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| Aufgeschriebenes gelangt manchmal zum Leser und oftmals hat das auch sein Gutes, aber nicht immer, wie einige der Buchbesprechungen zeigen. | |
| Meine Klosterbibliothek | |
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Meine Lesegewohnheiten haben sich mit dem Übergang von Buch und Zeitschrift zum Internet radikal verändert. Der direkte Zugriff auf eine geradezu unbegrenzte Textmenge im typografischen Raum hat das, was ich früher unter Lesen verstanden habe, in eine Ecke gedrängt. Meine derzeitigen Lesegewohnheiten muss ich daher etwas näher erläutern, denn aus dem Lesen ist eine Interaktion mit den Texten geworden. Ich lese am liebsten am Notebook und meist korrigiere die Texte gleich, die ich aus dem Netz bezogen habe. Manchmal engagiere ich mich mehr und schreibe Teile um, gestalte eine Geschichte neu oder ergänze sie dort, wo der Autor geschludert hatte. Dabei scheue ich mich nicht, Texte von Größen wie Kafka oder Goethe auseinander zu falten und meinen Vorstellungen anzupassen. Ich finde es schön, mich so in eine Geschichte oder ein Gedicht einzubringen und einen Dialog der besonderen Art mit dem Text (und damit wohl auch den Gedanken) des mir unbekannten Verfassers zu führen. So manchen jungen Schriftsteller plagt der Hochmut und er scheint darüber zu vergessen, dass es beim Schreiben darum geht, Empfindungen und Erlebnisse in der Wahrnehmung des Lesers entstehen zu lassen. Manche von ihnen verirren sich auch im selbst geschaffenen Sprachgestrüpp, verheddern sich in der Verwirrung die die einzelnen Sätze stiften. Manche haben zwar brav viele Wörter, Orthografie und Grammatik gelernt, aber nicht, wie man damit Zusammenhänge formt. Klar ist, dass der Lesewiderstand um so mehr steigt, je ungewöhnlicher die Schreibweise, je schwankender die Konstruktionen und je seltsamer die Wortwahl ist und so dem Leser die Aussage verschleiert. Dann geht die Aufmerksamkeit des Lesers vom Text immer wieder zurück ins Perpetuum Mobile der Alltagsgedanken, die seinen Kopf auch sonst mit stetem Hintergrundrauschen erfüllen. Und gerade diese Todsünden werden immer wieder begangen, zum Glück lassen die sich von einem interaktiven Leser leicht wieder gutmachen, indem er der Geiselhaft der unmotivierten Unterbrechungen entflieht. Manche mögen das für Vandalismus halten, aber für mich ist das gestalterische Herausforderung. Und: viele der modernen Autoren haben zwar hervorragende Ideen, können sie aber nur unzulänglich umsetzen und dann glätte ich eben die Holprigkeiten in Logik, Erzählweise und Sprache, wenn sie mich stören. (Thorberg hatte das bei den genialen Geschichten von Herzmanovsky-Orlando auch gemacht, sonst wären die niemals publizierbar gewesen.) Die technische Umsetzung von Ideen hat im Internet andere Voraussetzungen und Ergebnisse als in der Buchdruckzeit. Dass man ein Buch gemeinsam mit anderen schreibt, war im Buchzeitalter die Ausnahme, wird aber zum Standard in den neuen Medien werden. Heutzutage ist der Name eines Schriftstellers nicht viel mehr als eine Bezugsadresse im typographischen Speicher des Netzes und ich kompiliere die Texte von anderen und bündle die vorhandenen Informationen. Nach wie vor gehe ich aber liebend gerne in Buchhandlungen, schau mir die Neuerscheinungen an, wühle in den Bücherbergen und kaufe dann auch meist ein Buch. Uneingeschränkt faszinieren mich alte Bibliotheken und ich weiß es bei meinen Sommerausflügen immer so einzurichten, dass ich jedes Jahr eine andere Klosterbibliothek kennen lerne. Das Gebäude für meine elektronische Klosterbibliothek ist längst fertig; nun ist die Inneneinrichtung dran, der Lesesaal ist vollendet, ein paar Handwerker polieren die Edelhölzer und hängen noch die letzen Bilder auf, während ich die Bücherregale einräume. Die Texte habe ich über das Internet bezogen und die Feinabstimmung übernehme ich selbst. |
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| Glatteis-Texte | |
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Ich habe mir ein neues Buch gekauft, das von den Kritikern in den einzelnen Medien zwar nicht gerade hoch gerühmt wird, doch gebührend beachtet. Das Werk stellt sich aber bereits auf der ersten Seite als klassischer Fall eines Glatteis-Textes heraus. Du beginnst konzentriert mit der Lektüre, doch spätestens nach einer halben Seite gleitet deine Aufmerksamkeit von dem darin Mitgeteilten zurück ins Nirwana der Alltagsgedanken, die deinen Kopf sonst mit stetem Hintergrundrauschen erfüllen. Gerade um dem zu entkommen, wolltest du dir ein Werk der Literatur vornehmen. Wie kommt es zu diesem Abrutschen? Warum ist der Lesewiderstand, mit dem sich dieses Werk dem Leser entgegen stemmt, so gewaltig? Die Sprache des Verfassers löst sich immer wieder in semantische Nullstellen auf, die ein verstehen wollendes Leserhirn praktisch andauernd ins