Wenn meine Freunde aus Kanada, Andalusien oder den Kapverden zurückkommen und zu ihren Dia-Abenden einladen, beginnt für mich der alljährliche Spießrutenlauf. Dann muss ich standhaft erklären, warum ich auch in diesem Sommer wieder nicht in die Ferne gefahren bin und ich muss mich dafür rechtfertigen, dass ich meine Urlaubswochen im Stadtbad, in Cafés, im nahen Wien, quer vor den Alpen und im Salzkammergut verbracht habe und dort nur das getan habe, was ich wollte. Man kann es sich in Zeiten der Globalisierung gesellschaftlich nicht mehr leisten, noch nie in der Türkei, im Heiligen Land oder in Indien gewesen zu sein.

Ein Hinführen zum Urlaubmachen hatte in meiner Kindheit keinen Platz gefunden. Niemals konnte ich auf dem Rücksitz eines Autos quengeln wie weit es noch sei und dass ich lieber zu Hause geblieben wäre. Denn ich saß einmal in der Woche hinter Vater auf dem Motorrad wenn es die fünfzehn Kilometer zu den Großeltern ging. Für mich gab es in der Kindheit keine italienischen Trattorias, wo man sich mit Spagettisauce und Orangensaft besabbern konnte, keinen Sand zwischen den Zähnen und kein Salzwasser in den Augen. Mit meinem Bruder und meinen Eltern verbrachte ich jeden Sommer zu Hause oder bei den nahen Großeltern und wenn die Eltern mit dem Motorrad nach Italien fuhren, wurde ich zur "Erholung" in ein Kinderheim auf dem Lande gesteckt. Es war nicht leicht für mich, wenn nach den großen Ferien in der Klasse von den schönsten Ferienerlebnissen erzählt wurde und ich nur den Bauernhof der Großeltern, die Tagesausflüge ins Sumpfgebiet und die Regentage im Heuschober entgegenhalten konnte. Immerhin hatte ich gelernt kleinräumige Biotope aufs genaueste zu erforschen.

 
schätzt es ziellos und ohne Proviant in seiner Heimstadt herum zu ziehen oder in fremden Städten, in denen er noch nie war oder irgendein Wäldchen oder ein Sumpfgebiet zu durchforsten. Früher fuhr ich manchmal mit der Bahn in irgendeine Stadt die ich nicht kannte, besah mir die Plätze, Kirchen, Museen und alle anderen auch außerhalb der Stadt bekannten Kulturdenkmäler, trank ortsübliches Bier und aß in Gaststätten bei denen einheimischen Spezialitäten auf der Karte standen.

Eine der Reisen en miniature ist dieses ständige Weggehen. Der Minitourist verlässt sein Haus zum inspiriert Werden und braucht dazu für den Abend ein verlängertes Wohnzimmer. Es kann eine Bar oder ein Beisel sein, ganzjährig wenigstens bis Mitternacht geöffnet.

Untertags gehe ich nur mit schlechtem Gewissen aus. Ich will immer zur Verfügung stehen. Lästig genug, dass man gelegentlich von Freunden gefragt wird, ob man mit ins Café will. Ich könnte wichtige Nachrichten versäumen, wäre ich nicht zu Hause. Ich gehöre zu jenen Generationen, die ein Verantwortungsgefühl für die Menschheit besitzen: Ich will erreichbar bleiben, koste es, was es wolle. Für einen Besuch der kommen könnte, für den einen Menschen der mir plötzlich ein E-Mail schickt, für den einen Brief der sonst zu lange im Briefkasten liegen müsste. Untertags heiß es für mich irgendwie Kreativität, Verantwortungsbewusstsein und Häuslichkeit miteinander zu verbindet, um mein skrupulöses Verantwortungsbewusstsein und die stumpfe Angst vor Veränderungen in den Griff zu bekommen.

 

Wenn ich durch die Gegend trabe, scheinen meine Beine das Gehirn anzutreiben. Ganz gleich ob ich gehe oder mich im Laufschritt bewege, bei diesen Bewegungsformen schießen mir Sprachbilder und Formulierungen in den Kopf. Allein schon deshalb ist mir das Gehen heilig, denn so wie Heilige durch Fasten oder Schmerzen in den Zustand von Verzückung gelangen, reicht bei mir ein Fußmarsch von wenigen Kilometern und ich tauche in eine Parallelwelt ein, die mich mit erdachten Gebilden und Gliederungen erfüllt. Nachdem ich im Gehen nicht schreiben kann, muss ich beim Aufschreiben der Texte wenigstens stehen, um hin und wieder ohne Begrenzung einige Schritte machen zu können.

