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Bübchen Bübchens Mutti Bübchens Vati |
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Ich versuche hier die Kindheit und Jugend meiner Mutter aufzuzeichnen, dabei geht es um die Zeit vor meiner eigenen Erinnerung, von ihrer Geburt am Beginn des Ersten Weltkriegs bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. |
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In Muttis Leben spielt Liebe und Sanftmut die größte Rolle, allem voran steht aber ihre Familie, ihr Mann, ihre Söhne, ihre vier Schwestern und deren Familien. Die meisten Geschichten hat mir meine Mutter in der letzten Zeit ihres Lebens erzählt. Halbe Nächte habe ich mit ihr verbracht - sie erzählend in ihrem Lehnstuhl, ich schreibend an meinem Notebook. |
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| Muttis Herkunft | |
| Mutti wird am Beginn der Ersten Weltkriegs in eine Unternehmerfamilie hineingeboren. Ihre Mutter ist Anfang Vierzig, ihr Vater Mitte Vierzig, die beiden Brüder und die zwei Schwestern sind bereits wesentlich älter. Mutti ist ein schwächliches Nachzüglerkind, neun Jahre jünger als der jüngste Bruder. Kaiser Franz Joseph II. hat wenige Tage vor ihrer Geburt den Krieg ausgerufen und zwei Tage vor Muttis Geburt kommt es zur Kriegserklärung an Serbien, am Tag ihrer Geburt wird vom Zaren in Russland die Generalmobilmachung befohlen, schließlich bringen die Herbstschlachten in Galizien der k. u. k. Armee bereits enorme Verluste. Die Österreich-Ungarische Monarchie ist ein riesiges Reich, sie besteht aus zwölf Nationen, umfasst 677.000 Quadratkilometer und hat über 51 Millionen Einwohner. Damit ist sie nach Russland das zweitgrößte Flächenland Europas und hat die drittgrößte Bevölkerung nach Russland und Deutschland. | |
| Muttis Eltern | |
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Mutti stammt väterlicherseits von den Grafen von Seeau
ab. Ihr Urgroßvater Franz de Paula Reichsgraf Seeau von Mühlleuten auf Helfenberg
und Piberstein ist Majoratsherr über die Besitzungen der Familie im
Mühlkreis. Dieser Vorfahre hat keine ehelichen Nachkommen, aber mit
Magdalena Bayer einen ledigen Sohn: Anton Bayer. Der lebt mit seiner
Familie nicht weit vom Schloss des Vaters auf dem Gut
Waldhof, das er bereits als Elfjähriger von seinem Vater geerbt hatte,
nachdem der Graf 1841 mit 40
Jahren auf einer Reise in Dresden an Nervenlähmung (Typhus abdominalis)
verstorben war. Der Hauptteil des Erbes mit den Herrschaften Helfenberg und
Piberstein geht aber an Carl Ludwig Reichsgraf Seeau von Mühlleuten und damit an einen anderen Ast der
Familie Seeau. 1884 schließlich sterben die Grafen von Seeau im
Mannesstamme aus.
Muttis Vater ist der älteste Sohn des Anton Bayer und verbringt seine Kindheit auf dem Waldhof. Als es dann nach dem Tod seiner Mutter immer größere Schwierigkeiten mit der Stiefmutter gibt, geht er als junger Mann nach Schärding und macht eine Hutmacherlehre. Als er die Ausbildung abgeschlossen hat, sucht er einen Ort, an dem es noch keinen Hutmacher gibt und entscheidet sich für Obernberg am Inn. Ein junges Mädchen aus der Nachbarschaft hatte ihm schon lange gefallen, dazu hat sie als Weißnäherin auch den richtigen Beruf für das Unternehmen das er gründen will. Bübchens Großmutter ist das älteste von 15 Kindern. Ihre Eltern besitzen den kleinen Schelleneckerhof, der Vater ist Zimmermann, die Mutter Weißnäherin. Die Mutter ist während der Woche immer wieder auf den Bauernhöfen als Schneiderin unterwegs und die älteste Tochter betreut inzwischen mit einer alten Magd ihre Geschwister. Für Bübchens Großmutter ist die Schule der einzige Ort an dem sie sich in der Kindheit wohlfühlt. Der Lehrer schenkt ihr wegen ihrer guten Leistungen die einzige Puppe, die sie je besitzt. Doch als sie am nächsten Tag von der Schule nach Hause kommt, hatten die kleineren Geschwister die Puppe bereits zerfetzt. Als das Mädchen größer ist, begleitet sie ihre Mutter bei ihrer Arbeit auf den Bauernhöfen und hilft bei der Arbeit. Schließlich fragt mein Großvater, ob sie ihn heiraten und mit ihm nach Obernberg ziehen möchte. Also wird Hochzeit gehalten und im neuen Heimatort ein Geschäftslokal mit Arbeitsraum angemietet, in dem die jungen Leute auch schlafen. Schließlich kann Großvater das Untere Tor oder Gurtentor als Wohn- und Betriebsgebäude erwerben, in dem heute das Heimatmuseum untergebracht ist. Ein Glücksfall für mich, denn so kann ich mich in den Räumen umsehen, ohne jemanden zu stören. Einige Jahre später will eine Arztwitwe das große Haus ihres verstorbenen Mannes am Hauptplatz verkaufen, der Großvater erwirbt es und baut hinter den Stallungen einen Werkstättentrakt an. Hier wird die Produktion der Filzschuhe zum wirtschaftlichen Erfolg in den Kronländern der k. u. k. Monarchie. Die inzwischen sechsköpfige Familie lebt in dem großen Haus am Marktplatz, hinter dem Wohnhaus liegen inzwischen mehrere Werkstätten für weitere erfolgreiche Unternehmen des Großvaters. |
