Mein erstes Stück des Jakobswegs führt auf dem historischen Pilgerpfad vom oberösterreichischen Frankenmarkt durch die Salzburger Seenlandschaft in die Stadt Salzburg, dann entlang der Saalach durch das bayerisch-österreichische Grenzgebiet und weiter über Unken und Lofer nach St. Johann in Tirol. Das Ganze ist eine absolut einsame Wanderung und keine jener Massenveranstaltungen, wie man sie von organisierten Wallfahrten kennt.

Den Pilgerführer von Peter Lindenthal habe ich in den letzten Tagen genau studiert. Mein 50 Liter Rucksack ist mit den vielen Kleinigkeiten gefüllt, auf die ich während meiner Wallfahrt nicht verzichten will. Taschenmesser, Geld, Handy, Kamera und Tagebüchlein sind "am Mann", wie es in unserer Militärsprache so treffend heißt.

 
Mit Regionalzug und U-Bahn komme ich zum Westbahnhof. Es bleibt noch fast eine Stunde zeit bis zur Abfahrt des Eurocity, der mich nach Attnang-Puchheim bringen wird. Zu meinem Pilgerführer von Peter Lindenthal gesellen sich noch weitere Reisebegleiter: ein gelbes Reclam-Erzählbändchen von Hugo von Hofmannsthal und eines von Johann Wolfgang von Goethe.

Das Wetter bei der Abfahrt ist herrlich und die Zurückgebliebenen ratlos über meinen Entschluss heute zur Pilgerfahrt aufzubrechen. Der Zug bringt mich aber direkt in den Regen hinein. Als ich dann nach einmal Umsteigen in Frankenmarkt meine Wanderung beginne, regnet es leicht. Als Erstes heißt es einmal vom Bahnhof nach Kühschinken zu kommen, was (dank Pilgerführer) auch ohne Umweg sofort gelingt. Nach dem Ortsende geht es in den Wald, der Weg in das Dickicht ist kaum zu finden und nach einigem Hin finde ich den richtigen Waldweg, der ziemlich aufgeweicht ist. Her sehe ich überrascht und mit Begeisterung die erste der alten Markierungen: ein kleines, etwas verwittertes Holzbrettchen, mit Richtungspfeil und eingravierter Jakobsmuschel. Nun erst kann ich richtig ausschreiten, es geht am nun flott über Wald-, Feld- und Wiesenwege, meist aber über asphaltierte Güterwege, in Richtung Westen.

Schon am Anfang habe ich nasse Füße und das Wasser tropft vom Rand meiner Kappe. Aber man gewöhnt sich an das einförmige nieseln und die Schritte geben den Takt für meine Anwesenheit in der Natur. Ich komme an vielen wohlbestallten Bauernhöfen vorbei und der Weg führt durch manchen schönen Weiler. Die Leute winken oder nicken mir von ihren Häusern aus zu, das eine oder andere kurze Wort über Weg und Ziel wird gewechselt, wenn ich nahe genug an Jemandem vorbeikomme. Alle Kinder hier haben ein freundliches Lächeln für mich und sagen im Vorbeigehen "Griaß di". Aber im Grunde bin ich einsam, völlig alleine mit mir und meinem Weg, kein Mensch ist auf meiner Strecke unterwegs.

Wenn ich dann auf einem Waldweg eines der kleinen hölzernen Jakobsschildchen sehe, ist das für mich die erfreuliche Bestätigung, dass ich immer noch auf dem richtigen Weg bin. Bei einem Weiler schließt sich mir ein schwarzes Hündchen für einige Minuten an, begleitet mich einen Hügel hinauf und verliert vor dem nächsten Weiler wieder das Interesse an mir.

In der Mitte meiner Tagesetappe liegt ganz unspektakulär die Hagerkapelle. Sie wurde 1734 vom Bauer Jakob Hager nach aeiner Pilgerfahrt nach Santiago errichtet. In der Kapelle liegt ein Gästebuch, aus dem sich ersehen lässt, dass hier nur alle zwei bis drei Tage ein Pilger vorbei kommt. Ich schreibe hinein: "Mein Jakobsweg hinterlässt bei den Zurückgebliebenen Ratlosigkeit und Unverständnis." Vom nächsten Hügel aus sehe ich ganz nah den Wallersee unter mir, aber ich weiß dass ich noch drei Stunden gehen muss, ich muss meiner Freude laut Luft machen.

Ab Pfongau regnet es nicht mehr und die Wege sind mit weithin sichtbaren mit gelben Blechtafeln beschildert. Diese Wegweiser leuchten mir schon von Weitem entgegen und lassen keine Zweifel oder gar eine Verirrungen zu. Ab nun kann der Pilgerführer bis zum Wallersee im Rucksack bleiben, wo die Schilderwut mit einem Schlag wieder verebbt ist.

