Die Literatur- und Textkritik im Salon Actoid. Was bedeutet eigentlich Literaturkritik, und auf welche Art von Literatur bezieht sie sich? Es gibt keine tatsächliche Antworten auf diese konkrete Fragen. Die besprochenen Bücher sind bunt zusammengewürfelt wie Besucher eines Kaffeehauses. Die Kritik ist subjektiv wie die Meinung an einem Wirtshaustisch und ungerecht wie das Leben.

Die folgenden ausgewählten Texte bieten Rezensionen vorwiegend zu Druckwerken,  wie sie von ernsthaften Verlagen herausgebracht werden - aber auch zu digitaler Dichtung wie sie als Hypertextliteratur im Netz zu finden ist.

Nimm dir zur Feier des Tages ein paar Minuten Zeit, um durch diese Gift getränkten Texte zu browsen. Es ist nicht auszuschließen, dass du jede Menge Vergnügen dabei empfindest.

 
Die Süddeutsche Zeitung bietet 2006 eine Auswahl von 50 Kriminalromanen an, von denen ich wenigstens die Hälfte der Bändchen lesen werde. Für mich als nachhaltiger Krimiverweigerer eine gute Möglichkeit diese Scharte auszuwetzen und das Genre halbwegs kennen zu lernen. Jedem gelesenen Buch habe ich ein persönliches Prädikat verliehen, das vor allem von einer literarischen Beurteilung ausgeht: 1=ausgezeichnet, 2=sehr gut, 3=gut, 4=schlecht, 5=grottenschlecht.

Doch viele der Bände sind in einer Rechtschreibung abgefasst sind, die dringenden einer Reform bedarf. Sie sind leider eine vor Fehler im Schriftsatz strotzende Zumutung. Einige Wörter sind so stark entstellt, dass man beim besten Willen die wahre Bedeutung kaum erraten kann.