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Bübchens Großvater baute als Erstes seine Hutmacherei auf und später den äußerst erfolgreichen Betrieb für die Produktion von Filzschuhen. Den Kamelfilz bezieht er zu einem günstigen Preis aus Fulda und kann damit Filzschuhe herstellen, die den Preis von solchen aus gewöhnlichem Haarfilz haben. Die Rohstoffe werden mit der Drahtseilfähre von Deutschland nach Österreich über den Inn gebracht. Zwei Reisende führen den Vertrieb in der ganzem Monarchie durch, der eine kräftig gebaut mit einem riesigen schwarzen Motorrad, der andere elegant, schlank und homosexuell mit einem Auto. Jedes Mal wenn sein Auto von der Polizei angehalten wird, ist er so außer sich, dass er einige hundert Meter außer Sichtweite stehen bleibt, um sich zu erholen. Wenn die Reisenden beim Großvater ihre Bestellscheine abliefern, werden alle Aufträge genau durchgesprochen, zusammengerechnet und die Reisenden bekommen ihren Bonus in Bar auf die Hand ausbezahlt. Die Drahtseilfähre zwischen Obernberg und Egglfing wird nach dem ersten Weltkrieg auch dazu benutzt, um in den Gastwirtschaften im benachbarten Egglfing mit der ganzen Familie essen zu gehen, da bis zur Währungsreform das Essen in Bayern erheblich billiger war als in Österreich. Die Preisverhältnisse kehren sich aber dann mit einem Schlag um, da es in "Deutschösterreich" noch lange keine Währungsreform gibt und während der großen Inflation kommen dann die Bayern nach Obernberg um hier billig einzukaufen und zu essen. |
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Mutti wird als das vorletzte Kind von sechs Kindern in diese Familie hineingeboren und wächst in Geborgenheit in der dann achtköpfigen Familie auf. Ihre ersten Jahre stehen unter dem Zeichen der älteren Schwestern, die sich die beiden jüngeren Geschwister als Dienstboten halten, gepiesackt und zur allgemeinen Dienstpflicht eingesetzt. |
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| Unglücksfälle | |
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Der Großvater ist eng mit dem Notar befreundet und die beiden Herrn machen des Öfteren lange Spaziergänge, begleitet von Großvaters Hund Bari. Bari ist eine gutmütige Straßenkreuzung und bei allen Familienmitgliedern sehr beliebt. Wenn der Großvater zu Hause ist hält sich Bari im Hof bereit, um ihn überallhin zu begleiten. Öfter führt der Spazierweg der beiden im Gespräch vertieften Herrn am Inn entlang bei dem eines Tages Bari unvermittelt von einem fremden großen Hund angegriffen wird. Die kämpfenden Hunde verbeißen sich ineinander, stürzen bei ihrem Kampf in den Fluss und ertrinken jämmerlich in ihrer feindlichen Umarmung. Mutti ist nach dem Bericht ihres Vaters längere Zeit ziemlich niedergeschlagen über den Verlust des Hundes. Der nächste Hund ist dann ein weit weniger gutmütiger Schäferhund, vor dem alle Kunden und Lieferanten großen Respekt haben. Einmal verliert Mutti unterwegs 10.000 Kronen und ist deswegen sehr verzagt und getraut sich kaum nach Hause. Sie sollte um dieses Geld beim Bäcker ein Kilo Brot kaufen. Ab Jänner 1925 werden durch die Währungsreform 10.000 Kronen zu einem Schilling. Alle Kinder und Jugendlichen baden immer nur in einer der Innlacken, denn in diesen Altarmen ist das Wasser ruhig und warm, dazu gibt es einen herrlicher Sandstrand. Niemand getraut sich im Inn zu schwimmen, das ist einfach zu kalt und wegen der Strudel und Unterströmungen viel zu gefährlich. Einmal sitzt einer der Nachbarsbuben bei Mutti und ihren Freundinnen am Strand, er wohnt allein mit seinem Vater alleine in der kleinen Wohnung über dem Unteren Tor, das einmal Bübchens Großvater gehört hatte, die Mutter des Buben war schon vor Jahren gestorben. Die jungen Leute haben Spaß, auf einmal springt der Bursche auf und rief den anderen zu: "Jetzt schwimme im Inn" springt in den Fluss und schwimmt hinaus zur Strommitte. Als er in die Strömung erreicht, reißt er plötzlich die Arme in die Höhe und schreit: "Mutter, Mutter!" während sein Kopf einige Male in den Fluten verschwindet und kurz wieder auftaucht, schließlich versinkt er in den grünen Fluten. Später kommt sein Vater vorbei und holt wortlos die Kleidung seines Sohnes, die am Ufer liegen geblieben war. |
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| Dienstmädchen | |
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Zu den wichtigsten Aufgaben des Dienstmädchens gehört das Kochen für die achtköpfige Familie und die Arbeiter. So hat auch Zenzi für die ganze Familie und das Gesinde zum Frühstück Milch zu kochen, das dicke Mädchen liest bei allem was sie tut aber mit Hingabe Liebesromane und übersieht deshalb auch täglich den richtigen Zeitpunkt und die Milch geht über, sodass es im ganzen Haus nach angebrannter Milch stinkt. Bald reicht es dem Großvater und Zenzi muss zurück zu ihren Eltern. Das nächste Dienstmädchen verlässt die Familie wieder, weil sich in Oberberg keine geeigneten Heiratskandidaten finden. Das nächste Dienstmädchen bekommt in ihrer Dachkammer zu oft Herrenbesuch. Das nächste wiederum kommt von einem fettleibigen kinderlosen Rechtsanwaltsehepaar mit einem ebenso dicken Hund und kocht so teuer, dass sie der Großvater wieder entlassen muss. Das nächste Dienstmädchen ist außerordentlich hübsch und hat jeden Tag eine Verabredung vor dem Haus mit einem jungen Schmied, sie in der Haustüre, er die drei Stufen unter ihr auf dem Gehsteig. Einmal schwärmt eines der Dienstmädchen immer wieder von einem teuren Mantel, den sie sich in einem eleganten Geschäft in der Bezirkshauptstadt kaufen würde und eines Tages besitzt sie das teure Stück auch tatsächlich und stolziert darin herum. Niemand kann sich erklären, woher das Dienstmädchen so viel Geld hat. Immer wenn dieses Dienstmädchen am Wochenende nach Hause fährt, hat sie ein kleines Paket unter dem Arm. Nach einiger Zeit stellt sich heraus, dass das Dienstmädchen unter der Woche in der