Geboren im letzen Jahr des Zweiten Weltkrieges in der Ostmark des Deutschen Reiches in Braunau am Inn. Aufgewachsen in einer Kleinstadt, als älterer von zwei Söhnen eines Lehrerehepaares. Inmitten einer bunten Welt mit amerikanischen Besatzungssoldaten, Flüchtlingen aus Südosteuropa, Hörndlbauern und Körndlbauern, saturierten Geschäftsleuten, streng-katholischem Glaube, sozialistischer Idealisten, sowie kühnen Burschen, die mitunter zu Helden mutieren. Und das alles einbezogen in den Hunger, die Verzweiflung, die Bitternis und die ungeheure Armut nach dem verlorenen Weltkrieg.

Einige Randbemerkungen zur Autobiografie der Kindheit beschäftigen sich mit der Struktur der Kindheitserinnerungen, Überlegungen zur Methodik und zur Niederschrift der Autobiographie. Sie geben Auskunft über die Probleme bei der Erstellung dieser Autobiografie.

 
 

Seit Bübchen denken kann hat er den Kopf voller Ideen und Geschichten. Seit er reden kann will er seine Geschichten erzählen. Anfangs traut er sich nicht sie zu auszusprechen, später hat er Bedenken sie aufzuschreiben, denn er hat immer das Gefühl, dass alle anderen spannendere Geschichten erzählen als er und dass ihre Themen gewichtiger sind.

Mutti war grenzenlos gut zu Bübchen und das erste Jahr seines Lebens war er mit ihr ganz alleine. Vati wurde zuerst von der Wehrmacht eingezogen und dann in Kriegsgefangenschaft gekommen - beides hatte er sich nicht ausgesucht. Mutti und Bübchen bewohnten den ersten Stock einer eleganten Villa. Mutti umsorgte ihr Bübchen Tag und Nacht, sie besorgte in dieser tristen Zeit Äpfel, um sie zu schaben und mit lieben Worten ihrem Kindchen in den Mund zu spachteln. Sie wanderte oft Stunden zu einem Bauern um frische Milch für ihn zu bekommen. Es war so gut für sie, Tag und ihr Kindchen bei sich zu haben, Mutti wäre sich sonst so entsetzlich allein vorgekommen.

Bübchen, Bübchen
Zuckerrübchen.

Denn Vati an der Front in Russland, später bei einer grausamen Ausbildung in Deutschland und zuletzt in Italien an der Front und und in Gefangenschaft. Sie nähte Bübchen Hemdchen und Höschen, strickte Häubchen und häkelte Deckchen, damit ihr Blondschöpfchen alles hatte, wenn sie ihn im Kinderwagen mit den hohen Rädern stolz durch die Stadt kutschierte. Sie zeigte ihr Kindchen stolz all ihren Freundinnen und Bekannten und ein Onkel hielt mit seinem Fotoapparat alles fest, entwickelte die Filme und Fotos selbst. Diese Fotos haben die Jahrzehnte überlebt und sie gibt es noch heute - auf dem ersten Fotoalbum steht "Unser Kindchen".

Vati kann es sich einfach nicht vorstellen, dass dieser Knirps nicht wie eines seiner Militärpferde oder ein Soldat der Deutschen Wehrmacht reagiert, dem man klare Befehle geben konnte. Dieser Bengel aber wollte lieber seinen eigenen, dumpfen Ideen folgen und im sinnlosen Müßiggang verweilen. Denn was gibt es Schöneres für ein Kind als an einem herrlichen Sommertag im duftenden Heu zu hocken, im sprudelnden Wasser eines eiskalten Baches die Füße zu versenken, mit Heuhüpfern zu spielen oder stundenlang im Gras auf dem Bauch zu liegen und das hektische Umherlaufen von Ameisen und merkwürdig geformten Käfern zwischen den Grashalmen und bunten Blumen zu beobachten. Ganz zu schweigen vom Vergnügen, bei Regenwetter in jeder Pfütze in das eigene Spiegelbild zu patschen.

Der ruppige, aber allseits geschätzte Hausarzt attestiert in einer seiner nüchternen Stunden, dass Bübchen keinen organischen Schaden hätte und eigentlich gut hören müsse. Dabei haben die zittrigen Hände des früh Gealterten mehr damit zu tun, die ununterbrochene Zigarettenabfolge zu hantieren als das Kind zu untersuchen. Da kommt der pädagogisch und militärisch wohl ausgebildete Vati auf die einzigartige Idee, dass Bübchen wohl ein Meuterer sei. Zu Bübchens Unglück versucht er deshalb immer wieder ihm die Ohren mit ein paar kräftigen Ohrfeigen zu reinigen...

In Bübchens empiristischer Sicht leiden alle Großen unter einer dröhnend schwirrenden Verwirrung, stören ihn in seinem Tatendrang, behindern seinen Eifer und verstehen auch sonst die Welt nicht. Zum Glück gibt es damals keinerlei unnütze Kommunikation zwischen den Generationen, statt dessen existiert eine knappe Kommando- und Meldesprache, die das Zusammenleben zwischen Großen und Kleinen koordiniert. Für Themen außerhalb der Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken, Schlafen, Ruhe geben, Lernen, Waschen und Zähne putzen gibt es kaum gemeinsame Vokabeln. Die Kleinen haben von sich aus nur eigene, lebensbedrohliche Krankheiten oder andere unerwünschte Vorfälle zu melden. Persönliche Wünsche und Anregungen der Kleinen werden von den Großen mit einem lautstarken Hinweis wie "Halt den Mund du Fratz", "Sei nicht frech" oder "Was ist denn schon wieder" erledigt.

Der fehlende Körperkontakt zwischen den Großen und Kleinen ist selbstverständlich. Die Ablehnung jeder Art der Berührung ist nur bei der Körperpflege, der gewaltsamen Fortbewegung und natürlich der Züchtigung aufgehoben. So sehr hätte es sich Bübchen gewünscht, dass ihm Vati oder Mutti öfter über seinen blonden Strubbelkopf gestrichen hätten. Bübchens unerfüllte Sehnsucht nach Kuscheln, Gemeinschaft und Harmonie wird auf ihn als Erwachsener übertragen, der dieser Sucht sein Leben lang nachgehen wird. Und er wird die Voraussetzungen seiner Neigung in jedes weibliche Wesen hinein projizieren: zärtlich, gefühlvoll, hingabefähig, ganz offen, ohne Furcht, ohne Vorbehalt. Sein ganzes Leben wird er Sehnsucht haben nach einer Frau, die er lieben kann, der er, ohne auf sich selbst zu achten, seine ganze Liebe schenken kann.

Bübchen kann sein Kopfkino schon damals in Betrieb nehmen und da gibt es Spannendes zu sehen, sobald man nur die fünf Sinne abgeschaltet hat. Es sind dies Momente, die seine ganze Aufmerksamkeit erfordern, bei wichtigen Tätigkeiten sollte man schließlich nicht gestört werden.