Der Weg führt am Ufer des Sees entlang, vorbei an vielen, meist schon winterfest gemachten, Badehäuschen. Vor einem der Häuschen essen zwei Frauen bei Kerzenschein zu Abend und grüßen mir zu. Ich habe nie geahnt, dass der Wallersee so lang ist. Endlich komme ich zum Ende des Sees und gehe bereits in der Dämmerung die steile Böschung hinauf nach Henndorf zum Hofbauer, wo ich übernachte. Die Bäuerin richtet mir Holzbrett mit Schinken und Käse, dazu zwei Stiegl-Bier. Nach dem Abendessen gehe ich zu Bett und schlafe fast zehn Stunden.

 
Beim ausgiebigen Frühstück sitzen am Nebentisch zwei Rentnerpaare aus Sachsen. Sie besprechen wie schön, aber auch teuer, es auf dem Obersalzberg war, den sie unabhängig voneinander am Vortag besucht hatten.

Das ansehnliche Zimmer hatte ich schon vor dem Frühstück geräumt und so kann ich gleich losstarten. Auf dem Weg zum See hinunter gehe ich plaudernd neben einer älteren Frau her, die Nordic-Walking macht und ganz ordentlich ausschreitet. Nach zwei Weggabelungen trennen wir uns und ich wende mich dem Weg nach Eugendorf zu. Es geht über hellgrüne Wiesen und durch dunkle Wälder, zum teil heftig bergauf und bergab. Hier gibt es kein einziges Hinweisschild und so bringt mich mein Pilgerführer sicher durch das Zuckzack der Feld- und Wiesenwege. Einmal muss ich nach einem Bauerhof mitten durch eine Weide mit Pferden. Die Stiere auf der Nachbarweide sind ganz an den Weidezaun heran gekommen, um mich anzustieren. Das Gras trägt so viel Tau, dass meine Schuhe bei jedem Schritt ein quatschendes Geräusch von sich geben. Das Wetter bessert sich zusehends und immer öfter sieht man das Blau des Himmels.

Kurz nach Hallwang kommt mir von einer Bergkuppe eine Volksschulklasse entgegen, die blonden Kinder hüpfen fröhlich lärmend den asphaltieren Weg hinunter. Nur die letzen beiden gehen ruhig links und rechts an der Hand einer Begleitperson.

Je näher ich zur Stadt Salzburg komme, um so dichter und breiter werden sie Straßen. Immer öfter komme ich direkt mit dem brausenden Verkehr in Berührung. Es geht weiter über Kasern und Itzling zum Ufer der Salzach. Auf der ersten Bank, die in der Sonne liegt, lege ich meinen Rucksack quer und strecke mich aus. Der Asphalt der letzen drei Stunden hat meinen Beinen nicht gut getan und die linke Kniekehle sendet heftige Schmerzsignale.

Nach einer halben Stunde Sonnenbad nehme ich den Rucksack wieder auf und gehe die Salzach entlang bis zur Griesgasse, dann durch die Menschenmassen in der Getreidegasse und über den Domplatz zum Kapitelplatz, wo ich im Christkönig-Kolleg mein Zimmer nehme. Das gotische Haus direkt unterhalb der Feste Hohensalzburg ist im Flair der 1960er Jahre eingerichtet. In meinem Zimmer gibt es nicht einmal eine Steckdose, um das Handy zu laden. Ich fühle mich wohl in diesem uralten Klotz in den historischen Häuserschluchten Salzburgs, die mich schon als Kind tief beeindruckt hatten.

Ich mache mich frisch, ziehe mein "Abendhemd" an und beginne meinen Spaziergang durch die Stadt. Als erstes hole ich mir vom Erlach eine Leberkäsesemmel, wie in meiner Kindheit, als für mich diese Stadt noch das Zentrum des Universums war. Als nächstes geht es ins Tomaselli, um bei einem kleinen Brauen die Fremden zu beobachten, zu denen ich ja nun eigentlich auch gehöre.

Dann zu einem etwas frühen Abendessen beim Wilden Mann. Ich setze mich am großen Tisch vor dem Haus zu einem alten Mann, bestelle zum Stiegl Bier Leberknödelsuppe und Käseomelett. Am Nebentisch ist eine Gruppe Männer, die ich von einem früheren Besuch kenne und die uns damals mit ihren Geschichten und Sprüchen köstlich unterhalten haben. Jetzt, nach wenigen Jahren, wirke sie wie nach einer schlimmen Katastrophe, und der oberste Spaßmacher hat rote Augenränder, ist dick, kurzatmig und kleinmütig geworden. Als dann von der Kellnerin an unseren Tisch vier ältere Amerikaner gesetzt werden, stürzt der alte Mann an meiner Seite davon.