Werkstätte Schuhe stibitzt, die sie dann am Wochenende im Heimatort preiswert verkauft. Einige Zeit, nachdem das diebische Dienstmädchen entlassen worden war, rechnet der Großvater mit dem Inhaber des Modehauses in der Hauptstadt Pelze ab, die er ihm laufend liefert. Nach der Abrechnung fragt ihn der Geschäftsfreund, ob er bei dieser Rechnung auch den Mantel der Nichte meines Großvater berücksichtigen könne. Großvater ist ratlos, er weiß nichts von der Nichte und nichts von einem Mantel. Nach einigem Hin und Her geht den beiden ein Licht auf, wie das Dienstmädchen zu dem teuren Mantel gekommen war. Eines der Dienstmädchen war nur ganz kurz im Haus. Großmutter hatte wie öfter auf der Straße den befreundeten Arzt getroffen und mit ihm einige Worte gewechselt. Daraufhin eilt sie kreidebleich nach Hause und treibt aufgeregt das neue Dienstmädchen aus dem Haus und beginnt damit Tische, Stühle und die gesamte Einrichtung mit Lauge zu schrubben. Auf die Frage, was denn los sein, murmelt sie abwesend ohne das Putzen zu unterbrechen, dass das Haus schon lange nicht mehr ordentlich geputzt worden wäre. |
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| Die Kunst Rad zu fahren und zu baden | |
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Mit dem Baden hat Mutti eine besondere Beziehung, sie schwimmt als Kind oft den ganzen Tag in den Nebenarmen des Inns in den Auwäldern und tollt mit ihren Schwestern und Freundinnen herum. Auch als Erwachsene betreibt sie dieses Vergnügen in Schwimmbädern, Flüssen und Seen, zu Bübchens Enttäuschung sehr unspektakulär. Blauer Badeanzug und eine weiße Gummimütze sind später ihr Markenzeichen, wenn sie mit geduldig ausgeführten Tempi das Wasser durchpflügt. Ganz anders, wenn sie als Kind völlig ausgehungert nach einem langen Badetag nach Hause kommt und Butterbrote mit dem fein in einem Endlosband geschnittenem Rettich genießt. Nun ist sie selbst die Versorgerin und sie scheint ihre Energie zu sparen um für Bübchen nach dem Baden das Essen zu bereiten. Zum Radfahren verhält es sich bei Mutti wie mit dem Baden. Als junges Mädchen hat Mutti ein eigenes Rad, das sie überall hinbringt und das wegen seines harten Sattels als "Der Nagel" bespöttelt wird. Mutti besucht mit dem Fahrrad Verwandte im Umkreis von mehr als 40 Kilometern. Als sie eines Tages bei einer Radtour mit ihrem Schwager, dem Heger, einen Verwandtenbesuch abstattet, ist der auf einmal nicht mehr hinter ihr. Zuerst freut sich Mutti, dass sie mit ihrem Nagel den sportlichen Mann der Schwester abgehängt hatte, nachdem er aber nicht und nicht nachkommen will, kehrt sie um, um ihm entgegen zu fahren, kann ihn aber nirgends mehr finden. Schließlich setzt sie den Weg mit großer Sorge fort und als sie bei den Verwandten ankommt sitzt der Schwager in einer lachenden Runde, die Mutti begrüßt. Der Schwager hatte ein Abkürzung genommen, die Mutti nicht gekannt hatte. Mutti war als Kind und als junges Mädchen etwas scheu und ernsthaft, leicht zu ermüden und begeisterungsfähig. Ihre große Leidenschaft ist seit der ersten Klasse ist das Lesen, dabei versinkt die Alltagswelt um sie herum und die Wörter lassen neue Welten in ihr entstehen. |
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| Muttis Lehrerausbildung | |
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Mutti galt ihren Eltern für zu schwächlich, als dass sie einen Mann finden, Kinder groß ziehen und einen Haushalt führen könnte. Also muss sie im Gegensatz zu ihren Schwestern einen Beruf ergreifen, nicht ein Ehemann sollte für das wirtschaftliche Wohlergehen sorgen, sondern der eigene Broterwerb. In dieser Zeit gibt es keine große Auswahl und so ist der Beruf der Lehrerin die erste Wahl für die Bürgertöchter. Und so kommt Mutti 1928 ins weit entfernte Zams in Tirol, wo sie in einem Kloster die Lehrerausbildung absolviert. Für die Vierzehnjährige ist das jähe Ende der Kindheit und die Trennung von der Familie überaus schmerzhaft. Mit den Nonnen, die das gesamte Lehrpersonal stellen, ist keinerlei Annäherung möglich und so erfasst Mutti schreckliches Heimweh. Die Zöglinge sind streng interniert, müssen jeden Tag fünf Mal beten und nur am Sonntag gibt es einen Spaziergang in der geschlossenen Gruppe, bewacht von den Nonnen. Sie glaubt, dass sie sterbenskrank ist und erst nach der ersten Heimreise zu Weihnachten, als dann alle Schmerzen weg sind, wird ihr klar, dass es Heimweh und vor allem die Sehnsucht nach der Mutter war. Ihre Blutarmut, ihre Zartheit und ihr stilles Wesen hatten Mutti bereits bei den Nonnen in Tirol den Beinamen "Die fade Bayer" eingetragen. 1933 kurz nachdem Mutti als fertige Lehrerin wieder zu Hause ist, stirbt ihr Vater mit 64 und wird aus seinem Schaffen herausgerissen. Mutti hat keine Anstellung als Lehrerin und findet auch nichts. Ihr Absolventenjahrgang ist wegen des herrschenden Lehrerüberschusses bis 1938 für das Lehramt gesperrt, das heißt sie kann bis dahin den Lehrerberuf nicht ergreifen. |
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| Hauslehrerin in Ungarn | |
