Mein zweites Stück des Camino Austria führt auf dem historischen Pilgerpfad von Stift Göttweig durch die Wachau und dann durch den Nibelungengau, den Strudengau und das Machland bis nach Linz online gestellt.

Als ich den Text aus dem September 2006 noch einmal wie durch ein Vergrößerungsglas betrachte, erlebe ich meine Pilgerreise am Österreichischen Jakobsweg noch einmal. Unterstützt haben mich bei meiner Erinnerung, Fotos, Landkarten, Wegbeschreibungen anderer Pilger und meine handschriftlichen Aufzeichnungen.

 

Mein Rucksack ultraleicht gepackt mit insgesamt nur 4.5 kg für alles, was ich für fünf Tage und 170 km Wegstrecke benötige.

Zum Start gibt es eine kleine Weltreise mit den Österreichischen Bundesbahnen nach Paudorf: Zuerst mit dem Schnellzug nach St. Pölten, dann nach einem einstündigen Aufenthalt mit dem Zug nach Statzendorf, vom Bahnhof Vorplatz fährt dann ein Bus weiter, weil die Bahnstrecke seit mehreren Jahren gesperrt ist. In Paudorf steige ich vom Reisebus (ein schwaches Dutzend Passagiere) in einen Kleinbus (einziger Passagier) um, der mich an den Fuß des Berges bringt, auf dem das Stift Göttweig liegt. Von dort startet mein Camino Austria mit über zwei Stunden Verspätung, ich marschiere über Mautern zur Ferdinandswarte, durch den Dunkelsteinerwald nach Maria Langegg, die Ruine Aggstein und zum Nachtquertier in Ardagger Dorf.

Nach dem Start geht es nach Mautern durch die Hohlwege im Löss, das prächtige Stift Göttweig hinter mir wird immer kleiner. Etwas später umschließt mich für Stunden die Einsamkeit des menschenleeren Dunkelsteinerwaldes bis ich in Maria Langegg wieder hinaus komme. Von hier aus hatte ein fürsterzbischöflich salzburgischer Güterinspekteur bis ins 19. Jahrhundert hinein das damals salzburgische Land verwaltet.

Den Weg zwischen Maria Langegg und Aggstein gehe ich heute zum fünften Mal und das kam so: Vor vielen Jahren war ich zur Feier eines runden Geburtstages auf der Ruine Aggstein eingeladen. Nach Besichtigung des Rosengärtleins und der übrigen Teile der Burgruine geht's schließlich zum Abendessen. Als Kernstück der Feier kristallisiert sich rasch als Gemeinschaftsbesäufnis in der ziemlich rustikalen Taverne heraus. Für mich ist bald Feierabend, da ich mit den anderen Gästen kaum mehr Gespräche führen kann und so ziehe ich mich als erster auf das noch etwas rustikalere Matratzenlager auf der Burg zurück und versuche etwas zu schlafen, bevor die angeheiterte Gesellschaft hier einfällt. Irgendwann suchen dann nach und nach die Geburtstagsgäste lärmend ihre Liegestatt. Plötzlich gibt es ein schrilles Gezeter und Gekreische. Die Ehefrau des Polizeioffiziers hatte mitbekommen, dass ihr Mann nicht neben ihrem lag, sondern in enger Umarmung mit der Frau des Urologen ruckartige Bewegungen ausführte. Die Nachtruhe ist nun für mehr als eine Stunde unterbrochen, es dauert einige Zeit bis endlich alle aufwachen und einzeln von der Freveltat unterrichtet sind. Die Polizistengattin hat sich inzwischen heiser geschrieen und im Morgengrauen fallen dann wieder auf ihre Matratzen zurück, diesmal wohlgeordnet nach Paaren eingeteilt. Gegen sieben Uhr stehe ich auf und verlasse diese durch Schnarchen und Bierdunst entstandene Stätte des Grauens und mache mich auf den Weg nach Maria Langegg. Die Schönheit und Stille des Waldes lässt mich langsam die Plagen der Nacht vergessen und als ich dann aus dem Wald heraustrete und die Kirche inmitten der Wiesen liegen sehe, bin ich mit der Welt wieder versöhnt. Ich halte in der barocken Wallfahrtskirche inne, bevor ich mich wieder auf den Rückweg mache. Als ich nur mehr einige Wegbiegungen von der Ruine Aggstein entfern bin, kommt die Apothekerin entgegen, die auch nach Maria Langegg will. Sie hatte dort zum ersten Mal geheiratet und will, dass ich sie dorthin zu begleite, denn sie ist sich nicht sicher, ob sie alleine hinüber findet. Auf dem Rückweg kommt uns ihr frisch angetrauter zweiter Ehemann entgegen, außer sich und beunruhigt wegen der Vorkommnisse in der letzten Nacht. Wortlos gehen wir den Weg zurück.

