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Bübchen Bübchens Mutti Bübchens Vati |
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Ich zeichne hier die Geschichte meines Vaters auf, dabei geht es um den Zeitabschnitt vor meiner Erinnerung, von seiner Geburt bis zur Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. |
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| In Vatis Leben spielt der Beruf als Lehrer die größte
Rolle, dazu kommen der Fußball und die sozialistische Bewegung. Außerdem die
quälenden Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg.
Vatis Geschichte kenne ich fast nur aus der Erinnerung meiner Mutter und aus Dokumenten, die aus seinem Nachlass auf mich gekommen sind. |
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| Vatis Kindheit | |
| Vati stammt aus einer seit Jahrhunderten im Innviertel
ansässigen Familie von Landwirten
ab, darunter sind reiche Holzbauern ebenso wie Handwerker, die ihren Hof im
Nebenerwerb betreiben. Vatis Eltern sind Bübchens eigentliche Großeltern,
denn Muttis Eltern sind schon viele Jahre tot, als er auf die Welt kommt.
Vati kommt 1916 mitten im Ersten Weltkrieg als Sohn eines Landwirts auf dem Hof in Lüfteneck zur Welt, als das jüngste von drei Kindern. Fünf Monate später stirbt der 86-jährige Kaiser Franz Joseph I., er war 64 Jahre Kaiser des zweitgrößte Land Europas - nur wenige im Reich können sich an einen anderen Kaiser erinnern. Großvater kauft vor der Ehe in Lüfteneck bei Altheim ein Bauerngut. Der Mittertennhof aus dem 16. Jahrhundert ist typisch für den oberösterreichischen Alpennordrand und zeichnet sich durch die Anordnung der Tenne zwischen Stall- und Wohnteil aus. Er vereinigt Wohnhaus, Stadel und Stall unter einem Dach mit all den dazugehörendem Hausrat und Gerät. Nur das Plumpsklosett ist außerhalb, seitlich neben dem Stall über der Senkgrube gebaut. Der Hof liegt am Waldrand hoch über dem Altbachtal am Ende eines steilen Hohlwegs an dem der Hof eines der beiden letzten Häuser vor dem Wald ist. Das Dorf liegt im Altbachtal, dort gibt es einen Kramer, der alles führt, was auf den Höfen nicht selbst hergestellt werden kann: Zucker, Salz, Holzschuhe, Arbeitskleidung. Der Schmied kann alles herstellen und reparieren, was an Geräten auf den Höfen benötigt wird, außerdem kennt er sich beim Vieh aus. Im Gasthaus gibt es Bier und Kracherln. Aber es gibt keine Kirche und so gehen die Frauen und Mädchen am Sonntag die zweieinhalb Kilometer zur ersten Messe und die Männer und Buben zur zweiten. Hof und Vieh bleiben dann eine halbe Weglänge unbeaufsichtigt. Die Männer gehen ins Gasthaus neben der Kirche während die Frauen zu Hause das Mittagessen kochen. Direkt neben dem nach Süden gelegenen Haustor sind Brunnen und Backofen und auf der anderen Seite die Sonnenbank. Einige Schritte weiter der Wurzgarten mit all vielerlei Gemüsen, knallbunten Blumen, aromatischen und heilkräftigen Kräutern, den unglaublichsten Retticharten und dem für Bübchen viel zu scharfen Kren. Das Ganze eingerahmt von verschiedenen Sträuchern mit köstlichen gelben, grünen, roten und schwarzen Beeren. Noch einige Schritte weiter nach Süden der Obstgarten mit Zwetschgen-, Apfel- und Birnbäumen. Als der Großvater um die Großmutter anhält, versichert sie ihm: "Ich werde nicht bis zu meinem Tod hier bleiben." Sie ist aber dann doch geblieben und dort mit 74 gestorben. Im Haus gibt es als Lesestoff nur die Bibel und einige