Bübchen entdeckt bereits früh, dass die Beherrschung sprachlicher Formen und das Erzählen zweierlei sind, einige Jahre später entdeckt er weitere Hürden beim Aufschreiben der Geschichten. Die Beherrschung der Sprache bedarf Begabung, aber man kann das bis zu einem gewissen Grad erlernen. Die Geschichten im Kopf sind einem gegeben oder nicht. Ohne die Ideen, die einem zufließen, ist das Schreiben aussichtslos - ohne Beherrschung der Sprache ist es in letzter Konsequenz nicht ausführbar, denn die eigenen Geschichten kann niemand sonst erzählen.

Vernünftig, ernsthaft und unterwürfig zu sein sind in Bübchens Kindheit wichtige Ideale für die Kleinen. Für Bübchen bedeutete das Einengung und Leiden. Er erkennt schon früh die wichtigsten Themen der Menschheit wie sie die Großen empfinden: geheimnisumwitterte UFOs, den Raub Südtirols durch die Italiener, die Polarität von Christentum und Sozialismus. Jeder der Großen kennt einen anderen Großen, der wieder einen weiteren Großen kennt, der schon ein richtiges UFO aus der Nähe gesehen hatte. Das schöne und aufrechte Südtirol war den Österreichern 1919 von den Italienern gestohlen und betrügerisch in das Land der Katzlmacher einverleibt worden. Für Vati ist der Sozialismus die erste und reinste aller Lehren, ein Widerspruch kommt da zu Hause nicht in Frage - von niemandem. Das Christentum dagegen wird in der Familie des Schmieds, vom hochwürdigen Herrn Probst und seinen Kooperatoren und den Großeltern hochgehalten. Es ist nicht direkt das Christentum, sondern mehr die damit verbundene Lebenshaltung, die Vati stört. Wenn Vati bei den Großeltern auf Besuch ist, konvertiert er im Moment vom überzeugten Sozialisten zum gläubigen Christen. Seine Gesprächsbeiträge, Ausdrucksweisen und die sonntäglichen Besuche der heiligen Messe bestätigen Bübchens Vermutung, dass man nur wenige Kilometer mit dem Motorrad fahren müsse, um seine Überzeugung vollständig wechseln zu können.

 
 

Bübchen liebt sie vom Anfang an, diese laute, bunte, grelle Welt in die er einfach so hineingeboren worden war. Er will sie begreifen und sie sich aneignen, ihre Regeln verstehen und die Leute beobachten. Schon bevor er in den Kindergarten geht, kennt er sich in seiner Welt gut genug aus, um sich seine Freiheit schaffen und sichern zu können. Und bald wirken für ihn die Großen eher schrullig als bedrückend.

Bübchen lebt die ersten 14 Jahre unter Erwachsenen, die immer am Besten wissen, wie die Welt zu sein hat, was Kinder denken sollen und was sie zu tun haben. So kann er sich vom Anfang an gar nicht erst den Luxus angewöhnen, nur denen die Hand zu geben, die vielleicht seiner Meinung sein könnten.

Bübchen ist als Kind eine Frohnatur, Angst vor öffentlichen Auftritten - und wenn es nur ein Gedicht bei der Weihnachtsfeier im Kindergarten ist - hat er dennoch.

 
 

VillenBübchen wohnt in seinen ersten fünf Lebensjahren im ersten Stock einer eleganten Villa in der Salzburgerstraße. Mit der Hausfrau und deren ältliche Tochter lässt sich nicht viel anfangen. Aber hinter dem Haus ist ein wundervoller Garten, an den Rändern von Himbeer- und Ribiselhecken gesäumt. Bübchen kräht bei schönem Wetter täglich im gleißenden Licht des Vormittags in seiner Gehschule, inmitten des verwilderten Gartens, bis er es eines Tages geschafft hat, sein kleines Gefängnis umzuwerfen und sich unter einer Hecke in Sicherheit zu bringen. Die Suchaktion von Mutti, der Hausfrau und deren Tochter dauert leider nur kurz und so wird Bübchen ab nun in seinem Gefängnis bewacht.

Im Winter blühen riesige, geheimnisvolle Eisblumen an den Fenstern des unbeheizten Stiegenhauses der Villa und formen mit ihren bleichen Fächern aus Eis ein Muster von eleganter Strenge und skurriler Schönheit.

An einem dunklen Winterabend steigt Bübchen im Stiegenhaus langsam die Stufen zur Wohnung hoch als er mit einem Mal bemerkt, dass ihn zwei weißhäutige Gnome verfolgen, mit einer Frisur aus roter Haut, fleischig und dick wie ein Hahnenkamm. Als er vor ihnen immer schneller die Holztreppen hinauf in die Wohnung flüchtet, rennen sie ihm nach, der Größere haarscharf hinter ihm und der Kleinere hinten drein. Bübchen kann gerade noch die Wohnungstüre hinter sich zuschmeißen, bevor sie ihn erreichen. Nachdem er wieder zu Atem gekommen ist und die beiden nicht nachkommen, beruhigt sich Bübchen etwas. Aber in nächster Zeit betritt er die grauenvolle Treppe nur an Muttis Hand. Selbstverständlich glauben ihm die Eltern nicht und wollten ihn Glauben machen, dass er sich geirrt oder schlecht geträumt hätte. Doch Bübchen hatte die beiden Gnome mit den spindelförmigen Köpfen leibhaftig gesehen und seine Eltern können das, wie so vieles, in ihrer Kenntnislosigkeit der Dinge dieser Welt nicht einsehen.

In der kleinen feuchten Kellerwohnung der Villa hat sich eine elegante Wienerin einquartiert, die vor den Russen in die Anonymität geflüchtet war. Bübchen nennt die feine, ältere Dame, die so wundervolle Speisen kochen kann, Tante Detta. Tante Detta nimmt Bübchen gerne als Alibi auf ihren Hamsterausflügen zu den Bauern mit, um so etwas günstiger Milch, Butter, Obst und Gemüse gegen Schmucksachen tauschen zu können. Sie ist die einzige, die Bübchens starken Willen lobt, wobei sie wohl mehr sein Durchhaltevermögen auf den ausgedehnten Hamsterzügen als seinen Eigensinn meint. Tante Detta ist über das Zusammenbrechen der alten Ordnung sehr betrübt und ist in Panik vor der allgegenwärtigen Verschwörung des Weltjudentums und dem Weltkommunismus, die gesiegt und schlussendlich auch das Deutsche Reich vernichtet hätten. Auch die schöne Villa in dem riesigen Park, die ihr Mann im Krieg einem Juden um ehrliche Reichsmark abgekauft hatte, ist nun verloren und gegen einen Pappenstiel in Schilling in den Händen der Erben des in den Staaten verstorbenen Juden. Sie kann die Ungerechtigkeit dieser Zeiten einfach nicht verstehen und gibt jedem laut und deutlich ihre Hoffnung kund, dass die alte Ordnung bald wieder hergestellt würde.