 

Das Naturwunder Fuß ist ein komplexer Mechanismus mit über 100 Sehnen, 33 Gelenken, 26 Knochen und 19 Muskeln. Diese Einzelelemente müssen bei jeder Belastung reibungslos und fehlerlos zusammenarbeiten, dabei gilt es die Stoßkraft zu bewältigen die auf den Fuß einwirkt, Seitwärtsbewegungen abzufangen und die Rollbewegung abzuwickeln. Dieser an sich geniale Biomechanismus kann aber unglaublich wirksam durch geeignetes Schuhwerk verbessert werden, dabei können die Stoßdämpfung im Fersenbereich, der Vortriebsimpuls beim Abrollen des Fußes und die Stützung gegen Überpronation noch wesentlich verbessert werden.

Gerade beim Laufschritt wird jeder Stoß auch an die Knie, das Becken, die Wirbelsäule und an den Kopf weitergeleitet. Eine Verbesserung der Stoßdämpfung im Fersenbereich schont die Gelenke der Knie und der Wirbelsäule ebenso wie das Gehirn.

 
schreibt an seinen Freund Max Brod: "Lieber Max, mir ist folgendes geschehen: Ich wollte wie du weißt, nach Georgental fahren. … Es ist nicht Reiseangst, wie man es letzthin z. B. von Myslbeck las, der [von Prag] nach Italien fahren wollte und schon bei Breslau umkehren musste… Eher ist es Angst vor der Veränderung, Angst davor, die Aufmerksamkeit der Götter durch eine für meine Verhältnisse große Tat auf mich zu lenken... Ich sitze hier in der bequemen Haltung des Schriftstellers, bereit zu allem Schönen, und muss untätig zusehen - denn was kann ich anderes als schreiben -, wie mein wirkliches Ich, dieses arme, wehrlose ... aus einem beliebigen Anlass, einer kleinen Reise nach Georgental, ... vom Teufel gezwickt, geprügelt und fast zermahlen wird. Mit welchem Recht erschrecke ich, der ich nicht zuhause war, dass das Haus plötzlich zusammenbricht; weiß ich denn, was dem Zusammenbruch vorhergegangen ist, bin ich nicht ausgewandert und habe das Haus allen bösen Mächten überlassen? ... dass in meiner Angst vor der Reise sogar die Überlegung eine Rolle spielt, ich würde zumindest durch einige Tage vom Schreibtisch abgehalten sein. Und diese lächerliche Überlegung ist in Wirklichkeit die einzige berechtigte, denn das Dasein des Schriftstellers ist wirklich vom Schreibtisch abhängig, er darf sich eigentlich, wenn er dem Irrsinn entgehen will, niemals vom Schreibtisch entfernen, mit den Zähnen muss er sich festhalten."

Der Reisende en miniature scheitert schon bei den kleinen Wegen des Alltags und er weiß es. Jedes Mal frage ich mich, wie jemand einfach so in eine schon abfahrbereite Schnellbahn springt, in seinem Buch weiter liest oder lauthals telefoniert, während er von allen beobachtet werden kann. Ich lasse den Zug meistens fahren, wenn es knapp werden könnte, sehe mir dann die Passagiere und die vorbei ziehende Landschaft an und beim Aussteigen bin ich der Letzte an der Tür um nicht schon im Zug ins Gedränge zu geraten.

 
kennt die Pauschalreise im Kopf, die mit dem Hören von Musik, dem Lesen eines Buches oder dem Betrachten von Bildern, Menschen oder Landschaften begleitet ist. Dabei kann man in Gegenden vorstoßen die man beim Bereisen noch so ferner Länder nie erreichen würde. In uns tut sich wie von selbst eine unbekannte Welt auf, die letztlich vom Buch oder der Elektronik erzeugt wird. Hinter diesen technischen Übermittlern stecken allerdings Menschen, die ihre Individualreisen im Kopf festgehalten haben, um sie sie versetzt über Zeit und Raum anderen Menschen zur Verfügung zu stellen. So finden wir nichts Besonderes dabei, Schriften eines Menschen zu lesen, der seine Geschichte vor Jahrhunderten in einem anderen Erdteil geschrieben hat.

Der Im-Kopf-Reisende kennt auch die Individualreise im Kopf, die beim Tagträumen, Schreiben oder Meditieren abläuft. Irgendwo gibt es eine winzig kleine Quelle, aus der ein dünner Bach der Gedanken und Worte entspringt. Die Buchstaben mehren sich, werden zu einem Strom der Sätze und bald hat man ein ganzes Meer voller Worte. Und je tiefer man das Meer auslotet, desto seltsamer werden die Geschöpfe, die darin leben. Geheimnisvoll schlummernde Erinnerungen und berückende Landschaft entstehen im Kopf und werden zur aufwühlenden wie ergreifenden Realität die uns die wirkliche Welt niemals bieten könnte. Wenn ich dabei an meinem Scriptorium stehe, versuche die Geschichten in Worte zu fassen und schon entstehen eine wieder neue Geschichte, die sich in einem Ozean der Worte ausbreiten und ihn vermehrt. Sie entwickelt ihr Eigenleben und es ist unmöglich zu sagen, wohin der Text führen wird.