Heiligenbücher, anderen Büchern traut Großmutter nicht zu, dass da etwas wichtiges drinnen stehen könnte. Jeden Donnerstag bringt der Briefträger die lokale Wochenzeitung, die "Neue Warte am Inn", die dann als Wochenendleküre ganz genau Wort für Wort gelesen und kommentiert wird. Nach dem Anschluss gibt es dann auch bald einen preiswerten Volksempfänger, der im Westfenster der Wohnstube steht. Beten ist eine ernste Sache, gebetet wird fünf Mal am Tag. Nach dem Erwachen im Bett, am Tisch vor den drei zeitlich genau festgelegten Mahlzeiten und am Abend im Bett vor dem Einschlafen. Dazwischen auch wenn ein Familienmitglied oder Vieh erkrankt ist, bei Gewittern und auch sonst allen Gefahren für Menschen, Hof und Vieh. Das Vaterunser vor den Mahlzeiten ist durch Wortzusammenfassungen auf wenige Sekunden verkürzt, um nicht so lange bis zum Essen warten zu müssen. In jeder Familie gibt es eine eigene Kurzversion der Gebete, zur Belustigung von Vati und seinen Freunden sagen kleinere Buben um eine Krone ihr Vaterunser auf, bis es die Freunde auswendig hersagen können. Eine dieser Kurzformen für den an sich für Kinder unverständlichen Satz: "Du bist gebenedeit unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes: Jesus Christus." verkürzt sich beachtlich auf "u-bedeit-ern und bedeit". Beim Frühstück auf der Eckbank unter dem Herrgottswinkel bekommt der Vater zwei Zuckerstücke in den Kaffee, die Mutter eines und die Kinder je ein halbes. Mittags werden auch die Fleischportionen nach dieser Regel aufgeteilt. |
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| Vatis Schulzeit | |
| Mit viel Freude geht Vati
ab 1922 in die sechsklassige Volksschule und saugt das dort Dargebotene wie
ein Schwamm in sich auf, bewundert das Wissen der Lehrer und verehrt sie
trotz ihrer Strenge. Da er ein guter und angepasster Schüler ist, hat er
kaum unter den drakonischen Stock- und Demütigungsstrafen zu leiden. In das
Zeugnis der ersten Klasse schreibt seine Lehrerin Julia Jobst in spitzer
Kurrentschrift: "Sehr brav und fleißig!". Der Schulweg ist über
drei Kilometer und Vati wird dafür wohl am Anfang eine Stunde dafür
gebraucht haben, bei Regen und Sonnenschein und im Winter durch den hohen
Schnee, so etwas wie eine Straßenräumung gibt es nicht.
Nach der sechsklassigen Volksschule wird Vati in der Bürgerschule in Braunau am Inn aufgenommen. Dazu legt er eine Prüfung ab, um die ersten beiden Klassen überspringen zu können. In Rechnen und Geometrie ist er gerade so durchgeschlüpft, Deutsch und Geografie selbstredend sehr gut. Der Schulweg beträgt nun sechs Kilometer zum Bahnhof, 16 Kilometer mit der Bahn in die Bezirkshauptstadt und dann nochmals einen Kilometer zu Fuß. Einmal gibt es so spiegelblankes Glatteis, dass man die Strecke auf allen Vieren in die Stadt kriechen muss. Nach dem Abschluss der Bürgerschule wird er schließlich in das bischöfliche Lehrerseminar in Linz aufgenommen, wo er 1935 seine Matura ablegt. |
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| Vatis Jugend | |