 
 

Das Erdgeschoss der Villa ist von Zivilisten geräumt und von freundlich quirligen amerikanischen Soldaten besiedelt. Tante Detta hält diese Männer nicht für richtige Soldaten, haben sie doch keine genagelten Stiefeln und geben Befehle nicht mit Gebrüll, sondern im Umgangston weiter und haben bequeme Uniformen, die nicht eng am Körper liegen.

Zum Entsetzen von Mutti borgen sich die Amis manchmal Bübchen aus, um ihn sonntags mit auf den Fußballplatz mit zu nehmen. Jonny Weißmüller ist von Bübchen besonders angetan, er zieht ihn an, setzt ihn in den Kinderwagen und dann geht's los zum Spielfeld, das zwei Kilometer entfernt liegt. Mutti ist in schrecklicher Bange, bis Bübchen endlich wieder zurück gebracht ist und mit einem freundlichen Wortschwall wieder abgegeben wird. Aber den Besatzern gegenüber will sie wohl nicht sagen, dass sie den jungen Männern nicht ganz traut, wenn sie ihr Kindchen ausführen.

Die freundlichen Soldaten essen Dinge, die es vorher hier nicht gegeben hatte, wie das schneeweiße Brot, das fast wie Watte aussieht, goldgelben Käse und Schokolade oder Konserven, die auch ab und zu den Kindern von den Militärwagen zugeworfen werden.

Die amerikanischen Soldaten reiten ihre Jeeps wie es die Cowboys im wilden Westen mit den Hengsten tun. Sie thronen mit ihren Schiffchen am Kopf und ihren Lumberjacks auf den Sitzen dieser bockigen Gefährte und reiten damit kreuz und quer durch das Land.

Bübchen mag den sonnengelben Chester Käse der Amerikaner mit den Rillen der Konservendose an den Scheiben, den die Mutti manchmal von den netten Soldaten aus Amerika kriegt. Bübchen trägt Stutzen, die für amerikanische Kinder gestrickt worden waren - ohne gestrickte Fersen (kein Maschen zuerst aufnehmen, dann wieder abnehmen), die sich erst nach dem Anziehen in das Gewirke bohren. Am liebsten aber murkst Bübchen an einer der feldgrauen Frühstückskonserven bis sie offen ist. In diesen Dosen ist alles drin: Kaffe, Tee, Kakaopulver, Zucker, Marmelade, Streichwurst, süße und salzige Kekse, damit kann man etwas anfangen. Die beigepackte geheimnisvolle große, blaue Tablette taugt aber nur zum Spielen, auch die Großen scheinen nicht zu wissen wozu die gut sein soll.  

 
 

Bübchen geht noch nicht einmal in den Kindergarten, als er plötzlich merkt, dass er fliegen kann. Er liegt in seinem Bettchen, als er mitten in der Nacht sich unendlich leicht fühlt. Als er sich vom Bett erhebt und er, einem natürlichen Antrieb folgend, seine Arme ausbreitetet und im Zimmer emporsteigt ist er überglücklich. Alles geschieht ganz langsam und im Moment ist ihm klar, dass alle Menschen fliegen können und ihm das nur keiner gesagt hat.

 

Aber den Großen gegenüber schweigt er über das Fliegen, damit es ihm nicht so ergeht wie mit den beiden Gnomen, denen er auf der Treppe nur durch seine Geschicklichkeit entkommen war und die ihm nun alle ausreden wollen. Inzwischen wissen auch alle Nachbarn und Freunde von den Gnomen und tun Bübchen gegenüber so, als würden sie nicht daran glauben. Dagegen glauben die Erwachsen, dass diese Leiche am Kreuz Wunder wirken könne, als könnten Tote irgend etwas bewegen. Und in vielen Häusern ist diese Leiche in die Ecke über dem Esstisch genagelt und die Großen beten das Bildnis an. Auch sprechen die Erwachsenen mit Hunden und Katzen und erklären ihnen dies und das. Besonders die Frauen erzählen dieser Holzfigur und den Tieren ihre Sorgen und bitten bunte Heiligenbildchen, die sie dabei in der Hand halten, um die Befreiung aus ihrer Not.

 

Bübchen empfindet die Nächte, in denen er fliegen und durch die Lüfte schwingen kann, unendlich beglückend. Das Fliegen ist für ihn eine der leichtesten Übungen. Er fliegt ganz schwerelos den Verschönerungsweg entlang, an dem die uralten Kastanienbäume stehen. Er schwebt von Baumkrone zu Baumkrone, gleitet über die grünen Kuppeln der Baumriesen, während auf der Promenade Menschen im Sonntagsstaat flanieren. Ein hoher Maschenzaun hinter den Bäumen begrenzt seine Flugwelt zu den großen Villengrundstücken einer Unternehmerdynastie, der die ausgedehnte Fabrik gehört. Die hügelige Landschaft ist durchflutet vom milden Licht der untergehenden Sonne. Bübchen begleiten beim Fliegen Gefühle der ausgeglichenen Ruhe und des Glücks. Bübchen landet auf dem geschotterten Weg neben zwei Kindern, die bei einem der knorrigen Baumstämmen spielen. Das Mädchen ist wunderschön, mit langen, blonden Haaren und einem bezaubernden Lächeln. Der Bub, der mit ihr spielt, sieht empört zu Bübchen auf als er landet, wendet sich mürrisch ab und geht zu seinen Eltern zurück. Bübchen wechselt mit dem schönen Kind einige Worte und sie verabreden sich für den nächsten Tag zum Baden.

 

Bübchen lacht viel über die Großen mit ihren schrulligen Ansichten und Geschichten, über lustige Begebenheiten oder weil ihm ganz einfach das Leben Freude macht. Aber er macht sich Gedanken darüber, ob es seine Träume oder sein Befürchtungen seien die einmal wahr werden würden. Sein Köpfchen ist voller Fragen, die weder die Kleinen noch die Großen beantworten wollen. Die Kleinen schauen bei seinen Fragen kurz verwundert auf und spielen weiter. Die Großen antworten "Spiel weiter", "Lern was", "Gib Ruhe" wenn sie seine sorgsam formulierten Fragen überhaupt hören. Er ist unglücklich darüber dass ihn niemand - aber auch wirklich niemand - verstehen kann. Das lässt Bübchen darüber sinnieren, ob er nicht eben anders sei als die Anderen. Schließlich akzeptiert er das und er beschließt anders zu leben. Bübchen wird durch diesen Entschluss oft in die Rolle des Zuschauers gedrängt. Und Actoid wird die Rolle des unauffälligen Beobachters beibehalten, nachdem ihm auf diese Weise Strecken der Kindheit und Jugend verloren gegangen waren. Ein Leben als taktischer Augenzeuge der Menschen und strategischer Beobachter der Situationen, der auch sich selbst immer ein wenig fremd sein wird.

