum Bildschirm falsch ist, sich Leuchten darin spiegeln und erst in weiter Folge wirkt sich mangelhafte Ergonomie der Software aus.

 

Ich schreibe Episoden aus meinem Leben auf, um sie nicht wie meine Gehirnwellen im Nichts verpuffen zu lassen. Das Tagebuch ist meine Zeitkapsel. Meine, nicht die anderer Leute. Ich entscheide alleine und spontan, was ich später über die Details eines Tages wissen werde.

In zahlreichen Kulturen hat man viele Kinder, weil man zurecht daran glaubt in seinen Kindern später weiterleben zu können. Nun trifft das natürlich nur für die Gene zu und nicht für das individuelle Erleben. Das Schreiben ist für mich nicht nur Dokumentation meines Lebens, sondern auch ein außergewöhnlicher Informationsspeicher, der von seinen objektiven Möglichkeiten her unerreicht ist.

Oft erfahre ich beim Schreiben mehr über mich selbst, als durch Nachdenken. Oft hilft mir das, mich zu finden. Oft, aber nicht immer.

In meinem Tagebuch finden vor allem kurze, schnelle, flüchtige Gedanken Platz, die es oft bis in die vergleichsweise trägen Medien Buch oder Zeitung nie geschafft hätten. Dadurch entrollt sich vor mir ein ständig verändernder Text, der sich aus Prosaminiaturen und Fragmenten, Skizzen und kleinen Erzählungen, Schlagworten und Reimgedichten bildet. Manche banal, oberflächlich und belanglos, aber auch eine authentische, dynamische und neue Form des Monologs.

Die Arbeit an meinem Tagebuch ist das tagtägliche Ordnung machen, das Aufräumen in meinem Kopf und die Dinge an ihren Platz stellen. Das Brauchbare kommt ins Tagebuch, das unbrauchbare wird rücksichtslos weg geschmissen. Zum Brauchbaren gesellen sich dann noch die Trümmer aus meiner Umwelt, die Rückstände aus Aufsätzen, Romanen, Fernsehberichten - ich bin ein guter Resteverwerter. Denn Überbleibsel und Schrott waren mir immer schon Ansporn, daraus etwas Neue, Schönes zu machen. Wichtig ist es, die Gedanken, Gefühle, Erlebnisse, Fiktionen und Hoffnungen in den richtigen Zettelkasten zu stecken, sonst gibt es kein Wiedersehen.

Wenn ich zwei, drei Tage nicht ins Tagebuch geschrieben habe, überkommt mich ein dringliches Bedürfnis, mich an mein Scriptorium zu stellen und in mich hinein zu lauschen, was da jetzt wohl zum Ausdruck drängt. Keinesfalls ist es ein Gefühl der Pflicht, eher eine Sehnsucht, in diesen stillen Raum der Selbstversenkung einzutreten, der sich mir schreibend so leicht eröffnet wie nirgends sonst. Kein Thema ist vorgegeben, keine Form von irgend jemandem verordnet und es gibt auch keine Leitlinie, die mich auf bestimmten Spuren halten würde. Die spätere Betrachtungen der Einträge bewirken eine Rückkoppelung und beeinflussen (manchmal) die an sich fertig geglaubten Texte des Tagebuchs. Volle Freiheit also. Und was auf diese Weise entstand, landet mit einem Mausklick in den unendlichen Weiten des typografischen Raums. Der virtuelle Raum, der durch ein Tagebuch geschaffen wird, ist also fortschreitende Gegenwart, persönlich und einzigartig.

Eine Erzählung, ein Essay ist doch etwas ganz anderes als ein Tagebuch. So etwas stellt Schrift und Sprache in den öffentlichen Raum und ist mehr für die Ewigkeit geschrieben, nicht fürs Hier und Jetzt.

Puzzleartig lassen sich aus den Tagebucheintragungen wieder die Lebensabschnitte zusammensetzen - Privates und Öffentliches, Erotisches und Ernsthaftes. Aus den Details werden dann die allgemeinen Veränderungen klar. Ich reflektiere über die Hochschaubahn des Liebeslebens, die die Menschen von ihrer Kindheit bis zu ihrem Ende herumschleuderte, die Stimmung des freudigen Aufbruchs, die Neuordnung der Welt und daraus folgende Unsicherheit, die Umwertung der Werte durch die gänzlich neue Situation nach jeder Totalveränderung.

 

Wichtig für mich sind die derzeit 19 Bände meines Tagebuchs - jeder mit einigen hundert Seiten -, auf die ich mich auch beim Schreiben meiner Geschichten stützen kann.