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Schließlich kommt eine Anfrage aus Ungarn herein, eine Gutsbesitzerfamilie mit einem Kind sucht eine Hauslehrerin: Die Familie Szokoly in Nirpaszon bei Nyiregyhaza. Mutti nimmt an, reist in das Dörfchen Nirpaszon und ihre Aufgabe ist es ab nun für die neunjährige Tochter Sari [sprich Schari, eine Koseform für Charlotte] da zu ein. In der nächsten Zeit heißt es zusammen mit Sari zu frühstücken, dann geht Sari alleine in die Schule nach der Schule isst die Familie gemeinsam zu Mittag, zu dem das Dienstmädchen Mutti mit den Worten: "Kisasszony [sprich Kischasoni], bitte essen kommen" holt. Der Hausherr und die Tochter sind reizend, die Hausfrau leidet unter unsäglichen Tobsuchtsanfällen. Herr Szokoly fährt Tag für Tag schon am frühen Morgen mit der Kutsche weg, um sein weitläufiges Gut zu kontrollieren und zum Mittagessen ist er wieder zurück. Zu Muttis Pflichten gehört vor allem Sari in Deutsch unterrichten, mit dem Kind im Park spazieren zu gehen, kleine Aufsätze in Deutsch machen, die Rechtschreibung erklären. Akzentfrei Deutsch sprechen kann Sari seit Kindertagen, nur im Schulunterricht ist Deutsch kein Thema. Alle Familienmitglieder sprechen perfektes Hochdeutsch, akzentfrei ohne jede ungarische Aussprache, das Mutti zur Verwunderung ihrer Freunde und Verwandten selbst auch spricht als sie wieder zurück im Innviertel ist. Muttis Unterrichtsgegenstände sind aber auch Turnen und Gymnastik zum Grammophon, Rad fahren, schwimmen lernt Sari im Nu und es machte ihr große Freude, aber es gehören auch Unterweisungen dazu wie Radieschen zu setzen und sie mit großem Genuss gemeinsam zu ernten. Beide Großelternpaare haben elegante Häuser im gleichen Ort und dort sind Mutti und Sari immer gerne gesehen, abwechselnd werden die beiden Großelternpaare besucht. Oft ist eine von Saris Großmüttern auch dabei, wenn der Unterricht wie das Schwimmen außerhalb des Gutes stattfindet - damit Mutti von keinem Mann angesprochen würde. Mutti wird in der ganzen Gegend als gute Turnerin bekannt, nur die Oma hat Bedenken: wenn Sari an den Ringen turnt, könnte sie doch während einer Figur loslassen und kopfüber auf den Boden stürzen. In Zukunft gibt es Geräteturnen nur mehr ohne großmütterlichen Beistand. Im Gegenzug lernt Mutti ganz nebenbei das Einmaleins in Ungarisch, weil Sari nur mit ihr üben will. Für Sari ist die Unterrichtssprache in der Schule natürlich Ungarisch und so paukt sie eben auch das Einmaleins. Abhören lässt sie sich aber nur von Mutti, die so ganz nebenbei das Einmaleins auf Ungarisch lernt. Abends raucht Herr Szokoly still vor sich hin, Mutti strickt ohne ein Wort zu sagen, nur Frau Szokoly redet alleine unentwegt in Ungarisch, stundenlang bis sich alle ins Bett geflüchtet haben. Als Sari eines Tages einen Milchzahn verliert und ein wenig aus dem Mund blutet, beginnt ihre Mutter wie wahnsinnig unartikulierte Wörter in höchster Lautstärke zu schreien. Einmal ist der Schreikrampf besonders beängstigend und Sari hatte sich in Muttis Bett geflüchtet, da nimmt Mutti allen Mut zusammen und tritt ins herrschaftliche Schlafzimmer wo Frau Szokoly steht und schreit. Mutti sagt zu ihr: "Bitte hören Sie auf zu schreien, Sari liegt zitternd in meinem Bett und muss morgen wieder zur Schule." - und die Frau hört ohne Übergang auf zu schreien. Das erste Mal hatte Herr Szokoly dieses Verhalten an seiner Frau bei der Hochzeitsreise in Paris erlebt, als seine frisch Angetraute die Taschentücher im Koffer nicht gleich finden konnte. Als sich nach eineinhalb angenehmen Jahren in Ungarn zu Hause die Möglichkeit einer Stellung als Lehrerin abzeichnet bricht Mutti schweren Herzens den Unterricht bei Sari in Ungarn ab und kehrt nach Hause zurück. Muttis Stelle wird von ihrer um ein Jahr jüngeren Schwester übernommen, die Sari ein weiteres Jahr unterrichtet. Nach dem Krieg erfährt Mutti von einer nach Kanada emigrierten Ungarin, dass Herr Szokoly mit seiner gesamte Familie und alle Familien seiner Brüder während des ungarisch-nationalsozialistischen Pfeilkreuzlerregimes umgekommen waren - Saris Vater und seine Brüder waren Halbjuden, Saris Mutter war Volljüdin. Der älteste Bruder Szoltan Szokoly lebt 1944 mit seiner Familie in Budapest und wird als erster abgeholt. |
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| Muttis Lehrerposten | |
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Mauerkirchen (nette Kollegin
und von Vati zum ersten Mal besichtigt), 1938 Mutti ist nun seit fünf Jahren ohne Anstellung als Lehrerin und spricht bei ihrem Bezirksinspektor vor, der ihr nun versprechen kann sie als nächste anzustellen, wenn ein Lehrerposten frei würde. Einige Tage vorher hatte eine seiner Verwandten ihren Neffen unterbringen wollte, der eben fertig geworden war, dieser Neffe stellt sich später als mein Vater heraus. Der Bezirksschulinspektor hält sein Versprechen und Mutti kann im Herbst in Mauerkirchen als Volksschullehrerin anfangen. An dieser Volksschule arbeitete schon länger die äußerst nette Kollegin Anni, die Mutti bei allem behilflich ist: Bei der Wohnungssuche, beim Einleben, bei den Vorbereitungen für den Unterricht. Vati bekommt in diesem Jahr von der Schulbehörde wiederum nicht die von ihm so heiß ersehnte Anstellung als Lehrer und wird für ein Jahr Sparkassenbeamter in Altheim, wo er natürlich viel mehr verdient als ein Lehrer. Das vergangene Jahr hatte er mit einer Ausbildung zum Reserveoffizier als Einjähriger Freiwilliger beim Österreichischen Bundesheer überbrückt. Wenige Monate später hat Vati in Mauerkirchen beim Juristen der dortigen Sparkasse zu tun. Als die beiden am Hauptplatz auf und ab promenieren kommen ihnen zwei junge Damen entgegen und der Doktor sagt zu Vati: "Die kleinere ist ein ganz fesche Katz', aber sie hat immer so einen blöden Hut auf". So wird Vati zum ersten Mal auf Mutti aufmerksam.