 
 

Plötzlich taucht eine boshaften Frau auf, die Mutti von ihrem Mann erzählt, der von ihr noch schlimmer geschildert wird, als sie selbst zu sein scheint. Bübchen muss zu dieser unglücklichen Frau Tante sagen und am nächsten Tag mit ihr im Zug steigen und mit ihr zu einem fremden Ort fahren. Zum ersten Mal in seinem Leben verlässt er Mutti für einige Wochen, denn sie wollte trotz seiner Tränen nicht mitkommen, sodass er den beiden fremden Tanten, der Cousine und den drei Cousins völlig schutzlos ausgeliefert ist. Die Tante, die ihn abgeholt hatte, übernimmt das Kommando über Bübchen und macht sich über ihn mit kleinen Spottliedern lustig, über die sie hämisch lacht, wenn sie sie ihm vorsingt.

Geh nach unten Bübchen
zähl die Rübchen.
Bübchen, Bübchen
zählt die Rübchen.

Bübchen sehnt sich während dieser kleinen Ewigkeit wieder zurück zu Mutti, während er sich irgendwo im Haus verkriecht und still vor sich hin weint. Doch als er von der Tante endlich wieder zu Mutti zurück gebracht wird, ist diese erschöpft und vollauf damit beschäftigt, sich um das winzige Brüderchen zu kümmern, das plötzlich da ist.

Bübchen wird nun tagsüber in den Kindergarten gebracht, nur schlafen und frühstücken darf er zu Hause. Mutti begleitet ihn zuerst täglich mit dem Kinderwagen und Bübchen sträubt sich mit aller Kraft gegen den Weg zur Kinderstrafanstalt. Täglich, wenn er durch das große Tor trippelt, gibt er vor klein beizugeben. Stillschweigend und mürrisch sitzt das Bübchen anfangs im beobachtend in einer Ecke im großen Zimmer des Kindergartens.

Bübchen kann sich mit der Fingerkuppe auf den Augapfel greifen, ohne dass es weh tut. Als das eine der Kindergärtnerinnen sieht, macht sie die anderen darauf aufmerksam und jede von ihnen lässt sich das Kunststück vorführen. Bübchen kann auch schielen, dass es eine wahre Freude ist, dazu fixiert er sein Nasenspitze, zieht dann die Augen hoch und dass sieht alles doppelt, die jungen Frauen sind von seinen Augenkunststücken begeistert.

Die Meisterschaften im Sand essen werden regelmäßig während der warmen Jahreszeit im Kindergarten abgehalten als Bübchen bereits integriert und Anführer eines kleinen, unerschrockenen Trüppchens ist. Bübchen ist in dieser Disziplin seinen Gefolgsleuten weit unterlegen und er kommt nicht ein einziges Mal unter die ersten Drei. Da aber seine Anerkennung nicht wirklich darunter leidet, macht es ihm nichts aus und er nimmt immer seltener an diesen kulinarischen Wettkämpfen teil. Lieber widmet er sich dem wohlschmeckenden Mittagessen, das aus den Spenden der Amis gekocht wird. Am liebsten isst er die kleinen, viereckigen Nudeln mit Semmelbröseln und Erdbeermarmelade, die in der Klosterküche für die Kinder gemacht werden.

Später schlendert das Bübchen alleine nach Hause, wenn Mutti nicht rechtzeitig zum Abholen kommt. Den Kindergartentanten ist recht und niemand sieht Probleme, müssen von dem Kind doch nur zwei Durchzugsstraßen überquert werden. Schließlich bricht das Bübchen auch in der Frühe alleine in den Kindergarten auf.

 
 

Der Kindergarten gehört zu den Erwerbsquellen des winzigen Nonnenklosters. Neben ihm tragen Schuldienst, Eiserzeugung, die exklusive Schneiderei für liturgische Gewänder und die Hostienbäckerei zum Einkommen der Nonnen bei. Das Kloster steht in einem großen Garten und besteht aus einem vierflügligen Gebäude. Der Südflügel mit dem großen Gartenstück ist dem Kindergarten gewidmet.

Die Hostien werden in großen, silbrig glänzenden Waffeleisen hergestellt. Dazu wird der blendendweiße Brei aus Weizenmehl in das geöffnete, heiße Waffeleisen gegossen. Dann wird da Waffeleisen geschlossen und nach einiger Zeit des Dampfens wieder auseinandergelappt. Da liegen sie nun die großen und die kleinen Hostien mit ihren Bildern von Jesus, Maria und dem heiligen Geist, die sich von dem glänzenden Metall auf die weißen Oblaten übertragen haben. Ein Besuch in der Hostienbäckerei ist eine besondere Belohnung für die Kinder, denn da kann man nicht nur den Herstellungsprozess bewundern, sondern darf auch die rautenförmigen Schnittreste essen. Er lässt die weißen Plättchen auf seiner Zunge liegen, bis sie sich mit ihr verkleben und schabt sie dann mit den Zähnen wieder ab.

Die Eiserzeugung ist eine Winterarbeit für das Haushaltseis für den Sommer. Das Eis wird bei großer Kälte auf einem Gestell erzeugt, das immer wieder mit Wasser bespritzt wird, bis eine mächtige, weiße Eiswand entstanden ist, von der gefrorene Wasserfälle herunterhängen. Dann wird das Eis abgeklopft und im gut isolierten Eiskeller gelagert, bis es sich die Leute in der warmen Jahreszeit abholen, um Speisen und Getränke kühl zu halten.

 
 

Einmal als Bübchen nachmittags vom Kindergarten fröhlich bis nach Hause geschlendert ist, kauert ein Mann vor dem ausgehängten Gartentor und feilt an einem Eisenteil. Bübchen hockt sich dazu und beobachtet den Mann, die Feile, das Eisen, die Späne und fragt, fragt und fragt. Schließlich montiert der Schmied alle Teile ab, weil er das Tor hier nicht reparieren kann. Kurz geht er zu einer Rücksprache ins Haus, kommt wieder heraus, legt alle Teile auf seinen Leiterwagen und geht damit davon. Bübchen weiß aus Erzählungen, dass er nun in eine Schmiede geht und er hat schon viel von diesen geheimnisvollen Orten, dem rot glühenden Eisen und den Pferden gehört, denen dort brennende Eisen auf die Hufe gedrückt werden. Er sieht dem jungen Schmied in seinem blauen Anzug und seiner derben Lederschürze mit Wehmut nach. Als der Mann um die nächste Ecke verschwunden ist, läuft Bübchen schnell dorthin und beobachtet, wohin ihn sein Weg führt. Schließlich kommen dann beide kurz nacheinander in der Schmiede an.

Die Huf- und Wagenschmiede liegt neben dem hübschen Wohnhaus mit dem hohen Dach direkt an einer Straße. Zwischen Straße, Werkstätte und Haus ist eine weiße Kapelle an einem winzigen Garten, der auf einem Pestfriedhof steht. Um den kleinen Wurzgarten stehen Beerensträucher, darin wachsen verschiedene Gemüse und viele bunte Blumen. Die beiden Häuser lehnen an einem Berghang aus Konglomeratgestein. Es ist Sommer und so stehen die riesigen Flügeltore der Werkstätte weit offen. Bübchen bleibt vor dem Tor stehen, in das der junge Schmied mit seinem Handwagen verschwunden ist. Das Hämmern, das er schon länger gehört hatte, ist zu einem schrillen Klingeln und lauten Dröhnen angewachsen und er kann sehen wie irgendwo Funken sprühen. Gerüche nach versengtem Horn, überhitztem Öl und verbranntem Harz umfangen ihn.