Leere plumpsen und alsbald frustriert abschalten lassen. Das Buch wehrt sich geradezu gegen das Gelesen-Werden. Bereits die ersten Zeilen reihen eine Ungenauigkeit an die andere. Und schon entsteht ein verschwommenes, in Details geradezu groteskes Bild der Szenerie, die der Verfasser seinem Leser präsentiert. Der Autor scheint seine Sätze nur zustande zu bringen, wenn er zwischen den einzelnen Satzteilen öfter aufs Klo geht, die Fernsehprogramme durchzappt, aus Fadesse irgendwen anruft oder sonst etwas mit sozialer Kompetenz unternimmt. Irgend etwas jedenfalls treibt er, das das Schreiben immer wieder unterbricht und ihn seine Konzentration kostet. Anders kann man sich diese stümperhafte Anhäufung und Übereinanderschichtung der Wörter nicht erklären. Der Autor unterbricht manchmal seinen Stil der Verschwommenheit und setzt erhöht den Text hin und wieder mit einem Licht, in Form eines besonders gelungenen sprachlichen Bocks. Er erfüllt sich den Wunsch, manchen Satz besonders glänzend zu formulieren oder was er eben dafür hält. Diese fulminanten Passagen treiben wie erstarrte Fettaugen auf der kalten Suppe seines Textes und katapultieren den Leser heraus aus der Imagination des Textes zurück in seinen Alltag. Dem Autor fehlt es an Demut vor der Sprache. Er ist ein schlampig formulierender, unscharf denkender, zugleich hochmütiger und eingebildeter Mensch, der sein Medium zu beherrschen vermeint, in Wirklichkeit jedoch von ihm beherrscht wird und in jedes Loch hineinfällt, das sich ihm auf tut. Der Autor scheint nicht zu wissen, dass es beim Schreiben darum geht, Empfindungen und Erlebnisse in der Wahrnehmung des Lesers entstehen zu lassen. Durch das bloße Aufsagen der Bezeichnung des betreffenden Gemütszustandes oder Erlebnisses wird das kaum gelingen. Dieser literarische Ansatz gleicht einem Versuch, durch das Herausbrüllen des Wortes "Witz!" andere zum Lachen zu bringen. |
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| Pädagogenkitsch | |
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Echte Literatur hat natürlich nur am Rande mit Pädagogenkitsch oder der Geschäftemacherei von Verlagen zu tun. Verlage, Literaturkritiker und Pädagogen sind natürlich mit Abstand die wichtigsten Förderer von literarischen Arbeiten, doch der Cyberspace beginnt ihnen den Rang abzulaufen, denn dort ist Neues und Aktuelles zu lesen und nicht immer nur Gesichertes und längst Publiziertes. Dass die Pädagogen die literarische Einstiegsdroge zumeist in Form von Kitsch und Altpapier liefern ist zwar schlimm, aber nicht zu ändern. Pädagogenkitsch verkleistert das Leseinteresse der Jugend mit Banalitäten, die sich kaum noch überbieten lassen. Dazu kommen noch die Klassiker, die ihre mehr oder weniger ewigen Wahrheiten im Korsett einer Gesellschaft präsentieren, die es in unserer Welt längst nicht mehr gibt und die auch heute keiner mehr versteht. Werthers Leiden müssten heute Lesers Leiden heißen, so entmutigend ist dieses Wortgebilde. Natürlich ist Pädagogenkitsch populär wie sonst kein Genre der Literatur, ist er doch für das Heer der dadurch gebildeten Nichtleser das einzige, was sie je gelesen haben. Deutschlehrer haben es in der Hand, was Leser und Nichtleser irgendwann einmal durch ihren Zwang gelesen haben werden. Aber das ist keine gemeinsame Basis, genau so wenig wie der Zeitpunkt des täglichen Unterrichtsbeginns gemeinsame Basis ist oder die Zehnuhrpause, die Notenskala, die Verteilung der Ferien übers Jahr oder andere pädagogische Organisationsstrukturen. Pädagogenkitsch ist unverzichtbarer Teil der pädagogischen Organisationsstruktur und nur in Grenzfällen auch Teil der Kultur. Das Buch als Informationsträger oder Quelle des Konsums von Literatur wird immer seltener. Viele Menschen, die das Internet nicht mehr annehmen können - vor allem Schriftsteller und Pädagogen, die sich nicht der neuen Zeit anpassen können - beklagen lauthals und ungefragt, dass die neuen Medien immer mehr zum flüchtigen Ersatz für das Lesen von Büchern wird. Solche Leute meinen, dass das oberflächliche Lesen im Internet niemals das wirkliche Lesen ersetzen könne. Was haben ihre geistigen Vorläufer über die Jahrhunderte sich nicht über den Buchdruck, die Eisenbahn und das Fernsehen beklagt. Buchdruck und Eisenbahn sind jedenfalls aus dem Schlimmsten heraus und werden heute nicht einmal mehr von Menschen aus dem Über-Vorgestern kritisiert. Erfahrung mit dem Online-Lesen gibt es
jedenfalls bereits: Kinder lesen am Bildschirm aufmerksamerer wenn sie viel
surfen oder sich regelmäßig in Computerspiele vertiefen, als solche Leute
die das Lesen der Printmedien gewöhnt sind. Diese Kinder und Jugendlichen
sind es gewöhnt gerade am Bildschirm keine Leserfehler zu machen, denn dann
verlieren sie jedes Spiel. Mehr zu den neuen Lesegewohnheiten im Interview
von Achim |
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