Eine Kollegin der beiden will nicht weiter in Feldkirchen begraben sein und bereitet sich energisch auf die umfangreiche Hauswirtschaftsprüfung vor. Das Hauptthema "Das Schwein" wird ihr von der Prüfungskommission vorgegeben. Die junge Frau ist verzweifelt, denn wie soll sie an entsprechende Lehrbücher kommen. Doch da naht die Erlösung in Person von Onkel Heinrich, dem Ehemann von Muttis jüngster Schwester. Er ist Agraringenieur und weiß alles über künstliche Besamung, Aufzucht der Ferkel, Haltung, Krankheiten, Fütterung und Wachstum der Schweine. Außerdem kennt er alle Schlachtmethoden, Fleischsorten und Verwendungsarten. Das alles paukt er einen Tag lang mit Mutti, die dann mit ihrer Kollegin lernt. Als diese schließlich zur Prüfung antritt herrscht bei der Prüfungskommission Erstaunen über das umfangreiche Wissen der Kandidatin, die mit einer Auszeichnung abschließt. Sie bekommt aufgrund ihrer besonderen Leistungen die Stelle ihrer Wahl, in der Hauptschule Bad Hall. Viele Jahre später macht Mutti dann selbst das Lehramt für Hauswirtschaft. Mehrere Monate bereitet sie sich aufs Gewissenhafteste für die Prüfung vor, in dieser Zeit gibt die wundersamsten Speisen und am Wochenenden raffinierte mehrgängige Menüs. Bübchen hatte vorher noch vorher so köstliche Gerichte genossen und so wundervoll angerichtete Speisen gesehen. Selbst die Kochkünste der Tante Detta, die wahrlich aus Allem die delikatesten Köstlichkeiten zubereiten konnte, sind nun in den Schatten gestellt. |
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| Die drei Cousins | |
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Mutti hat drei erwachsene Cousins. Der Älteste sympathisiert mit den Nationalsozialisten, der Mittlere hat kein Interesse an Politik und der Jüngste ist überzeugter Sozialist. Im Christlichen Ständestaat (1934 bis zum Anschluss 1938) werden sowohl nationalsozialistische als auch sozialistische und kommunistische Bekenntnisse mit Gefängnisstrafen bedroht. Aus diesem Grund werden sowohl der Älteste als auch der Jüngste der Cousins eingesperrt. Der Jüngste kommt fern seiner Heimat in Bad Gastein als Sozialist ins Gefängnis. Vorher hatte er jede Woche seine Wäsche der Mutter zum Waschen geschickt und sie hat die gewaschene Wäsche mit einem Kuchen wieder an ihren Sohn zurück gesandt. Damit die Mutter nicht von der Verhaftung erfährt trägt nun ein Freund die Wäsche und schickt sie wöchentlich der Mutter seines Freundes. Der Älteste sollte schon vorher verhaftet werden und entzieht sich dem Gefängnis durch Flucht. Es gibt damals genug Regierungstreue, die ihre politischen Gegner nur zu gerne anzeigen um sie ins Gefängnis zu bringen. Die deutschen Nationalsozialisten hatten aus diesem Grunde an den Grenzen Auffanglager für in Österreich verfolgte Nazis eingerichtet. Vielen jungen Männern ist es lieber in der Legion Kondor in Spanien zu dienen, als in den Gefängnissen des Ständestaates zu sitzen. Otto, der Älteste, flüchtet aus Angst vor dem Gefängnis in eines dieser Auffanglager bei Passau. Als seine Mutter das erfährt, fährt sie sofort nach Passau ins Lager, geht dort durch die Baracken und ruft laut: "Otto, Otto". Als der das hört, sagt er zu seinen Kameraden: "Das ist meine Mutter, ich muss wieder heim und ins Gefängnis" und sie nimmt ihn auch gleich wieder mit. Also geht er nicht nach Spanien, wo inzwischen viele politisch unliebsame Österreicher in die Kompanien der verfeindeten Faschisten oder Kommunisten eingereiht waren, je nach Weltanschauung, und gegeneinander kämpfen. Nach dem Anschluss an das Deutsche Reich kommen die verhafteten Nationalsozialisten wieder frei und im Gegenzug werden die Vertreter des Christlichen Ständestaates eingesperrt, die Kommunisten und Austromarxisten bleiben weiter in den Gefängnissen. Schließlich werden aber alle drei Brüder zur Wehrmacht eingezogen und haben den Krieg überlebt. |
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| Mutti in der Kriegszeit | |
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1939 stirbt Muttis geliebte Mutter, abgemagert vom Krebs und so leicht, dass sie ihr Sohn schon seit Wochen ohne weiters überall im Haus hintragen kann, wo sie sein möchte. Muttis Ersuchen zur Ablegung der Lehrbefähigungsprüfung wird 1940 stattgegeben. Mutti reist am Vortag der Prüfung nach Linz. Sie hatte im gleichen Hotel gebucht, in dem ihr Schwager - ein Zollinspektor - schon seit einigen Tagen wohnte. Am Bahnhof in Linz trifft sie einen Kollegen aus Ischl, der als einer der Wenigen noch nicht eingerückt war. Für den Abend verabreden sie, gemeinsam Abendessen zu gehen. Als dann Mutti mit diesem Kollegen in einem Lokal sitzt, erkennt der junge Lehrer plötzlich an einem weiter entfernten Tisch einige seiner Lehrerkameraden in Uniform. Er steht auf und geht zum Tisch hinüber um seine Freunde zu begrüßen, die er schon so lange nicht mehr gesehen hatte. Die Aufforderung der Kollegen an ihrem Tisch zu bleiben wehrt er mit dem Worten ab: "Ich kann nicht bei euch bleiben, weil ich ein Kind an meinem Tisch habe", gemeint ist meine immer viel zu jung aussehende Mutti auf die er zeigt. Unter den jungen Männern am Tisch sitzt auch Vati, der Mutti erst jetzt erkennt. Sofort stürzt er vom Tisch auf und er hätte der Tisch umgeworfen und alle Gläser wären durchs Lokal geflogen, hätten seine Kameraden das nicht gerade noch verhindert. Während die Biergläser aufgestellt werden und sich die Freunde die Uniformen reinigen hastet Vati auf Mutti zu. Später am Abend fragt der Ischler Kollege: "Ich verstehe es nicht, dass ihr kein gemeinsames Zimmer nehmt - wollen Sie einen Mann oder nicht, Fräulein Hedi." Doch in der ganzen Stadt ist kein Doppelzimmer mehr aufzutreiben. Mutti und Vati hatten unabhängig voneinander ein Ansuchen um Zulassung zu dieser Prüfung gestellt, Vati und seine Freunde waren bereits 1939 zur Deutschen Wehrmacht eingezogen worden und im Feld am Westwall. Den Ansuchen wird allen stattgegeben. Die zweitägige Lehrbefähigungsprüfung haben schließlich alle Prüflinge bestanden, Mutti hatte sogar einen druckreifen Aufsatz geliefert, wie Vatis bester Freund Ferdl nachher feststellt. Ferdl ist einer der vielen jungen Männer, die nicht mehr aus dem Krieg zurück kommen.