In der hintersten Ecke ist die geheimnisvoll rot glühende Esse, die den Stahl weich wie Wachs macht und davor steht der große Amboss auf dem sich das Eisen in die gewünschte Form bringen lässt. Zwei Schmiede am Amboss arbeiten daran, um die glühende Schlange zu formen. Die Werkstädte ist erfüllt vom dumpfen Wummern des Vorschlaghammers. Wenn einer der Schmiede alleine arbeitet, dann gibt es zwei kurze, hellte Töne, wenn der Hammer zwischendurch auf den Amboss geschlagen wird, um durch das Zurückfedern Schwung zu holen. Dann im Takt der dumpfe Schlag, der das Werkstück formt und die Funken sprühen lässt.

Der Schmid der dort steht ist älter als Vati, auch viel dreckiger und kräftiger gebaut, einen alten Hut auf dem Kopf und einen mächtigen Schnauzbart. Über einer Lederhose hat er eine derbe Lederschürze und an den Füßen trägt er Holzschuhe mit starkem Oberleder. Sein schweißglänzender Oberkörper ist im Sommer bei der Arbeit frei. Den gerade fertig geschmiedeten Stahl taucht er zischend in Öl und wirft ihn dann nach wenigen Sekunden zu anderen Teilen in eine Holzkiste. Plötzlich wendet er sich freundlich lachend Bübchen zu und fragt "Wem gehörst du denn an?" und man sieht ihm an, dass er kleine Kinder mag. Als der Schmid herausgefunden hat, dass Bübchen ein streunendes Nachbarskind ist, gibt er seinem jüngeren Sohn, dem Bübchen bisher gefolgt war, einen Faustschlag mitten ins Gesicht. Dann wird nach Frau und Tochter gerufen, die Bübchen aus der Schmiede in das Wohnhaus geleiten sollen.

Der raue ruppiger Mann hält dem Mittagessen in der Wohnküche seine Mittagsruhe. Er lehrt mit Engelsgeduld dem Fünfjährigen den Zeitverlauf von der Uhr abzulesen. Bübchens täglich Prüfungsaufgabe ist es, den Schmid zu einer vorgegeben Zeit zu wecken. Also sitzt Bübchen neben dem Sofa und beobachtet wie auf der Uhr Minute um Minute verrinnt, um den Schmied rechtzeitig aus seinem tiefen Schlaf wecken zu können.

Die Tochter des Schmieds ist um vier Jahre älter als Bübchen, geht schon längst zur Schule und hat wie alle Mädchen ihre Haare zu dicken Zöpfen geflochten. Das wunderschöne Mädchen adoptiert Bübchen auf der Stelle und kümmert sich von nun an die nächsten vier Jahre um ihr Adoptivbrüderchen, bis sie in eine weit entfernte Internatsschule kommt.

Die Frau des Schmieds entdeckt sofort, dass es sich bei Bübchen um ein Heidenkind handelt und beginnt liebevoll mit der Bekehrung. Sie lehrt ihn die wundersamen Gebete, ist stolz als er sie aufsagen kann und davon überzeugt aus ihm einen wahren Christenmenschen formen zu können. Sonntag ist manchmal der hochwürdige Herr Probst zum Mittagessen eingeladen, da gibt es besonders gutes Essen und Bübchen ist selbstverständlich auch eingeladen und darf dem Probst seine Gebete aufsagen.

Die beiden Söhne des Schmieds sind viel viel älter als Bübchen, fast schon richtige Männer. Sie arbeiten als Lehrling und Geselle in der väterlichen Schmiede. Doch beide sind ebenso ruppig wie ihr Vater und strömen über vor Rauflust und Bewegungsdrang. Ihre groben Schlägereien und die blutigen Nasen erschrecken Bübchen anfangs, gehören dann aber wie selbstverständlich zu seiner Wahlfamilie. Zwischen den Brüdern gibt es fast täglich beim Weg zum Mitgegessen ein Gerangel auf der engen Holztreppe, die zum Speisezimmer hinaufführt. Oft sitzt dann einer der Brüder mit einer blutigen Nase bei Schweinsbraten und Knödel.

An den Möbeln des Speisezimmers sind seltsame Figuren und Zierrate. Die Einrichtung besteht aus einer Kredenz aus dunkler Eiche, deren Rückwand mit einem geschliffenen Spiegel belegt ist. Die Eichenstühle sind mit dunkelbraun geprägtem Leder bezogen, auf den düstere Jagdszenen zu sehen sind. Im karg möblierten Eheschlafzimmer hängt über dem Doppelbett ein Bild, das die heilige Familie vor ihrem Hause zu Nazareth darstellt und unter dem Bett auf jeder Seite ein Nachttopf aus Steingut.

In der Ecke über dem Esstisch hängt ein großes Kruzifix, dessen Christusfigur so erschreckend zerfleischt ist dass Bübchen sie immer mit geheimem Grauen betrachtet.

Ab diesem ersten Tag in der Schmiede geht nun Bübchen täglich dort hin. Die ersten Tage sieht er vor dem Kindergarten noch schnell bei der Schmiede vorbei und auf dem Nachhauseweg kommt wieder für kurze Zeit, um die rauen Gesellen bei ihrer wilden Arbeit zu beobachten. Als die Klosterschwestern sein Zuspätkommen immer strenger ermahnen, lässt er den Kindergarten einfach ganz weg, damit er sich die tägliche Strafpredigt nicht anhören muss. Er geht am Morgen in die Schmiede, wenn seine neue Adoptivmutter von der Schule kommt spielt sie noch eine Weile mit ihrem Adoptivkindchen bevor er nach Hause geht.

Als dann Mutti am Ende des Monats im Kindergarten zahlen will, meint die Klosterschwester, es bräuchte nichts bezahlt zu werden, da Bübchen ja nicht ein einziges Mal da gewesen wäre. Bei Mutti herrscht große Ratlosigkeit, denn Bübchen will sein Geheimnis nicht preisgeben. Erst durch das pädagogische Einfühlungsvermögen Vatis und die Demütigung und den Schmerz seiner Ohrfeigen gibt Bübchen seine Verstocktheit auf. In seiner Zermürbung stimmt er dem Versprechen zu, nie mehr in die Schmiede zu gehen und das weinende und tobende Bübchen wird ab nun wieder von Mutti zum Kindergarten gebracht. Als sich er wieder ruhig mitgeht, darf er den Weg über die zwei Durchzugsstraßen wieder alleine gehen, aber mit Muttis überwachendem Blick aus dem Fenster ob er nicht den Weg zur Schmiede einschlüge. Daher wird ein kleiner Umweg zur Schmiede nötig, da der Weg zum Kindergarten nicht direkt an der Schmiede vorbeiführt.