  1. Dashiell Hammett:
    Der Malteser Falke.
    Prädikat: schlecht, altväterlich, brutal, dümmlich.
  2. Henning Mankell: Die fünfte Frau. Prädikat: ungelesen.
  3. Patricia Highsmith:
    Venedig kann sehr kalt sein.
    Prädikat: schlecht, einer jener 08/15 Krimis, die man mit Recht gleich wieder vergisst.
  4. James Ellroy: L. A. Confidential. Prädikat: ungelesen.
  5. Friedrich Dürrenmatt: Das Versprechen. Prädikat: ungelesen.
  6. Georges Simenon:
    Maigret und die junge Tote.
    Prädikat: schlecht, unsympathischer Macho als Hauptperson.
  7. Josef Haslinger: Opernball. Prädikat: ungelesen.
  8. Leif Davidsen: Der Augenblick der Wahrheit. Prädikat: ungelesen.
  9. Chester Himes: Die Geldmacher von Harlem. Prädikat: ungelesen.
  10. Fred Vargas: Die schöne Diva von Saint-Jacques. Prädikat: ungelesen.
  11. Charles Willeford: Miami Blues. Prädikat: ungelesen.
  12. Phyllis D. James: Was gut und böse ist. Prädikat: ungelesen.
  13. Graham Greene:
    Unser Mann in Havanna.
    Prädikat: gut, einfühlsam.
  14. Robert van Gulik:
    Richter Di bei der Arbeit.
    Prädikat: ausgezeichnet, grandiose Einblicke in das China des 7. Jahrhunderts.
  15. Leonardo Sciascia:
    Der Tag der Eule.
    Prädikat: gut, bedrückend.
  16. Dick Francis: Rufmord. Prädikat: ungelesen.
  17. Ulf Miehe:
    Ich hab noch einen Toten in Berlin.
    Prädikat: grottenschlecht.
  18. Margaret Millar:
    Liebe Mutter, es geht mir gut ...
    Prädikat: sehr gut, reizvolle Erzählung.
  19. Boris Akunin: Fandorin. Prädikat: ungelesen.
  20. Agatha Christie: Tod auf dem Nil. Prädikat: ungelesen.
  21. Arnaldur Indriðason: Todeshauch. Prädikat: ungelesen.
  22. Ross MacDonald:
    Der blaue Hammer.
    Prädikat: gut, spannend.
  23. Jean-Patrick Manchette: Nada. Prädikat: ungelesen.
  24. Raymond Chandler:
    Der große Schlaf.
    Prädikat: gut, ein Durchschnittskrimi, den zu lesen Spaß macht.
  25. Veit Heinichen:
    Gib jedem seinen eigenen Tod.
    Prädikat: ausgezeichnete Einsichten in die Machenschaften der Mafia.
  26. Tom Sharpe:
    Puppenmord.
    Prädikat: ausgezeichnet, bedrückende Schilderung des Alltags eines Berufsschullehrers.
  27. Magdalen Nabb:
    Tod in Florenz.
    Prädikat: anfangs gut und zum Schluss besser.
  28. Petros Markaris: Nachtfalter. Prädikat: ungelesen.
  29. Stephen King: Carrie. Prädikat: ungelesen.
  30. Gunnar Staalesen:
    Die Schrift an der Wand.
    Prädikat: gut und spannend zu lesen, leider eine vor Fehler strotzende Fassung.
  31. Jason Starr:
    Top Job.
    Prädikat: sehr guter, schicksalhafter Thriller.
  32. Val McDermid: Die Erfinder des Todes. Prädikat: ungelesen.
  33. Donna Leon:
    Venezianisches Finale.
    Prädikat: sehr gut, eine bitterschöne Geschichte im bildschönen Venedig.
  34. Barbara Vine: Die im Dunkeln sieht man doch. Prädikat: ungelesen.
  35. Jean-Christophe Grangé: Die purpurnen Flüsse. Prädikat: ungelesen.
  36. Martin Suter: Die dunkle Seite des Mondes. Prädikat: ungelesen.
  37. Stanislaw Lem: Der Schnupfen [Solaris]. Prädikat: ungelesen.
  38. Eric Ambler: Topkapi. Prädikat: ungelesen.
  39. Jakob Arjouni: Kismet. Prädikat: ungelesen.
  40. Dan Kavanagh: Duffy. Prädikat: ungelesen.
  41. John le Carré: Der Spion, der aus der Kälte kam. Prädikat: ungelesen.
  42. Joan Aiken: Die Kristallkrähe. Prädikat: ungelesen.
  43. Doris Gercke: Weinschröter, du musst hängen. Prädikat: ungelesen.
  44. Ian McEwan: Unschuldige [Saturday]. Prädikat: ungelesen.
  45. Ingrid Noll: Die Apothekerin. Prädikat: ungelesen.
  46. Liaty Pisani: Der Spion und der Schauspieler
  47. Hans W. Kettenbach: Minnie oder Ein Fall von Geringfügigkeit. Prädikat: ungelesen.
  48. Brian Moore: Hetzjagd. Prädikat: ungelesen.
  49. Bernhard Schlink, Walter Popp: Selbs Justiz [Liebesfluchten]. Prädikat: ungelesen.
  50. Jörg Fauser: Der Schneemann. Prädikat: ungelesen.
 
"Um meine Geschichte zu erzählen, muss ich weit vorn anfangen. Ich müsste, wäre es mir möglich, noch viel weiter zurückgehen, bis in die allerersten Jahre meiner Kindheit und noch weit über sie hinaus in die Ferne meiner Herkunft zurück." Dieses Wortgefüge setzt Hermann Hesse an den Anfang seines Romans Demian. Diese Aussage gilt nicht nur für seine Romanfigur, sondern uneingeschränkt für jeden Menschen. Das dichterische Werk Hermann Hesses ist durchzogen von der Suche nach der eigenen Identität und der Auseinandersetzung damit. Es geht nicht um die Geschichte eines an den Haaren herbeigezogenen fremden Buben, sondern um das Kind, das immer noch im Autor wohnt.

Eine Erzählung über die ersten Risse in der Kindheit in der bis dato heilen Welt des Emil Sinclair. Einem Kind, das in zwei sich berührenden Welten aufwächst: da ist das Leben seiner Eltern, vertrauter Wohlstand, nach festen Regeln gefügt und auf der anderen Seite das Draußen der Dienstboten, Handwerksburschen, Raufbolden, Kriminalität und der Armut. Überdies gibt es noch Max Demian, ein paar Jahre älter und ein paar Klassen weiter als Emil. In diesen Welten findet Sinclair den Weg zur Selbstfindung.