1941 Mutti gibt ihre Schi und Schistöcke bei der Sammlung des Winterhilfswerks ab, am Schifahren hat sie so wieso nie rechte Freude gehabt. Bereits 1942 ist für Mutti bezüglich Ehe alles geklärt. Am Jänner erhält sie ein graphologisches Gutachten von dem Privatgelehrten Willy Bernert in dem Vatis Schrift als "die eines Mannes beschrieben wird, der mit einigem Stolz das ist, was man 'charaktervoll' nennt." Mit dem "Resumée: Diese Ehe kann sehr empfohlen werden!" Also sind alle anderen Bewerber aus dem Rennen, auch der stürmische Rudi, durch den das besagte Hütchen schon öfter auf dem Boden gelandet war oder der rothaarige temperamentvolle Lehrer, der sich später als Familientyrann herausstellen wird. Nach der erforderlichen Ahnenforschung und Dokumentation sämtlicher Vorfahren bis ins Jahr 1800 zurück wird schließlich im Juni 1943 vom Landrat die Ehebewilligung erteilt. Kurz vor ihrer Hochzeit übersiedelt Mutti 1943 in die Nachbarvilla Wieser. Die Besitzerin ist eine pensionierte Lehrerin, die erfahren hatte, dass Mutti bald heiraten würde. Ihr ist die junge Lehrerfamilie lieber als eine zwangsweise zugewiesene Einquartierung von ausgebombten Reichsdeutschen oder geflohenen Volksdeutschen. Eines Tages spricht deswegen Frau Wieser Mutti an: "Wenn Sie eine größere Wohnung brauchen, können Sie bei mir einziehen. Ich hätte gerne dass Sie bei mir wohnen, weil ich sonst jemanden nehmen muss, den ich zugewiesen kriege." 1943 bekommen die Verlobten die Erlaubnis zur Heirat. Vati ist inzwischen in Russland, seine Division liegt westlich von Moskau bei Desna. Von dort fährt Vati Ende August 2.200 km zu seiner Hochzeit im Salzkammergut nach Bad Ischl. Die Jungvermählten beziehen ein Zimmer im Goldenen Ochs an der Traun, wo sie mich zeugen. Für die Hochzeitsfeier gibt es Lebensmittelmarken für acht Personen, eingeladen sind meine drei Tanten samt Kindern, die Männer stehen alle im Feld. Ein Cousin erinnert sich, dass es die Nachspeise aus hart gekochten garnierten Eiern (sic) besteht, etwas ganz Besonders in dieser Zeit. Drei Wochen später geht es für Vati wieder zurück in die russische Kriegshölle. 1944, kurz vor Kürtchens Geburt, hat Mutti 7.420 Reichsmark auf ihrem Sparbuch. Eine Menge Geld aber leider nur Makulatur, weil man sich nichts dafür kaufen kann. Ihr Monatsverdienst als Lehrerin beträgt 222 Reichsmark. Nicht einmal das ist für Geld zu kriegen, was auf den Reichskleiderkarten zugeteilt war, noch heute liegen die nicht genutzten Kleiderkarten in einer Schatulle. |
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| Das erste Jahr mit Mutti | |
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Mutti kann sich vor der Geburt ihr Kindchen nicht als wirklich vorstellen, auch nicht das Leben mit ihm nach seiner Geburt. Alles ist für sie so nebelig geworden in der Erwartung des Kindchens und wenn Mutti unterrichtet, mit ihren Freundinnen zusammen ist oder ausgeht scheint es, als ob die Welt um sie herum nicht mehr existierte. Seit zwei Tagen hat sie abends heftige Schmerzen. Mutti denkt jedes Mal, nun fängt es an, aber das Ziehen hört nach einigen Stunden wieder auf. Und jeden Abend ist Mutti in gespannter Erwartung, wann sie wieder anfangen. Wieder und wieder die Schmerzen. Mutti fürchtet sich, dass mit ihr irgendetwas Schlimmes, Unerwartetes geschehen könne, dass ihr Kindchen alleine und ohne sie leben müsse. Sie geht schon seit Wochen nicht mehr aus, liegt oder geht im Zimmer herum, liest dicke Bücher und ordnet die Briefe an Vati. Plötzlich als sie eben aus dem Mittagsschlaf erwacht, hat sie heftige Schmerzen und Blutverlust - nun gibt es keinen Zweifel mehr. Am Abend hören dann die Schmerzen nicht mehr auf und sie muss sich hinlegen. Als dann das Rettungsauto kommt und sie ins Krankenhaus bringt hat sie keine Angst mehr. Bübchen kommt eine Stunde nach Mitternacht am 20. Mai 1944 auf die Welt, nach schweren Schmerzen. Am gleichen Tag wird der Berliner Dom von einer Bombe getroffen und die Kuppel brennt aus. Der Rocker Joe Cocker wird im nordenglischen Sheffield als John Robert Cockeroren geboren. Die 71. Infanterie-Division bei Monte Cassino wird aufgerieben. Für Mutti ist alles so sonderbar, wie ein schwerer Traum, das halbdunkle Zimmer, die Klosterschwestern in ihrer weißen Tracht und ihre Frage ob sie noch lebe. Wenn es ruhig ist im Zimmer liegt Mutti in halbem Bewusstsein mit großen Schmerzen, alles in ihr zittert noch. Nachher bringen sie ihr das ganz kleine Süße, Herrliche fest verschnürt in seinem weißen Kissen. So glatt und rosig ist es, Mutti hatte es sich lange nicht so schön gedacht. Die erste Zeit kommt Mutti kaum zur wirklichen Freude. Vor Fieber, Schmerzen und der entsetzlichen Zerschlagenheit weiß Mutti kaum, wie ihr ist und hat nur ein dunkles Gefühl in sich, dass in irgendeinem Raum ihr Kindchen liegt und auf sie wartet. Und gleichzeitig kann Mutti den Schrecken nicht verwinden, das Todesentsetzen in jener Nacht. Der Schmerz und das Entsetzen kommen immer wieder und lässt alle Nerven beben. Mutti meint sie würde nie wieder gesund werden oder den Verstand verlieren. Als Mutti dann zu Hause ist, weiß sie, dass ihr Kindchen immer, immer bei ihr bleiben wird, Tag und Nacht. Es ist so blühend mit seinen großen hellen Augen, dem blonden Haarschopf und dem rosigen Gesicht. Am Tag liegt es in einem Korb im Wohnzimmer und nachts an ihrem Bett. So findet Mutti langsam ins Leben zurück, liegt in ihrem Bett und sieht die grünen Bäume und die Sonne als sie ihr Kindchen neben sich hat. Alles hängt an ihm, all ihre Liebe und die Welt ist wieder so herrlich für sie geworden, es gibt sie wieder, die Wiesen und Bäume mit dem blauen Himmel darüber. Die Wohnung liegt im ersten Stock einer Villa in einem großen Garten. Neben der Küche gibt es eine große Terrasse nach Südosten und auf der kann Bübchen immer draußen sein und rote Backen kriegen. Mutti hat nicht immer die Kraft, ihn anzuziehen, in den Kinderwagen zu setzen und auszufahren. Dann sitzt sie mit Bübchen still auf der Terrasse und lacht den Himmel an. Mutti fürchtet sich davor, dass er eigensinnig würde, aber bisher konnte sie keine Widerspenstigkeit in seinem Wesen entdecken. Oft war es Bübchen nicht ganz wohl und manchmal weint er dann die halbe Nacht. Mutti wird bei dem Gedanken, er könnte ernstlich krank sein ganz kalt ums Herz. Sie nimmt ihn aus seinem Kissen zu sich ins Bett. Was ist es für ein süßes Gefühl für sie, das kleine Wesen zu fühlen, wie es sich jammernd und mit zitternder Unterlippe an sie drückt. Hin und wieder lässt sie den Doktor kommen, natürlich fehlte dem Kindchen nichts wirklich.