Einige Male wiederholt Vati die für Bübchen so schmerzhafte Korrektur. Auf einmal nimmt seine "Adoptivmutter" all ihren Mut zusammen, begleitet ihr Adoptivsöhnchen nach Hause und redet mit Vati über das gemeinsame Problem. Vati unterrichtet das Mädchen in der Schule in Deutsch und wird von ihr sehr verehrt, so dass sie Bübchens Tränen nicht Vatis Grobheit sondern Missverständnissen zuschreibt. Bei dieser Aussprache zwischen Vati und Adoptivmutter geschieht ein Wunder, denn für Bübchen gibt es nun keinen Kindergarten mehr und er darf täglich in die Schmiede, oder genauer nach dem Unterricht zu seiner Adoptivmutter, gehen. Anfangs halten sich alle an Vatis Auflagen und Bübchen darf die Werkstätte nicht mehr ohne Adoptivmutter betreten, sondern muss sich im Wohnhaus aufhalten, wenn sie in der Schule ist. Wenig später läuft aber alles wie vorher und der Schmied und seine Söhne denken sich immer wieder neue Einschränkungen aus, damit ihrem Maskottchen in der Werkstätte nichts zustößt.

Eines Tages machen alle Kinder des Kindergartens einen Ausflug in die Schmiede. Plötzlich sieht Bübchen aus dem Dunkel der Werkstätte heraus in der gleißenden Sonne vor dem Werkstättentor die Umrisse der beiden Klosterschwestern mit den zwei Dutzend Kindern. "Endlich" denkt Bübchen "sind sie vernünftig geworden". Doch wie sich dann herausstellt, handelt es sich dabei um einen von den Nonnen sinnlos organisierten Rückholversuch und nicht um eine Befreiung der Kinder vom Kindergarten. Die Kinder sehen sich verständnislos in dem schmutzigen und überriechenden Raum um und sind froh, dass sie wieder in den Kindergarten geführt werden, um dort mit ihren Bauklötzen spielen, sinnlose bunte Striche auf Papier kritzeln oder Sand essen zu können.

Das Kernstück der Hausapotheke in der Schmiede sind die weißen Tiegel mit der schwarzbraunen, nach Petroleum duftenden Hufsalbe. Hufsalbe wird aus verfaulten Saurierleibern gewonnen und heilt jedes Leiden, vor allem aber jede Art von Verletzung, Prellungen und Stauchung. Bei einer offenen Verwundung eines der Schmiede wird die Hufsalbe direkt in die Wunde gestrichen und die Arbeit kann meist gleich weitergehen. Einmal allerdings muss dann doch der Doktor helfen: Der alte Schmied presst mit aller Kraft ein Werkstück gegen einen der Doppelschleifsteine, ein kreischender Geräusch übertönt alles und die überflüssigen Eisenkanten fliegen als Funkenregen durch die Werkstätte. Plötzlich rutscht er ab und fährt mit dem Daumen gegen den rasenden Schleifstein, mit der vollen Anpresskraft mit der er den Stahl gegen die Korundscheibe drückt. Der Daumen ist im Augenblick bis zur Hälfte weg geschliffen und Blut und Gewebsfetzen spritzen ihm ins Gesicht und durch die Werkstätte. Beherzt greift er nach einem halbwegs sauberen Tuch, wickelt es sich um die schwarzölige und blutverschmierte Hand und geht zu Fuß die fünf Minuten zum Arzt, der die Wunde versorgt, indem er die verbliebene Haut über den Stumpf näht.

Eines Tages erklärt der Schmied Bübchen die Uhr. Bübchen versteht nur wenig von dem, das er da hört: Zwölf Uhr, ein Uhr, Punkt ein Uhr, großer Zeiger, kleiner Zeiger. Aber eins begreift er, die Uhr bestimmt wie lange der Schmid nach dem Mittagessen schlafen kann. Und noch eins - er hat den Schmied zu wecken, wenn die Schlafzeit verstrichen ist. Also sitzt Bübchen nach dem Mittagessen ängstlich vor dem Sofa und bewacht den Schlaf des Schmids. Seine Augen hängen immer wieder am großen und am kleinen Zeiger der Uhr. Der Schmid muss zuverlässig aus seinem Schnarchen geweckt werden, wenn der große Zeiger genau nach oben zeigt und der Kleine einen Strich rechts davon ist. Wenn Bübchen die weiße Porzellanuhr mit den blauen Zeichen und den schwarzen Zeigern fixiert, bewegt sich keiner der Zeiger, nur wenn er vor sich hinträumt, aus dem Fenster sieht dann hat sich der große Zeiger um ein Weniges auf seinem Weg zur vollen Stunde bewegt.

Bübchen darf manchmal einen der Söhne des Schmiedemeisters bei der Lieferung und Montage von kleineren Werkstücken begleiten. Hin und wieder geht es dabei mit dem Zug in einen Nachbarort. Wenn Schmid und Bübchen mit dem Leiterwagen zum Bahnhof kommen steht die Lok mit den Waggons schon auf dem Gleis bereit, also die Werkstücke schnell in den Waggon eingeladen. Bevor die Lok anzieht, stößt sie von Zeit zu Zeit zischend und drohend Dampf aus, wie ein Drache. Die Großen die auch noch mitwollen sind aufgeregt und in Eile, im Schlepptau ihre Koffer und die Kinder. Das hektische Tun endet mit der Abfahrt, wenn alle auf den Holzbänken Platz gefunden das Winken eingestellt haben.

Im Waggon sind Bänke, in der zweiten Klasse mit grünem Kunstleder gepolstert und in der dritten mit Holzlatten. Schmied, Bübchen und Werkstücke sind in der Dritten untergebracht. Draußen fliegen die Häuser und Felder vorbei, wuppen die Telegraphenstangen und die Bäume vorüber und in der Ferne ziehen gemächlich das grüne Tal und die Hügel dahin. Bübchen betrachtet den geheimnisvoll rüttelnden Waggon von innen, und er schaut mit großen Augen in die fliegende Gegend hinaus. Kaum dass das Fenster geöffnet ist, ziehen sich Rauchschwaden und Russkörner in den Wagen, sodass es gleich wieder nach oben geschoben werden muss, denn außer Bübchen und dem jungen Schmied kann dem, nach faulen Eiern riechenden Rauch niemand etwas abgewinnen. Und viel zu früh müssen sie das verpackte Werkstück von der Bank nehmen und wieder aus dem Zug aussteigen, aber es wartet ja noch die spannende Rückfahrt auf die beiden.

Später kommt er manchmal mit Fahrrad in die Schmiede, mit dem er die Landstraßen seiner Umgebung des Heimatortes unsicher macht und das ihm so viel Freude bereitet, um das Eine oder Andre daran zu verbessern oder zu ergänzen.

 
 

Bei den wilden Männern in der Huf- und Wagenschmiede ist Bübchen immer willkommen es gibt dort für ihn Unglaubliches zu entdecken.