Die Philosophie von Demian, dem selbst noch jugendlichen Mentor Emils, weist den Weg aus der Kindheit und das durch diese Metamorphose erlangte Wissen wird an einen elitären Kreis von verwandten Seelen weitergegeben.

 
Aus dem Nachlass meiner Mutter sind mir zwei schmale Bändchen von Marion Gräfin Dönhoff (1909-2002) auf mich gekommen: Kindheit in Ostpreußen und Namen die keiner mehr nennt.

Beide Bücher sind eine gute Medizin gegen das Vergessen einer vor mehr als einem halben Jahrhundert untergegangenen Welt. Die eindringliche Geschichte einer Kindheit in einem fernen Land und seinen Menschen.  Detailliert und oft mit Ironie werden Erlebnisse, Begegnungen, verwandtschaftlichen Beziehungen und die Geschichte der Familie vor dem Leser ausgebreitet. Eine liebevolle Erinnerung an Landschaften, Gutshöfe und Menschen, die ein Kind geprägt haben.

Immer wieder wird der Leser in brillanten historischen Skizzen Jahrhunderte zurück geführt. Dabei wird die Bedeutung des Deutschen Ordens bei der Urbarmachung Ostpreußens dargestellt, ebenso die Wirtschaftsgeschichte dieser Provinz in Verbindung mit den Leistungen der Vorfahren der Autorin. 600 Jahre, nachdem ihre Vorfahren von der Ruhr gen Osten gezogen waren, legte die Autorin - genau wie damals zu Pferd - den umgekehrten Weg zurück.

Ohne Sentimentalität und nüchtern erleben wir auch diese grausame Flucht aus jener geschlossenen Welt. Immer werden die abscheulichen Bilder dieser Erzählung zu denen des Lesers. Wachsende Melancholie stellt sich beim Lesen ein, um so mehr als die Zerstörung der Menschen und deren Lebensgrundlage und Kultur ein absolutes Nichts in diesem Raum hinterlassen hat.

 

Ich habe neulich eine Kalorientabelle aus dem Orac-Verlag erstanden. Ein handlicher Büchlein in der der unglaublichte Nahrungsmittel aufgeführt sind, einer der Höhepunkte ist das Produkt "Zwei dabei, Eigenhautwürstchen von Redlefsen" mit 280 kcal bzw. 1180 kJ pro 100g. Dazu fallen mir spontan einige Dinge ein:

Erstens möchte ich das Produkt sehen und vielleicht einigen übergewichtigen Freunden als abschreckende Läuterung vorsetzen - nix da, es gibt keinerlei Eigenhautwürstchen zu kaufen.

Zweitens beginnt man im Büchlein zu suchen, was der Facharzt für medizinische und chemische Labordiagnostik, Arzt für Allgemeinmedizin, Lehrbeauftragte der Uni Wien, Vortragender an der Akademie für den höheren medizin-technischen Laboratoriumsdienst am Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien, Dr. med. Johannes Radek noch alles an höheren Gruselspeisen zusammengetragen hat - man staunt nicht schlecht, es sind 7000 Nahrungsmittel in seiner Sammlung, von denen viele (Gott sei Dank) gar nicht im Handel angeboten werden.

Drittens stelle ich Überlegungen über die Firma Redlefsen an. Ich stelle mir das so vor, dass der übergewichtige Redlef sen., angetan mit einer Fleischerschürze und einem drolligen weißen Mützchen auf dem Kopf, ekelige Würstchen nach eigenem Bilde herstellt. Währenddessen kreiert sein im Fleisch-Wohlstand aufgewachsener Sohn Redlef jun. mit einem Freund in seinem coolen Designerbüro Produktnamen. Dazu gehören nicht nur die bereits erwähnten Zwei dabei Eigenhautwürstchen von Redlefsen, sondern auch Produkte mit den wohlklingenden Namen "Zwei mit Ketchup", "Zwei mit Senf", "Zwei-mal-zwei Maxi-Landrauchwürstchen" und "Zwei-mal-zwei Truthahn".