Nunmehr muss man Eintritt zahlen, wenn man in die Burg hinein will. Das würde den Preis für das dringend notwendige Bier verdoppeln und so gehe ich die Straße hinunter bis zu einem Kiosk und genieße dort mein Bier. Nach kurzer Rast gehe ich oberhalb der Donau weiter nach in Ardagger Dorf, wo ich ein Nachtquertier finde. Ein Gasthaus mit einem modernistischen Flair, einem italienischen Namen, etwas überhöhten Preisen und gemütlichen Zimmern. Ich versuche den Preis zu drücken, denn Ein- und Zweibettzimmer kosten gleich viel. Die Wirtin meint im Spaß der halbe Preis gelte nur, wenn ich um drei Uhr Früh das Zimmer räumen würde. Lange sitze ich noch auf der Terrasse vor meinem Zimmer und rekapituliere meinen Tag.

 

Am Morgen schieße ich noch eine Fotostrecke von der Kartause Marienpforte in Aggsbach und gehe dann wieder durch den Dunkelsteinerwald hinauf zur Ruine Wolfstein, über Gerolding und Schönbühel bis in die Stadt Melk. Ich erfreue mich am Morgen in der Einsamkeit und genieße es die richtige Strecke zu finden, die oft durch fast unbegangene Waldstücke führt.

Ich mache mittags eine kurze Rast in der wieder gewonnenen Zivilisation in einem Schanigarten in der Fußgängerzone. Ich gehe zum Stift hinauf und genieße die erhabene Architektur und die wundervollen Gärten.

Vom Stift aus muss ich ein Stück des Weges zurückgehen, um zur Donaubrücke zu kommen. In diesem Bereich ist der Österreichische Camino mit unscheinbar braunen Holzbrettchen mit der eingebrannten Jakobsmuschel markiert - zwischen Göttweg und Melk waren die Bäume mit gelb-weiß-gelben Streifen verschmiert, für diese Markierung hat zwar der EU mehrere Hunderttausend Euro ausgegeben, aber die Ausführung der Arbeit ist peinlich stümperhaft. Auf dem Nordufer geht es nun weiter bis Weitenegg, von hier über Ebersdorf nach Lehen, Leiben, an Artstetten vorbei nach Maria Taferl.

Ich finde direkt neben der Basilika ein einfaches Zimmer, in dem die beiden Betten hintereinander stehen.

 

Am Morgen besuche ich die Basilika von Maria Taferl, bevor ich zum Donauufer hinunter steige. Hier geht es auf dem asphaltieren Radwanderweg an der Donau entlang und gelange dann etwas später über die Staumauer des Kraftwerks Ybbs-Persenbeug auf das Südufer der Donau. In Neustadtl besorge ich mir in einem Kaufhaus Getränke und Wurstsemmel, um sie am Platz vor der Jakobskirche zu verzehren. Vor der Kirche hängt das Transparent: "Jakob, es ist Herbst." Dann geht es wieder über Hügel mit grünen Wiesen bis Kollmitzberg und nach Ardagger Stift wo ich bereits telefonisch das Quartier im Bauernhof Baumgartner bestellt habe. Nachdem ich mich dort etwas erfrischt habe gehe ich wieder zum Stift hinunter, fotografiere Kirche und Nebengebäude im Licht der untergehenden Sonne. Besonders die Bilder des Innenraums der Kirche bekommen durch die flachen goldenen Strahlen einen besonderen Ausdruck.

Zum Abendessen gibt es in der Stifttaverne, gleich neben dem Kollegialstift Ardagger, Bratl in der Rein: eine riesige Portion Schweinsbraten mit Kraut und Knödel, serviert in einem emaillierten Reindl.

 

Beim Frühstück erzählt mir die Altbäuerin über ihre Kinder und die Veränderungen n der landwirtschaft. Sie erklärt mir die Unterschiede der einzelnen Technologien der Silierung von Grünfutter. Ich lerne, dass Silage das durch Milchsäuregärung konserviertes Grünfutter für die Rinder ist und diese durch die Fermentation im Pansen Struktur-Kohlenhydrate gut verdauen können. Es gibt drei Arten der Lagerung - im längst veralteten Hochsilo, im Ballensilo und im nunmehr aktuellen Flachsilo. Nun weiß ich auch, warum man hier im Herbst überall nach Vergorenem riecht, auch wenn man keine Hochsilos oder cyanfarbene Ballen auf den Feldern sehen kann. Die Flachsilos sind so unauffällig, dass man sie nur entdeckt, wenn man direkt daran vorbei geht.

Als ich weggehe liegt die Landschaft noch im dichten Nebel, in den Wurzgärten vor den Bauernhöfen blühen üppig-bunte Blumen, meist riesige Dahlienbüsche, die sich aus dem Nebelgrau herausheben. Etwas später gehe ich unter der knisternden und singenden 380 kV Hochspannungsleitung durch, deren Seile unvermittelt aus dem Nebel kommen und darin wieder verschwinden.