Irgendwann findet Mutti eine nette Haushaltshilfe, die in Bübchen und Mutti gleich völlig verliebt ist und den beiden auch über Jahrzehnte treu bleibt. Sie kann im Handumdrehen alles blitzblank putzen und aus fast nichts eine Mahlzeit kochen, dass es eine Freude ist. Nur mit dem Schreiben geht es nicht so gut, da nützten auch alle Bemühungen Muttis nichts. Mutti bleibt aber noch genug Arbeit, da die Frau nur vormittags für zwei Stunden kommen kann. Bübchen kann mit elf Wochen strampeln, lachen und "ada" sagen. Mutti liebt es, den ganzen Tag mit ihm zu spielen und fast immer Zeit dazu zu haben. Mutti ist sehr stolz auf ihr dralles schönes Kindchen, das so wohl gepflegt aussieht. Oft aber ist Mutti so erschöpft, dass sie am Tag neben Bübchen einschläft. Bübchen fängt an, sich für alles mögliche zu interessieren und seine Händchen zum Spielen zu benutzen. Dann kriegt er seinen ersten Zahn und Mutti ist darüber so gerührt, dass ihr die Tränen kommen und drüber lachen muss. Als er ganze Nächte schreit, bis der Zahn endlich da ist, haben beide schreckliche Kopfschmerzen. Als Bübchen seine ersten Sprechversuche macht, ist er vom Misserfolg gezeichnet und weint darüber unglücklich. Bübchen versucht zu stehen und manchmal legte er die Arme um Muttis Hals und küsst sie. Kurze Zeit später kann Bübchen in seinem Wagen stehen, sich daran hochziehen oder am Boden kriechen. Er kann hell darüber lachen, wenn Mutti beim Baden mit der Hand ins Wasser platscht. Mit einem Mal kann Bübchen richtig stehen und als er plötzlich in seinem Wagen aufsteht, das Übergewicht kriegt und in den Kies hinausfliegt ist Mutti zu Tod erschrocken, doch er hatte nur einen einzigen Kratzer abbekommen. Mutti muss lachen, als Bübchen eines Tages die Zunge herausstreckte und "ada" sagt, als Onkel Hermann ihn knipste. Bübchen, Bübchen, Wenn Bübchen krank ist, hat er immer gleich sehr hohes Fieber, schreit laut und lässt sich nicht beruhigen. Mutti hat dann wieder ihre Todesangst, lässt den Doktor holen, der nichts finden kann und sie beruhigt. Bübchen lacht schon am Abend wieder und spielt als wäre nichts gewesen. Mutti schmückt zu Weihnachten einen Baum mit bunten Glaskugeln und weißen Kerzen. Leise singt sie Weihnachtslieder während sie neben Bübchens Korb sitzt und ihm huldigt wie die Heiligen drei Könige dem Jesuskind gehuldigt hatten. Bübchen ist vom Christbaum ganz begeistert und sieht ihn mit seinen großen hellen Augen an, später dann vor dem Einschlafen fürchtet er sich vor den Lichtern und schreit bis Mutti die Kerzen ausgeblasen hat. In den nächsten Tagen wird dann der Weihnachtsbaum noch öfter angezündet und Mutti sitzt mit Bübchen davor, gedenkt ihres Mannes im Krieg und an ihre Weihnachtszeit bei den Eltern, an deren Fürsorge im alten Zu-Hause, das es seit so vielen Jahren nicht mehr gibt. Das Heimweh hört nie auf. Eines Tages wendet sich der Schulinspektor an Mutti, ob sie nicht in der Hauptschule Kurzschrift unterrichten könne. Mutti sagt unter der Bedingung zu, dass sie eine Betreuerin bekäme die in dieser Zeit auf Bübchen aufpasst. Die Hausfrau Frau Wieser sollte zu dieser Zeit zu einem Arbeitsdienst in einer Bibliothek verpflichtet werden, weil sie sich aber beim Inspektor meldet, dass sie auf Bübchen aufpassen könne, wird diese Tätigkeit als Arbeitsdienst gewertet. Und so liegt Bübchen am Vormittag oft auf einer weichen Decke in ihrem Wohnzimmer, während Mutti den Kindern in der Schule Stenographie beibringt.