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Mit dem Abschluss des Lehrerseminars ist der erste Teil seines größten Wunsches und seiner Berufung Lehrer zu werden in Erfüllung gegangen. Doch bis er sich uneingeschränkt seiner Berufung widmen kann, hat er noch zehn bittere Jahre zu überstehen. In seinem gesamten Berufsleben wird er dann keinen einzigen Tag in der Schule fehlen. Im Land herrscht Lehrerüberschuss und daher ist vorerst nicht daran zu denken eine Lehrerstelle zu bekommen. Von 1935 bis 1936 macht Vati zur Überbrückung die Ausbildung zum Reserveoffizier als Einjähriger Freiwilliger beim Österreichischen Bundesheer, in der Hoffnung gleich anschließend eine Anstellung als Lehrer zu bekommen. Er mustert als Korporal der Artillerie ab und wird zum Unteroffizier der Reserve ernannt. Von 1936 bis 1937 überbrückt er ein weiteres Jahr ohne Anstellung als Lehrer mit einer Stelle in der Sparkasse Altheim. Es wird ihm 1937 bescheinigt, dass er "sich im Spareinlagengeschäft, Kontokurrent, Banken und Kontrollen vorzüglich eingearbeitet" hat. Jedenfalls hat er sich in diesem Jahr als Zwanzigjähriger genügend Geld gespart, dass er sich einen Anzug machen lassen und sein erstes Motorrad kaufen kann. Das Motorrad wird stolz und für jeden sichtbar in der Diele des Wohntraktes des elterlichen Bauernhofs abgestellt. Als begeisterter Motorradfahrer tritt Vati 1938 nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich mit seinen Motorradfreunden dem NSKK (NS Kraftfahrerkorps) bei, bekleidet aber keinerlei Funktion. Später ist er sehr unglücklich über diesen unbedachten Schritt. |
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![]() Vatis Lehrerposten: |
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| Vati im Krieg | |
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Im Leben meines Vaters spielt der Zweite Weltkrieg eine bedeutende Rolle, denn einen Teil seiner Jugend hat er bei der deutschen Wehrmacht verbracht. Weder er noch ich sind Militaristen, doch ist es notwendig Vatis verlorene Jahre während des Krieges nachzuzeichnen, um ihn besser verstehen zu können. Vati wurde am 27. August 1939 zur Wehrdienstleistung einberufen und gleichzeitig vom Schuldienst in Seiga-Hans beurlaubt. Seine Adresse ist ab nun mehr die Feldpostnummer 2605 C. Der Dienstgrad der Absolventen des Einjähriger Freiwilligenlehrgangs bei Übernahme vom Bundesherr zur Wehrmacht wäre eigentlich Fähnrich gewesen, die meisten Österreicher wurden aber als Unteroffiziere übernommen, so auch Vati. Viel hatte er seinen Schülern in der kurzen Zeit als Lehrer in Seiga-Hans nicht beibringen können, wie eine vor Rechtschreibfehlern strotzende Postkarte einer Schülerin an ihn beweist, die in meinen Besitz gelangt ist.
Wie durch ein Wunder ist Vati, als einer der Wenigen seiner Einheit, aus dieser mörderischen Hölle wiedergekehrt – verstört, gedemütigt, getreten, krank, geschlagen und mit einem zerrütteten Gemüt. Ängstlich hört Bübchen wie Vati im Schlaf Kommandos brüllt, um in seinen Träumen dem Kriegstod zu entgehen. Viele von Vatis Jugendfreunden sind in den Weiten Russlands geblieben; von Kugeln und Schrapnellen zerfetzt, verschüttet, verbrannt, von Panzern zerquetscht, erstickt, erfroren, gefangen und zu Tode gequält. Vatis bester Freund, mit dem er seit frühester Kindheit verbunden ist, der den gleichen Traum hat und mit ihm das Lehrerseminar besucht, wird vor seinen Augen von einem russischen Panzer gejagt und dann überrollt, nur Kopf und Füße bleiben ganz. Vati ist bereits beim Einmarsch ins Sudetenland dabei, später bei der Besetzung der Tschechoslowakei. Dann am Westwall und nach Frankreich. Das alles soll noch nicht richtig Krieg sein, sonder Etappe und Besatzung, jeder der militärischen Überfälle geht rasch, reibungslos und mit wenigen Verlusten. Das größte Problem sind die unendlich langen Marschstrecken, wo bis zur völligen Erschöpfung marschiert wird. Der Krieg in seiner wirklichen Niedrigkeit und Gräuel mit Hunger, aller Grausamkeit und Erfrieren sollte erst in Russland ausbrechen. 