 
Ich nehme im eleganten Frühstücksraum des Christkönig-Kolleg nur Tee und eine Marmeladesemmel zu mir - hatte ich doch gestern ausgiebig zu Abend gegessen. Anschließend geht es mit dem O-Bus an den Stadtrand; die eine Stunde Auspuffgase will ich mir sparen. Schließlich geht es weiter nach Marzoll zur Staatsgrenze und über das deutsche Eck. Das Grenzhäuschen scheint inzwischen privat bewohnt. Im Bayerischen schneide ich einen mannshohen Haselnussstock, der mich nun bis zum Ende meiner Pilgerreise begleiten wird. Hier am Waldesrand riecht es nach Heu und Minze, überall stehen Kuckuckslichtnelken. Als ich etwas später durch die Fußgängerzone von Bad Reichenhall marschiere, geht es mir wie einer schönen Frau: Alle drehen sich nach mir um und verrenken sich die Hälse, so selten kommen hier Männer mit Pilgerstäben durch.

Ab der Stadtgrenze beginnt der Weg entlang dem Saalachsee und dann der Saalach. Eine Traumwelt aus Sonne, Wald, Wiese und Wasser. Nachdem ich bei Fraunau die Seite des Flusses gewechselt habe, geht es auf einem Waldweg neben dem Fluss hinauf nach Schneizlreuth. Der Haiderhof liegt direkt an der bayerischen Grenze und hier mache ich eine wohltuende Pause bei Knödelsuppe und Wieniger-Bier. Der Biergarten ist voll, die Gäste haben Gitarre und Ziehharmonika mitgebracht und tragen Selbstgereimtes vor. Gleich nach der Grenze weicht der Wald einer riesigen Alm, über die es wieder hinunter zur Saalach und in den Ort Unken hinein geht.

Als Kind war ich immer wieder in dieser Gegend im Heutal, zwei Mal zu Schikursen und ein Mal im Sommer bei einer Wanderung. Damals gab es einen einzigen Schilift und der war nur am Mittwoch und am Wochenende in Betrieb, Lift fahren galt als seltsam und unsportlich.

Mein Quartier nehme ich gegenüber der Kirche von Unken - in der Pension Pfeiffer. Ein großes Haus auf einem Hügel mit beachtlichem Blumenschmuck. Nach dem Duschen ziehe ich mein "Abendhemd" an, esse im Dorfcafé geröstete Knödel und fühle mich wie ein König. Meine Kniekehle tut so, als wäre nie etwas gewesen.

 
Nach einem ausgiebigen Frühstück geht es weiter die Saalach hinauf nach Lofer. Über den Triftsteig und entlang der Teufelsschlucht durch eine wild-romantische Naturlandschaft. In der Nähe der wenigen Orte sind auf den Wanderwegen immer wieder Deutsche im Spätherbst ihres Lebens die hier dem Frühherbst etwas Leben verleihen. Nach Lofer geht es am Loferbach entlang stetig hinauf zum Pass Strub.

Ich bräuchte jetzt, nach dem ununterbrochenen Bergauf, dringend eine Marienerscheinung oder so was, doch ich bin ganz alleine auf dem Weg und es erscheint niemand. Schließlich gelange ich zu einem ansehnlichen Kneipbad mitten im Wald, in dem ich meine geplagten Füße erfrischen kann. Eeiter unten am Teich spielt noch eine Frau mit ihrem Kind, aber an den Kneipeinrichtungen bin ich alleine. Die Sonne brennt vom Himmel; das Wasser für den Teich kommt direkt aus einer grünen Höhle im Berg. Nach zwei Kneiprunden im eiskalten Wasser ziehe ich schön langsam meine Schuhe wieder an, nehme den Rucksack um und es weiter zum Gasthaus Strub, wo ich einen Liter Apfelsaft mit Quellwasser genieße. Es ist kurz vor Mittag und so werden von der Köchin einige Forellen mit dem Käscher aus dem Aquarium vor dem Haus geholt. Zum letzen Mal fülle ich meine Feldflasche mit Quellwasser und es geht weiter hinunter durch Weidring nach Erpfendorf. Auch hier in Tirol grüßen mich in den Ortschaften die Kinder freundlich mit "Griaß di".

Von Erpfendorf aus spare ich mir die letzte Wegstunde nach St. Johann in Tirol und nehme den Bus, um den Zug nach Wien nicht zu versäumen. Ab Wörgel mache ich es mir im Eurocity richtig bequem, esse Crackers und trinke dazu Heidelbeermilch. Dazu kann ich mich in die wundervollen Erzählungen von Hofmannsthal und Goethe vertiefen. Am Westbahnhof werde ich mit einem Glas Rotwein abgeholt, es ist Rioja - wie es zu einem Jakobspilger gehört.