Wenn man an der Straße an der Schmiede vorbei geht, hört man Hämmern in glockenhell klingenden kurzen Serien gleichmäßiger Schläge und immer wieder dumpfe kraftvolle Schläge. Wenn man dann das Tor durchschritten hat, müssen sich die Augen noch einen kurzen Moment an die Dunkelheit gewöhnen. Durch das meist weit geöffnete, doppelflügelige Tor passt mühelos ein ganzes Fuhrwerk. Obwohl alle Türen sperrangelweit offen stehen und alle Läden der Fenster geöffnet sind, ist es hier im Schatten des Innenraumes im Sommer fast heißer als draußen.

Vor den beiden auf je einen Baumstumpf aufgesetzten Ambossen stehen zwei hohe Hocker und ein kleiner Tisch aus Eisen, daneben auf dem Boden stehen die riesigen Vorschlaghämmer mit ihren mannshohen Stielen. Die Esse wird mit Steinkohlebrocken geheizt, manchmal auch mit Holzkohle, und mit zwei Blasebälgen von unten angefacht, die mit dem Fuß betätigt werden.

Mit einer riesigen Zange holt der Schmied das glühende Eisen aus der Esse und legt es sich auf den Amboss. Dort muss er es mit Hammer, Meißel oder Durchschlag möglichst schnell und präzise formen. Denn nur so lange das Eisen glüht, darf es geschmiedet werden, sonst würde es spröde und rissig. Dieser Arbeitsvorgang wird vom Schmiedemeister und einem der Söhne als Zuschläger ausgeführt.

Neben dem Tisch stehen Bottiche mit Wasser und den verschiedenen Ölen zum Abschrecken des glühenden Eisens. Die dünnen, hellen Öle dienen der Härtung des Stahls. Die schwarzen, dickflüssigen für das Brünnieren der Oberfläche. In den Bottichen raucht, kocht, zischt und braust es, wenn der glühende Stahl eingetaucht wird. Es sieht aus, als wären wilde Tiere drin, die sich am heißen Metall festfressen wollten. Den größten Holztrog könnte man bequem als Badezuber für drei bis vier Personen verwenden.

In der geräumigen Werkstätte ist direkt neben dem Tor vor den großzügigen Fenstern die lange Werkbank. Ein einziger Elektromotor treibt eine überkopf montierte Transmissionswelle an. Über jeder Maschine ist ein Antriebsrad moniert, von dem die Kraft durch einen Lederriemen von der Transmissionswelle zur Maschine herunter geleitet wird. Das Anlassen der einzelnen Maschine erfolgt, indem der Transmissionsriemen von der Leerscheibe auf die Antriebscheibe geschoben wird. Der Elektromotor ist ein schwarzer surrender Klotz von dem die längs durch die Werkstätte gehende Transmissionswelle mit ihren verschieden großen eisernen Riemenscheiben weggeht. Der eine Motor muss die vielen verschiedenartigen Maschinen antreiben.

Gegenüber dem Eingangstor ist ein großer, radförmiger Doppelschleifstein aufgebockt, der sogar mit einem eigenen Elektromotor angetrieben wird. Auf ihm werden die fertig geschmiedeten Werkstücke von Graten befreit und blank geschliffen.

In der Mitte der hellen Werkstätte ist der riesige, graue Exzenterhammer, der von einem eigenen Elektromotor angetrieben wird und beim Schmieden sein bedrohliches Wumm-Bumm von sich gibt und dabei den Männern viel Muskelkraft spart. Der Schmied kann auf einem Hocker davor sitzen und das Werkstück so lange unter dem einförmig herunter sausenden Hammer drehen und wenden, es weiter hinein schieben und wieder heraus ziehen bis es die richtige Form hat, während er mit dem Fußhebel die Backenöffnung des Hammers und damit die Dicke des Werkstückes steuert.

Über der Glut der Esse hängen dutzende Zangen, Klöppel und Stichel - alle für einen bestimmten Zweck von den Schmieden selbst geformt und in heißem Öl gehärtet. Auf einem rohen Eisentisch daneben liegen Schmiedehämmer in allen Formaten, riesige Vorschlaghämmer ebenso wie Spitzhämmer und Abschrottmeißel.

Grobschlächtig massive Regale beherrschen die Rückwand des rußigen Schmiederaums. Eisenstangen verschiedenster Dicken und Längen und Eisenbarren sind darin einsortiert, da liegen Hammer- und Axtköpfe, Geräte- und Werkzeugteile, fertiges Werkzeug und Kleinteile in eisenbeschlagenen Holzkisten. Es gibt in den Kisten Eisennägel verschiedener Größen und Formen, Hufeisen und andere Eisenteile in allen Größen, aber auch unterschiedliche Stiele, Stangen und Holzgriffe.

An der linken Wandseite sind kräftige Eisenhaken und Eisenstäbe eingelassen, von denen Ketten unterschiedlicher Größe und Länge herunterhängen. Vom Dachgebälk hängt ein Flaschenzug, mit dem sich auch ein Gewicht vom mehreren Zentnern heben lässt.

Die Pferdeboxen sind auf der dem Tor gegenüberliegenden Wand. Neben der Pferdebox ragt für die zu beschlagenden Huftiere ein Holzpfahl aus dem Boden, in dem große Eisenringe eingelassen sind. In den Boxen werden Ackerpferde beschlagen, außerdem erfolgt dort das Ausschälen der Hufe mit dem Hufmesser, das Formen des Hufes mit der Raspel und das Anpassen der glühenden Hufeisen, die sich tief ins Horn hinein brennen, während dabei bestialisch stinkende Rauchwölkchen aufsteigen. Das Festnageln der Hufeisen geschieht mit den elegant geformten Hufnägeln, deren austretende Enden umgeschlagen und dann abgezwickt werden. Im Winter werden auf die Hufeisen eiserne Stollen aufgeschraubt. Nicht alle Pferde gehen freiwillig in die Box und wehren sich den richtigen Huf zu heben, manchmal müssen vier Männer ihren Mut und ihre Erfahrung zusammennehmen, um das Pferd beschlagen zu können.

Die Räder der Heuwagen werden mit Eisenringen als Lauffläche beschlagen. Ein Stück Bandstahl wird durch Abschrotten grob abgelängt, in der Esse kirschrot glühend gemacht und mit geschickten Hammerschlägen ein exakter Ring geformt. Zuerst wird dem noch frisch nach Harz duftenden Holzrad probeweise der Reifen angelegt, abgenommen und mit Augenmaß auf den richtigen Durchmesser gebracht. Die beiden hellrot glühenden Enden des Rings werden mit kräftigen Hammerschlägen miteinander verschweißt. Mit gezielten Schlägen wird dann der dunkelrote Reifen auf das ein wenig brennende Rad aufgezogen und zum Abschluss in kaltem Wasser zischend abgeschreckt, sodass weißer Dampf aufsteigt.