 

Von den Büchern, die ich "in Arbeit habe", geht mir eins besonders nahe: Willy Peter Reese "Mir selber seltsam fremd". Eine Art Tagebuch, entstanden der Zeit 1941-1944 an der Ostfront. Das Buch hat mich deshalb so ergriffen, weil es durch die Schilderung von persönlichen Erlebnissen die Ungeheuerlichkeit des Krieges und des Nazi-Regimes erfahrbar macht. Abstoßend ist, wie in dieser Ausnahmesituation ein junger Mann zerbricht, der in dämmriger Wahrnehmung das grausame Kriegshandwerk schildert. Ein Dokument des Grauens und eine zutiefst bedrückende Lektüre.

Die vom lyrischem Überschwang ständig zum oberflächlichen Wortgebrauch wechselnde Ausdrucksweise und die merkwürdige Rechtschreibung machen diesen Lesestoff nicht gerade erfreulicher und auch dem Leser seltsam fremd.

Willy Peter Reese, Sohn eines Duisburger Steuerberaters, Abiturient, Bankkaufmann, Soldat der Wehrmacht, stirbt 1944 an der Ostfront an einem unbekannten Ort im Alter von 23 Jahren.

 
Der Witz des Otto Julius Bierbaum (1865-1910) bereitet auch heute noch köstliche Unterhaltung. Er beherrscht die Kunst mit gewöhnlichen Worten ungewöhnliche Geschichten zu erzählen. Seine behände Bändigung der Worte sorgt noch nach hundert Jahren für ein ungetrübtes Lesevergnügen. 

Otto Julius Bierbaum studierte Recht, Philosophie und auch Chinesisch in Zürich, Leipzig, München und Berlin. Er stammte aus Niederschlesien, lebte er in Leipzig, München, Oberbayern, Berlin, Italien, Südtirol, Wien und schließlich in Dresden.

Besonders geeignet zum Einlesen sind etwa die herzzerreißende Erzählung "To-lu-to-lo oder Wie Emil Türke wurde" oder das laszive Gedicht "Frühlingszuruf". Wie allen Deutschen Klassiker kostenlos zu beziehen beim Projekt Gutenberg ...

 
Die so genannten Mozart Tagebücher sind nur eine elende Satire. Die Texte des dürftigen Büchleins sind vom "Satiriker" und Titanic Autor Eugen Egner geschrieben und sollen als Karikatur den bestürzenden Einblick in die Seele eines Menschen zeigen, der vom Vater völlig beherrscht wird und innerlich zerstört keine eigene Linie finden kann. Die Spuren vom Wunderkind und dem ewig heiteren Genie sollen verwischt werden.

Vom Verfasser wird eine Tragikkomödie der Stumpfheit und Verzweiflung des Wunderkindes und des Ausnahmemusikers gezeigt, als hätte er diese höchstselbst in spärlichen Einträgen hin und wieder seinen Tagebüchern anvertraut.

 
Der Roman "Die Päpstin" ist das Machwerk einer Amerikanerin (Donna Woolfolk Cross), die nichts von Europa und von Geschichte weiß - nur das, was in einem populärwissenschaftlichen Buch über Geschichte, Religion und Kultur für Feministinnen zu stehen hätte. Klar ist das neunte Jahrhundert kein einfacher Handlungshintergrund für amerikanische Autorinnen. So wie diese Geschichte aufgezogen ist, könnte das aber auch heute in einem x-beliebigen Land mit patriarchalischer Gewaltkultur wie Ex-Jugoslawien oder der arabischen Welt spielen.

Das alles gilt aber nur für die das erste Viertel des Buches, denn mehr war für mich nicht zu ertragen. Ich habe mich beim Lesen immer wieder gefragt, ob der Lektor des Buches ein heimlicher Feind der Autorin ist oder einfach genau so dümmlich-selbstgefällig wie sie selbst.