Bübchen, Bübchen, Bübchen beschäftigt sich mit Leidenschaft ganz allein, er lallt vor sich hin, aber sein größtes Vergnügen ist, an Muttis Hand herum geführt zu werden. Manchmal steigt Mutti zu ihm in die Gehschule hinein, er empfängt sie dann mit ausgebreiteten Armen und schenkt ihr sein Fläschchen. Oft kommen auch unvermittelt Leute zu Besuch, die bei Mutti Malzkaffee trinken und Bübchen bewundern. Meist ist dann Bübchen unbeobachtet und er kann in der Küche die wunderbarsten Spiele in den Schränken finden und wenn er auch nur einen Augenblick alleine dort ist, hat er im Nu Kochtöpfe und Geschirr auf den Boden geräumt. Immer wieder sind aus dem 120 Kilometer entfernten München die Bombardements zu hören und auch aus der 30 Kilometer entfernten Stadt Salzburg, im Städtchen selbst fällt nur eine einzige Bombe und löst großes Grauen bei den Menschen aus. Mutti ist auch am Nachmittag öfter beschäftigt, denn sie muss die Vorbereitungen für den Unterricht am nächsten Tag machen, den Lehrstoff zusammenstellen oder die Steno Schularbeiten korrigieren. Die Staatsprüfung in Kurzschrift hatte Mutti bereits 1935 abgelegt weil für sie sonst in ihrem Beruf nichts zu tun gegeben hatte. Ihr Schwager hatte zu dieser Zeit in Ischl Kurzschrift unterrichtet und war ihr bei der Vorbereitung zur Prüfung behilflich. Doch dass sie die Prüfung im Gegensatz zu ihm mit Auszeichnung bestanden hatte, war ihm dann doch nicht recht und er sagte etwas verdrießlich, auf ihr mädchenhaftes Aussehen anspielend: "So ein Mädchen!". Bübchen hat acht Zähnchen und Mutti mustert sie jeden Morgen mit Stolz. Er versucht zu laufen, kriecht mit rasender Geschwindigkeit durchs Zimmer, und man muss jeden Augenblick aufpassen, sonst rutscht er die Stiegen hinunter und fällt über die Stufen. Inzwischen sind die ersten schönen Frühlingstage und Bübchen kann im Garten sein. Bübchen ist schon so groß, dass er alleine laufen und spielen kann. Der Winter ist vorbei und das erste Lebensjahr verweht. Als Bübchen aus seiner Gehschule im Garten flüchten kann, ist guter Rat teuer. Bübchen wird schließlich draußen an eine lange Schnur gebunden, damit er nicht auf die Straße wegläuft. Aber er verwickelt sich fortwährend und setzt sich dann resigniert nieder und spielt quengelnd. Dann und wann sieht er Mutti vorwurfsvoll mit großen Augen an. Inzwischen ist Bübchen vom Hausarzt gegen Diphtherie und Scharlach geimpft. |
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| Kriegsende | |
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Irgendwie ist der Krieg dann aus, ohne dass das Innviertel durch Feindeinwirkung besonders in Mitleidenschaft gezogen worden wäre. Einige der alt vertrauten Silhouetten von Bahnhöfen und Industrieanlagen waren von Bomben in beziehungslose Stücke gerissen. Die Nazis, die das eigentliche Unglück gebracht hatten, sind plötzlich verschwunden. Der Gau Oberdonau in der Ostmark ist nun wieder zu Oberösterreich geworden. Geblieben aber sind die Not und die Trauer um die verlorenen Söhne. Dann kommen die fremden Soldaten in den fremden Uniformen und der fremden Sprache. Die anfängliche Angst vor den jungen, unsicheren Amerikanern weicht nach wenigen Tagen wieder der stumpfen Gleichgültigkeit der letzen Jahre. Viele Einheimische verachten insgeheim die Besatzungssoldaten wegen ihres weichen Auftretens und weil sie statt genagelter Stiefel hohe Schuhe mit Gummisohlen tragen. Die GIs werden in Gruppen vorübergehend in Schulen, Gasthäusern und Privathäusern einquartiert. Die Fraternisierung ist ihnen strengstens verboten und so ergibt sich noch eine zusätzliche Distanz. Eine dieser Gruppen wird auch in der Villa Wieser untergebracht. Mutti und Bübchen dürfen im ersten Stock bleiben, alle anderen Bewohner müssen in den Keller ziehen, da die Amerikaner das Erdgeschoß beanspruchen. Auch andere Menschen sind in der Gegend als Strandgut des Krieges einquartiert. Einerseits viele vor den Repressalien und Verschleppungen der Russen geflüchteten Wiener und ganze Dorfgemeinschaften von Volksdeutschen in verwunderlichen Trachten. Umher irrende Menschen die nach dem Zusammenbruch der deutschen Wehrmacht in Ungarn, der Tschechoslowakei, Jugoslawien und Rumänien aus ihrer dortigen Heimat vertrieben und von den österreichischen Behörden hier untergebracht sind. Nachdem die schwer bewaffnete Vorhut der US-Streitkräfte weiter gezogen ist und einem US-Kommando um den amerikanischen Colonel Gallegher Platz gemacht hat, kann Mutti ihre geliebte Ziehharmonika nicht mehr finden. Als ausgebildete Lehrerin spielt sie mehrere Instrumente, darunter Violine, Klavier, Flöte und eben auch Ziehharmonika. Nach einigem Hin und Her fasst sie allen Mut zusammen und berichtet dem Colonel ihr Unglück. Der ist vom Verhalten der Vorhut peinlich berührt und lässt unverzüglich die schönste Ziehharmonika für Mutti kaufen, die sein Adjutant auftreiben kann. Einige Tage später übergibt er ihr voll Freude einen schwarzen Koffer mit einer äußerst wertvollen, diatonischen Harmonika, reichlich mit Perlmutt-Intarsien verziert. Mutti ist sehr gerührt, bedankt sich auch artig, kann aber mit dieser Knopferl-Harmonika nichts anfangen, kann sie doch nur auf einem Instrument mit Klaviatur spielen.
Bübchen entwickelt immer mehr Temperament, kann stampfen, den Kopf schütteln und "nein" rufen, wie ein alter Schauspieler gestikulieren und sich auf den Boden werfen wenn er etwas nicht will oder ihm etwas nicht gelingen will. Über seinen Spielsachen wird er manchmal ganz rasend. Aber Mutti braucht nur mit ihm zu reden und alles ist wieder im Lot. Als Bübchen seine Backenzähne kriegt, gibt es für die beiden wieder unruhige Nächte. Mutti muss mehrmals in der Nacht aufstehen, um nach Bübchen zu sehen und beide haben am Morgen einen Brummschädel wie nach einer durchzechten Nacht. |
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| Vati kommt aus der Kriegsgefangenschaft zurück | |
Im September 1945 sieht Bübchen Vati zum ersten Mal, der ist krank vor Entbehrungen, braun gebrannt und hat hellblond gebleichtes Haar von der Sonne des Südens. Er war den Schlachtfelder lebend entkommen, aber bleibt sein ganzes Leben davon gezeichnet. Bübchen ist gerade 16 Monate alt geworden. |
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