1940 erfolgt die Gründung der Bergmann-Division (137. Infanteriedivision) mit ihren vier Regimentern am 10. Oktober am Truppenübungsplatz Döllersheim im Waldviertel. Vati ist als Unteroffizier Soldat des Artillerie-Regiments 137. 1941 im April wird die 137. Infanterie-Division im General-Gouvernement (Bezeichnung für die besetzten Gebiete in Polen) eingesetzt, dann ab Juni in Bialystok, Smolensk, Wjasma und vor Moskau. Die Operation Barbarossa beginnt am 22. Juni 1941. Über drei Millionen Wehrmachtssoldaten und 3.300 Panzer überqueren die russische Grenze und Vati mitten drin als Unteroffizier der Artillerie in der Bergmann-Division. Ihnen gegenüber die Rote Armee als größte Armee der Welt mit eineinhalb Mal so vielen Soldaten und sechs Mal so vielen Panzern. Die Deutsche Wehrmacht rückt in den ersten Wochen nach dem Überfall nahezu ungehindert vor. An der etwa 1600 Kilometer langen Front vernichtet die Wehrmacht insgesamt 28 sowjetische Armeen. In Hitlers Hauptquartier Wolfsschanze im ostpreußischen Rastenburg verbreitet sich nach den Siegen in den ersten großen Kesselschlachten von Minsk und Smolensk ein Gefühl der Hochstimmung und Unbesiegbarkeit. Man ist der Auffassung, dass sich auch in Russland ein so rascher Sieg einstellt wie gegen Frankreich. Anfang August steht die Wehrmacht bereits 280 Kilometer vor Moskau. Die Befehlshaber Halder und von Brauchitsch drängen vergeblich darauf die Metropole anzugreifen. Stattdessen ordnet Hitler an die Industrie und Kohlegebiete am Donez zu erobern und die russische Erdölzufuhr aus dem Kaukasusraum abzuschnüren. Am 2. Oktober 1941 um 5.30 Uhr startet die Operation Taifun, der Angriff auf Moskau mit der Hitler in wenigen Wochen die sowjetische Hauptstadt erobern will. Drei Armeen der Heeresgruppe Mitte stoßen mit großem Tempo so weit vor, dass sie die Straßenbahnen der Moskauer Vorstädte sehen können. Darunter Vati in der Bergmann-Division, die der 4. Armee vom November 1941 bis Jänner 1942 angeschlossen ist. Indes gerät mit Beginn der Schlammperiode der deutsche Vormarsch immer mehr ins Stocken und außerdem wird der sowjetische Widerstand desto heftiger je weiter die Wehrmacht vordringt. Ab Mitte November kommen die völlig erschöpften und unzureichend ausgerüsteten und bekleideten deuten Truppen wenige Dutzend Kilometer an Moskau heran. Die Temperaturen fallen bereits Ende des Monats auf 25 Grad unter Null und die frierende Truppe besitzt keine festen Unterkünfte. In Moskau herrscht indes Chaos und Verwirrung und selbst KGB-Trupps mit Schießbefehl werden der Lage nicht Herr. Die gesamte sowjetische Regierung war bereits nach Kujbyschew evakuiert und für Stalin steht am Kasaner Bahnhof in Moskau ein Zug zur Abreise bereit. Anfang Dezember 1941, als die Vorhuten den Kreml bereits im Visier haben, entwickelt sich der "Blitzkrieg" zu einem Debakel. Bei Temperaturen um 40 Grad unter Null sind die deutschen Soldaten dem russischen Winter praktisch schutzlos ausgeliefert. Im Siegesrausch rechnet Hitler mit einem Ende des "Russlandfeldzuges" noch im Herbst - deshalb fehlt es an Proviant, Winterbekleidung und Ausrüstung. Einige Generäle wollen den Befehl zu einem begrenzten Rückzug erteilen, als an der Front mehr Soldaten an Kälte als durch Kampfhandlungen sterben. Zehntausende