 
Wolf Haas schreibt Kriminalromane, quasi Vordergrund. In Wirklichkeit benützt er eine ganz normale Alttagssprache für die Veranschaulichung des Alltagsunglücks seiner Charaktere, quasi Hintergrund. Keine Helden, keine Mythen, keine attische Tragödie, quasi Alltagsleben. Spannend und witzig, das glaubst du nicht.

Mit großem Vergnügen habe ich die in Brenner-Sprache geschriebenen Romane von Wolf Haas genossen: Auferstehung der Toten, Der Knochenmann, Komm süßer Tod, Silentium und Wie die Tiere. Aber Ausgebremst ist gar nicht mein Fall und der letzte Krimi Das ewige Leben fehlt mir noch in meiner Sammlung.

 
Es ist herrlich in der Wintersonne in meiner Dachkammer am Fenster zu sitzen und den faden Flaubert zu lesen, der zwar vor 150 Jahren in Ägypten war, darüber aber nur spärliche Informationen in unsere Zeit weiter geben kann. Leider ist er ein inhaltlicher wie sprachlicher Langweiler (obwohl er selbst so hohe Ansprüche an seine Werke gestellt hatte - 7 Jahre für jeden Roman, die Hälfte davon Vorbereitung). Das Interessanteste an diesem Buch sind wohl die immer wieder eingestreuten splitterartigen Notizen über die menschliche Sexualität (die meist von seiner Nichte, als Erbin und Herausgeberin, stark zensuriert worden sind).

Das ganze Buch ist eine Art Abschrift von Notizzetteln, wobei man immer wieder das Gefühl hat, dass die wichtigeren Aufzeichnungen verlorenen gegangen sein müssten, da er nie das beschreibt, was einen Fremden im Land interessieren könnte. Dazu kommt noch der real existierende tränenreiche Abschied von seiner Mutter und, dass er sein urlangweiliges Leben nur in diesen zwei Jahren etwas interessanter inszeniert hatte. Aber immerhin besser als nichts über diese spannenden Zeiten.

Da ist mein verehrter Alfred Brehm schon ein anderes Kaliber, der noch dazu exakt gleichzeitig in Ägypten gewesen war und grandiose Geschichten mitgebracht hatte. So gut, dass sie Karl May abgeschrieben, mit seinen Figuren belebt und eine Menge Geld daraus generiert hatte.

 

Vor einiger Zeit hat mir der Briefträger drei Biografien gebracht, die ich per Internet bestellt hatte.

Die erste Biografie ist von einem, der sich auf das Schreiben versteht: Thomas Bernhard "Der Keller. Eine Entziehung".

Die zweite Biografie ist von einem geschrieben, der sich auf das Leben versteht: Helmut Berger "Ich. Die Autobiographie". An diesem Buch kann man sehen, dass man nicht nur die Geschichten erlebt haben muss wenn man sie weiter geben will, sondern sie auch erzählen können sollte. Ein typischer Glatteis-Text.

Die dritte Biografie ist von einer, die gar nichts versteht: Jacqueline Dauxois "Der Alchimist von Prag. Rudolf II. von Habsburg. Eine Biographie". An diesem Buch zeigt sich das Problem des Buchversandhandels: man kann die Bücher vor dem Kauf nicht durchblättern. (Das Fehlen des Stichwortregisters hätte mich das Bändchen sofort wieder zurück legen lassen.) Die forsche Dame frappiert damit, die Gedanken, Einschätzungen und Stimmungen wiedergeben zu können, die vor vierhundert Jahren im Kopf des Kaisers brodelten, gibt aber so nebenbei zu, nur den Namen des Erstgeborenen von seinen sechs Kindern zu kennen. Leider steht sie mit den historischen Fakten auf Kriegsfuß, zieht falsche Schlüsse und missversteht diese Mischung aus spanisch-österreichisch-böhmischer Kultur gründlich. Sätze wie "Der erdrückende Schatten des Katafalks von Karl V. wird über seinem [Rudolfs] ganzen Leben lasten." lasten erdrückend über dem ganzen Buch als Schatten der fortwährenden Spekulation dieser Dame über das, was damals gewesen sein könnte. Bedenklich mit welcher Beliebigkeit in diesem Glatteis-Text historische Ereignisse dargestellt und ausgemalt werden.