Nun geht es weiter nach Wallsee, das interessanter ist als ich dachte, war der Ortsname doch bisher für mich nur mit dem Kraftwerk verbunden. Von dort geht es zuerst an einen Donauarm entlang weiter nach Strengberg und von dort zurück in die endlosen Donauauen und endlich nach St. Pantaleon, wo ich mich in einem Gasthof gleich neben der Kirche einquartiere. Wieder kann ich die Photonen des Kircheninnenraums im Licht der schwindenden Sonne aufnehmen.
 

 

Der letzte Tag meiner Pilgerreise ist gekommen. Ich breche nach einem köstlichen Frühstück von St. Pantaleon auf und marschiere nach Pyburg, überquere noch immer im Nebel die Donau bei Mauthausen, erlebe die Düsternis des Konzentrationslagers, das gefühllos auf dem Hügel thront. Von der Burg des Grauens geht es die Todesstiege hinunter in den jetzt friedlich-stillen Steinbruch. Bedrückt gehe ich dann schon im Sonnenschein nach Kirchberg hinauf und dann wieder hinunter nach St. Georgen an der Gusen. Eigentlich wollte ich hier einen echten Gusenbauer fotografieren, aber es hat sich am Wegrand nur eine Gusenkuh gezeigt, deren Photonen ich in meinen Apparat bannen konnte. Die letzen Kilometer entfliehe ich dem brausenden Großstadtverkehr mit der Bahn. Ich warte eine halbe Ewigkeit mit einer Gruppe von Schülern, bis auf der gewundenen eingleisigen Strecke ein Zug daher kommt, der mich nach Linz bringt.

Nun tauche ich wieder in das Lärmen und Treiben der Großstadt ein. Nun ist für mich die Welt der Natur wieder dahin. Hier haben die Menschen ihren eigenen Lebensraum geschaffen und die Natur hinausgedrängt, gedeihen und wachsen darf nur, was geplant und gepflegt wird. Hier heißt es, Augen und Ohren zu verschließen, um nicht zu sehen und zu hören, was man nicht will. Die letzen fünf Tage war es nicht nötig gewesen, mich der Umwelt zu verschließen, ganz im Gegenteil war es eine Zeit, in der ich alles in mich hineingesaugt habe.

 

Fünf Tage lang habe ich ein wunderbares Stück des Jakobswegs begangen, 170 Kilometer zu Fuß und mit mit alleine. Immer wieder überkommt mich auf meiner Pilgerreise das stürmisches Entzücken, das ich schon in meiner Kindheit beim Anblick einer Spätsommerlandschaft empfunden habe. Es ist diese entzückende Traumherrlichkeit der unendlichen Wege und Pfade durch Wiesen, Felder, Wälder und Weiler, über Bächlein und am Strom entlang, den man spürt, auch wenn man ihn nur selten sehen kann. Darauf aufgefädelt wie auf einer Perlenkette unendlich viel Beglückendes: Fichten, Buchen, Eichen, Blumen, Gräser, Steine. Die vielfältigen Daseinsbeweise von Käfern, Fliegen, Hornissen, Spinnen, und Schmetterlinge. Die Wirklichkeit von Fröschen, Salamandern, Rehen und Vögeln. Rund um die Dörfer Zwetschgenalleen, Streuobstwiesen, gelbe Mostbirnen und Bäume mit roten Äpfelchen am Straßenrand. Auf Waldlichtungen bunte Falter auf Springkraut. Fast lasse ich mir zu wenig Zeit zum Verweilen und Schauen, will ich doch meine vierzig Kilometer am Tag schaffen und von Vielem auch noch die Photonen auf Datenträger bannen.

Weiler und Dörfer mit verstreuten Hausnummern, sogar Marktflecken mit einem unglaublichen Durcheinander der Nummerierung der Häuser. Hier gibt es keine öffentlichen Verkehrsmittel, außer den Bussen, die nur an Schultagen morgens ins Donautal fahren und mittags wieder zurückkommen.

Einmal komme ich in der Vormittagssonne durch ein Dorf und höre aus der Volksschule immer wieder lautes Lachen der Kinder. Kinderlachen ist die Musik unserer Zukunft.

Nun tauche ich wieder in das Lärmen und Treiben der Großstadt ein. Nun ist für mich die Welt der Natur wieder dahin. Hier haben die Menschen ihren eigenen Lebensraum geschaffen und die Natur hinausgedrängt, gedeihen und wachsen darf nur, was geplant und gepflegt wird. Hier heißt es, Augen und Ohren zu verschließen, um nicht zu sehen und zu hören, was man nicht will. Die letzen fünf Tage war es nicht nötig gewesen, mich der Umwelt zu verschließen, ganz im Gegenteil war es eine Zeit, in der ich alles in mich hineingesaugt habe.