der Soldaten erfrieren, weil Hitler das Durchhalten wichtiger ist als militärische Erfordernisse. Vor den Toren der sowjetischen Hauptstadt zerbricht der Mythos von der Unbesiegbarkeit der Wehrmacht. Und damit beginnt auch der Zusammenbruch der deutschen Streitkräfte. Der Feldzug wird fortgesetzt ohne jede Rücksicht auf die eigenen Verluste und begleitet von immer wahnwitzigeren Durchhalteparolen der politischen Führung. Doch bis zum absoluten Ende sollte es noch dreieinhalb Jahre dauern. Am 5. Dezember 1941 befiehlt Stalin eine Gegenoffensive. Nach dem Kriegseintritt der USA durch den Angriff der Japaner auf Pearl Harbour kann er davon ausgehen, dass Japan keinen Angriff gegen die Sowjetunion riskieren könne. So verlegt er ganze Armeen von der Ostgrenze seines Riesenreichs an die Front vor Moskau. Der Divisionär der 137. Infanterie-Division Generalleutnant Friedrich Bergmann fällt am 21. Dezember 1941 bei Kaluga, 200 km südlich von Moskau. Vati ist, wie die meisten der anderen Offiziere und Unteroffiziere, abwechselnd an den Kanonen, in der Schreibstube und als VB (Vorgeschobener Beobachter) eingeteilt. VB ist eines der gefährlichsten Geschäfte überhaupt, da die B-Stelle (Beobachtungsstelle) meist im Niemandsland oft vor den eigenen Linien liegt. Gefährdet von der eigenen und der russischen Infanterie und den feindlichen Panzern muss dieser Dienst verrichtet werden. Die Aufgabe eines VB ist es, das Feuer der Geschütze zu leiten. Es gilt dabei mithilfe von Schießtafeln, der Beobachtung der Einschläge und den Kommandos für Entfernungs- und Seitenabweichung das Feuer mit drei Schüssen exakt ins Ziel zu führen. Im Rahmen eines VB-Auftrags muss Vati auch mit ansehen, wie ein russischer Panzer Jagd auf seinen besten Freund macht, ihn einholt, nieder stößt und ihn dann überrollt, sodass sein Körper völlig zerquetscht wird, nur Kopf und Füße sind ganz geblieben. Hitler gelingt es die Ostfront im Januar 1942 noch einmal zu stabilisieren, sein "Haltebefehl" und der Aufruf zum "fanatischen Widerstand" zeigen Wirkung. Die militärische Führung, die er für die Rückschläge im Winter 1941 verantwortlich macht, wird abgesetzt und er übernimmt nun selbst das Kommando über die Wehrmacht. Als eines Tages statt der gipsartig steifen Margarine jeder Soldat ein Stück Butter ausfasst, schreit der Kompaniechef außer sich: "Der Deutsche Soldat bekommt Buuutter!" Die 137. Infanterie-Division wird 1942 nach wie vor bei Moskau eingesetzt, nach dem Rückzug der Wehrmacht von Moskau im Februar kämpft sie in den Abwehrkämpfen bei Juchnow und ab Mai 1942 bei Spass-Demensk. Im Unterstand hat Vati ein Foto von Mutti aufgestellt. Der Unterstand ist ein mit Balken gedecktes Erdloch, die gegen leichte Granatwerfer schützen. Eines Tages sieht einer seiner Kameraden das Bild und ruft: "Das ist ja meine Cousine" und tatsächlich haben inmitten des Sterbens in dem fremden Land zwei bis dahin fremde Soldaten ihre Verwandtschaft entdeckt. Nach schweren Verlusten der 137. Infanterie-Division 1943 werden die verbleibenden zwei Regimenter weiter in Spass-Demensk eingesetzt, dann in Orel (Orlov), in Desna und Gomel. Von Desna bricht Vati Ende August zu seiner Hochzeit im Salzkammergut nach Bad Ischl, 2.200 gefährliche Kilometer auf Lastwagen und mit der Bahn und nach drei Wochen wieder zurück. Mutti und Vati treffen sich überglücklich auf dem Bauernhof seiner Eltern und fahren dann mit dem Zug nach Bad Ischl. Vati im eleganten schwarzen Hochzeitsanzug und Mutti im Kostüm, das geborgte weiße Hochzeitskleid, die Schuhe und der Schleier sind im Koffer. Als die beiden in Ischl aus dem Zug steigen wird Vati als vermeintlicher Angehöriger einer Trachtenkapelle angesprochen und man versuchte ihn einer Kapelle zuzuteilen. Schließlich findet in der Pfarrkirche die Trauung statt. Ein Kaufmann, der von Muttis Schwester von der weiten Reise Vatis erfährt, sagt: "Wie kann man denn so weit zu seiner Hochzeit reisen, das ist doch ein Unsinn". Zwei Wochen bleiben die beiden in Ischl im Hotel Goldener Ochs am Ufer der Traun, eine Woche dann noch bei den Großeltern, bevor Vati wieder in die Hölle zurück muss. Noch im September wird von der Heeresgruppe Mitte Smolensk aufgegeben. Im Oktober gelingt russischen Truppen der Durchbruch bei Dnjepropetrowsk, die deutsche Verteidigung wird dabei auf 150 km aufgerissen. Im November ist die ukrainische Hauptstadt Kiew von der Roten Armee zurückerobert. Die Schlacht im Dnjepr-Bogen dauert an. Wenige Wochen nach Vatis Rückkehr an die Ostfront, im November 1943 erfolgte bei der Heeresgruppe Mitte die vollständige Auflösung der 137. Infanterie-Division in Gomel bei Tschernobyl in Weißrussland. Die Reste dieser Infanteriedivision werden zur Aufstellung verschiedener neuer Einheiten verwendet. Auch die Überlebenden der Artillerieeinheit werden neu eingegliedert, Vatis alte Kameraden bleiben dabei zusammen. Kein einziger von ihnen kommen zum Kriegsende nach Hause, die die nicht gefallen waren gerieten in russische Kriegsgefangenschaft. Ein einziger überlebt vier Jahre Gefangenschaft und kommt bis auf das Skelett abgemagert mit 48 kg im Jahr 1949 wieder heim. An Vatis 28. Geburtstag, am 6. Juni 1944, beginnt die Invasion der Briten und Amerikaner in der Normandie. Am 22. Juni 1944 beginnt die Rote Armee an der Ostfront eine Großoffensive gegen die Heeresgruppe Mitte. Den rund 40 deutschen Flugzeugen setzten die Sowjets 6.000 entgegen. Mutti und Bübchen retten Vatis Leben, denn Muttis Bedingung für die Eheschließung war, dass Vati sich von seiner Einheit in Russland trennen und einen Offizierskurs besuchen muss, um dann wenigstens die Chance zu haben, von der Wehrmacht anderswohin versetzt zu werden. Und als dann Bübchen unterwegs ist, muss Vati sein Versprechen einlösen, mit schlechtem Gewissen lässt er seine Kameraden alleine an der Schlachtbank in Russland zurück und wird nach Norddeutschland zum Offizierskurs in die Artillerieschule des Heeres nach Jüterbog im Bezirk Potsdam berufen. Bei den Soldaten als "Schleifplatz Jammerburg" verschrien. Die Verpflegung ist jämmerlich, die Ausbildung grausam und abschreckend, so dass viele Offiziersanwärter aufgaben müssen und wieder zurück in die russische Kriegshölle geschickt werden. Vati aber hatte es Mutti versprochen und so hält er durch bei der täglichen Graupensuppe, den Nachtmärschen bei denen das Blut aus den Knobelstiefeln sickert und dem Reiten bis sich die Oberschenkel und das Gesäß in eine blutige Masse verwandeln. 40 Tage nach Bübchens Geburt meldete das Oberkommando der Wehrmacht am 30. Juni 1944, dass in der Mitte der Ostfront weiter erbittert gekämpft würde. Doch die deutsche Heeresgruppe Mitte existierte praktisch nicht mehr, bis zum Zusammenbruch werden 350.000 Wehrmachtsangehörige getötet oder vermisst - mehr als in Stalingrad. Die Heeresgruppe Mitte unter Generalfeldmarschall Ernst Busch (1885-1945) verfügt auf dem 1000 Kilometer langen Frontbogen über nur noch 40 Divisionen mit rund 500.000 Soldaten, die Russen haben mit 1,200.000 Soldaten den Durchbruch geschafft. Schließlich wird Vati im Winter 1944 als Leutnant der Artillerie ausgemustert und halb verhungert an die italienische Front verlegt, in Wels machte der Tross einen Tag Pause. Von dort telegrafiert er Mutti, dass er in Wels sei und am nächsten Tag nach Italien weiter reisen würde. Mutti bricht sofort auf und versucht mit irgendeinem Zug nach Wels zu kommen, doch es gibt keine Fahrpläne und der einzige Zug Richtung Wels ist ein Militärzug, voll mit Wehrmachtsangehörigen. Mutti bittet einen der Offiziere, ob sie bis Wels mitfahren könne, zeigte ihm weinend das Telegramm und er meint: "Hier dürfen keine Zivilisten mitfahren, aber ich werde Sie verstecken". Er lässt sie in den Zug steigen und hängt einen Militärmantel vor die Ecke in der er Mutti untergebracht hat. Als sie in Wels aussteigt wartet Vati schon seit Stunden am Bahnhof in der Hoffnung, dass sie durchkommen würde. Nach einer Nacht in einem der wenigen Einbettzimmer die es in der Stadt noch gibt, fahren sie in verschiedenen Richtungen davon. Sie heim zu Bübchen, er nach Italien zur letzten Etappe des Krieges. Als sich Vati mit seinem Offizierskameraden beim Bataillonskommandanten der Feldjäger in Italien meldet, schreit sie der an: "Pferde, Pferde brauche ich, keine Offiziere". Pferde hätten aber auch nichts mehr genutzt, der militärische und zivile Zusammenbruch Deutschlands war nicht mehr aufzuhalten. Die Heeresgruppe C kapituliert in Italien wenige Monate später am 2. Mai 1945, fünf Tage darauf erfolgt die Gesamtkapitulation der Deutschen Wehrmacht. Jedenfalls können in der Division nun durch die beiden Artilleristen endlich die vorhanden Kanonen eingesetzt werden. Groteskerweise wird Vati in Italien noch auf einen weiteren Offizierskurs zur Ausbildung als Oberleutnant geschickt, bei der Rückfahrt zur Einheit läuft ihm ein Wagenrad über den Fuß und er muss für kurze Zeit ins Lazarett, der Fuß ist zwar schwer verletzt aber nicht gebrochen. Der behandelnde Arzt wird dann durch Zufall der Zahnarzt der Familie sein, dessen wunderschöne blonde Assistentin Bübchen anhimmelt. Immer wenn Bübchen zum Zahnarzt muss, wird es eine Mischung von Freudengefühl und Schmerzangst sein, die ihn erfüllt. Der Zweite Weltkrieg als die größte Auseinandersetzung in der Menschheitsgeschichte ist beendet. Fast ein Drittel der Weltbevölkerung aus 61 Ländern waren daran unmittelbar beteiligt. Insgesamt standen 110 Millionen Menschen unter Waffen, davon über die Hälfte im Dienst der Sowjetunion, Nazi-Deutschlands und der USA. Die Zahl der Toten liegt bei 60 Millionen, die der zivilen Opfer übersteigt die der militärischen bei weitem. |
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| Vati in Kriegsgefangenschaft | |
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Nach dem Ende des Tausendjährigen Reichs kommt Vati in der Nähe von Ascona in Britische Kriegsgefangenschaft. Der Grund der Flüsse ist mit deutschen Waffen bedeckt, man sieht Karabiner, Pistolen, Munition, Stahlhelme und auch den einen oder anderen Orden in den Fluten glitzern. Aus Angst vor den Partisanen haben sich alle Wehrmachtssoldaten selbst entwaffnet und sind verzweifelt auf der Suche nach regulären britischen Einheiten, viele schaffen es nicht, sich den Briten zu ergeben und werden von der Resistenza gefangen und erschossen. Die Britische Kriegsgefangenschaft findet unter freiem Himmel statt, die Kriegsgefangenen werden monatelang in einem Behelfslager untergebracht, das nicht auf so viele Gefangene eingerichtet ist. Die Versorgung hat sich für Vati durch den Wechsel von den Deutschen zu den Engländern nicht verbessert, es gibt auch hier kaum etwas zu essen, und das was es gibt schmeckt scheußlich. Das Wasser wird in Fässern in der Erde vergraben, damit es nicht zu faulen beginnt. Dann kommt er in ein amerikanisches Gefangenenlager, hier besteht die Tagesration auch sechs Keksen. Zigaretten sind die Einheitswährung, für die man Essen, Taschenmesser, Holz, Papier, Bleistifte und vieles mehr kaufen kann. Vati schnitzt sich in den Monaten der Gefangenschaft schöne Schachfiguren und malt Spielharten, mit denen man sich dann die Zeit vertreiben kann, wenn man gerade nicht im Hungerkoma liegt - Schach und Spielkarten bringt er nach Hause mit. Als Vati dann endlich seine Entlassungspiere ausfüllt, schreibt ein anderer Wehrmachtsoffizier die gleiche Adresse in seine Papiere. Vati meint zuerst, der hätte von ihm abgeschrieben und macht sich darüber lustig. Doch es stellt sich heraus, dass der Kamerad der Sohn von Tante Detta ist, die tatsächlich im Keller der Villa wohnt, in der Mutti und Bübchen leben. In den folgenden Tagen und Nächten werden von den beiden Offizieren die Entlassungspapiere der meisten anderen Kriegsgefangenen ausgefüllt, die ja die englischen Texte auf den Formularen nicht verstehen können. Im September 1945 kann Vati endlich heimkehren, er ist krank vor Hunger aber von der vielen Sonne braun gebrannt und hat hellblonde Haare. |
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| Vatis Götter | |
Vati ist schlank, groß und hat volles mittelblondes Haar, das er streng zurückkämmt. Er ist zu allen Leuten offenherzig, nett und freundlich. Im Sommer hat er immer kurze Hosen an, unabhängig vom Wetter. Im September 1945 bekommt Vati von der Besatzungsmacht die Berechtigung zur Fahrradbenützung, auf dem Ausweis ist eine Herrenrad der Marke Velamos eingetragen. Vati betet eine Handvoll Götter an und von seinem Hausaltar aus herrschen und wachen der Gott des Sozialismus, König Fußball und der Gott der Rechtschaffenheit. Vati geht im Götzendienst auf gibt Zeugnis für sie und huldigt seinen Götzen ein Leben lang ohne Wenn und Aber. Vati will mit den neuen Ideen die Gespenster der Vergangenheit verscheuchen, neuen Mut fassen, um die Mutlosigkeit hinunter zu würgen. Vati hat nach dem großen Schlachten sein Leben selbst bestimmt seinen Freunden, seiner Berufung als Lehrer, dem Austromarxismus, seinem jüngeren Sohn und seiner Frau widmen können - in dieser Reihefolge. Bübchen kommt in diesem Lebensplan nur als Störenfried vor. Im April 1948 legt Vati die Prüfungen für die Lehrbefugnis in mehreren Gegenständen ab: Unterrichtssprache (eine Bezeichnung aus der Verlegenheit das Wort "Deutsch" nicht verwenden zu müssen), Erdkunde, Geschichte und Pädagogik. Vati kann unglaublich spannende, lustige und interessante Geschichten aus seinem Leben erzählen und er benutzt dabei eine wundervolle Sprache, aber er hat sich immer davor gescheut, sie aufzuschreiben - aus Angst davor, dabei auch nur einen einzigen Fehler nieder zu schreiben, denn er hatte sich auf die Schriften der hundert Besten spezialisiert und gegen solche Götter kann niemand ankommen. |
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