Bübchen treibt sich zwischen Esse, glühendem Stahl, dröhnendem Exzenterhammer, surrenden Drehbänken, den nach verbranntem Horn riechenden Pferdeboxen, Funken stiebenden Schleifscheiben und klingenden Ambossen herum. Immer in der Nähe eines der Schmiede, die nichts dabei finden, dass ein Fünfjähriger zwischen all den Maschinen, Pferden und Feuern herumläuft, sind sie doch selbst zwischen mit all diesen Einrichtungen von Kindheit an vertraut.

 
 

Eines Tages beginnt Bübchen ein wundervolles Raumschiff im Kopf zu bauen. Eine Kapsel mit Raketenantrieb, mit der er die Welt erkunden will, denn damit kann man in kurzer Zeit an jeden Ort der Erde gelangen und bei Ungerechtigkeiten sofort eingreifen oder in Not helfen.

An den Weltraum denkt Bübchen eigentlich nicht, viel lieber will er mit seinem Raumschiff an den Nil nach Ägypten, zu den Eingeborenen in der afrikanische Savanne oder im südamerikanischen Dschungel.

Die Planung des Raumschiffs im Kopf dauert Monate und die Umsetzung in Form von Zeichnungen fast noch einmal so lange. Schule, Freunde, alles läuft so nebenher, denn das Wichtigste ist nun die Ausarbeitung der Details: Welche Form und Oberfläche müssen die Hebel haben, sollen die Fenster rund oder viereckig sein und die Messgeräte mit nachtblauen oder weißen Skalen. Ein Kegel als Grundform steht von vorne herein fest, ebenso die zähe Oberfläche, die das Raumschiff vor den Speeren und Äxten der Eingeborenen schützen soll. Viele Bleistiftzeichnungen mit Buntstiften von der Einrichtung entstehen, die oft umgezeichnet werden müssen, wenn Grundriss, Seitenriss oder Aufriss offenbaren, dass ein Konstruktionsfehler ausgemerzt werden muss. Und Bübchen zeichnet sich als Erwachsener in den mit Instrumenten und Fenstern gespickten Steuerraum und in das lauschige Plätzchen im Salon. Alles wird aus den verschiedensten Blickwinkeln gezeichnet, mit allen technischen Details zur Lebensführung und zur Technik. Hunderte Hebel dienen der Steuerung der Maschine und dutzende Fenster und Messgeräte der Beobachtung dessen was sich außerhalb der Kapsel befindet.

Als dann Bübchen voller Stolz die Zeichnungen Mutti zeigt, erklärt er jedes Detail ganz genau, wozu es dient und wie es zu bedienen ist. Wieder und wieder gibt es wochenlange Arbeiten an den Details, wenn Mutti eine Frage zu einem Detail hat, dessen wahre Wichtigkeit und Nützlichkeit Bübchen noch nicht bedacht hatte. Maschinen zur automatischen Zubereitung von köstlichen Mahlzeiten werden eingebaut und solche für die problemlose Entsorgung der Stoffwechselprodukte gleich dazu.

Aber schließlich ist das Werk so weit gediehen, dass es Bübchen getrost Vati zeigen könnte. Als er dann einige Tage später allen Mut zusammen nimmt und die Zeichnungen Vati vorlegt, macht der geringschätzige Bemerkungen und wendet sich mit unverhohlenem Missfallen von den Zeichnungen ab. Seine Ärger ist wegen der vertanen Zeit, der Unsinnigkeit eines Raumschiffs an sich und weil sich der Sozialismus sowieso bei der Befreiung von Ungerechtigkeiten und Not durchsetzen würde. Also bricht Bübchen seine Karriere als Raumschiffbaumeister ab und grübelt lange darüber nach, wie er nun auf andere Weise bei Ungerechtigkeiten eingreifen und in Not helfen könnte.

 
 
 

Bübchen höhlt am Abend vor Allerheiligen mit Freunden Kürbisse aus und schnitzt seinem Plutzer eine schreckliche Fratze, die dann abends mit einer Kerze von innen zu beleuchtet und ins Fenster gestellt wird. Es macht viel Arbeit, den Deckel abzuschneiden, mit Freunde holen die Buben und Mädchen Schleim mit den Kernen aus dem Gehäuse. Dann heißt es mit viel Kraft, das feste Fruchtfleisch mit Löffel und Messer in kleinen Stückchen heraus zu stechen, bis die Kürbiswand dünn genug erscheint um einen Lichtschein durchzulassen. Schließlich werden aus dem Hohlkopf möglichst gruselige Augen, Nase und Mund herausgeschnitten und eine dicke Kerze hineingestellt. Das leuchtende Grimassengesicht soll böse Geister und kleine Brüder erschrecken und abhalten.

Der aus der neuen Welt stammende Kürbis wird bei uns schon lange als ideales Schweinefutter kultiviert, außerdem ist er Grundlage für interessante Speisen und der Plutzer lässt sich ausgehöhlt von Kindern als Schreckensschädel oder Trommel gestalten. Der Plutzer hat für das Gruselfest vor Allerheiligen schon vor vielen Generationen die ausgehöhlte Rübe verdrängt, mit der bereits im vorchristlichen Europa der Teufel und die Geister vertreiben worden sind.

Der Ursprung des Festes geht auf das keltische Toten- und Neujahrsritual Samhain zurück. Man glaubt, dass an diesem Abend die Seelen aller in den vergangenen Jahren Verstorbenen noch einmal in ihr irdisches Dasein zurückkehren, bevor sie für immer ins Reich der Toten eingehen. Die Grenze zwischen realer und irrealer Welt  ist in dieser Zeit aufgehoben, das Böse allgegenwärtig und so versucht man, die Geister zu vertreiben oder zu besänftigen. Durch die Christianisierung wurde aus Samhain das katholische Hochfest Allerheiligen (All Hallow's Evening), das am Tag nach dieser Nacht gefeiert wird. Es ist fest verwurzeltes Brauchtum, wie der Krampus vor Nikolaus (6. Dezember) oder der Perchtenbrauch, mit der Bestrebung der Vertreibung von Geistern und des Teufels vor einem hohen christlichen Fest. Solcherart wurde durch den Papst Samhain zum Vorabend zu Allerheiligen.

In der Mitte des 20. Jahrhundert findet sich das überdeckte keltische Fest in Österreich vereinzelt immer noch in verschiedenen Familien. Dieser Brauch für den Abend vor Allerheiligen ist dann am Ende des 20. Jahrhunderts in modernisierter Form als Halloween zum weltumspannenden Allgemeinkitsch geworden. Der Plutzer feiert sein Comeback als Pumpkin und die ursprüngliche Gleichförmigkeit dieser Winterkürbisse ist inzwischen dem grotesken Aussehen von Planeten, fliegenden Untertassen, Flaschen, Knüppeln, Schinken und Turbanen gewichen.

 
 

In den 1950er Jahren gibt es noch zahllose Schrankenwärter in den Bahnhöfen und in verglasten Häuschen an der Strecke. Mitten auf dem Acker stehen vor dem gelben Bahnhäuschen rotweiße Andreaskreuze. Bevor ein Zug kommt wird der Schranken mit einer riesigen Handkurbel hinunter gekurbelt und dann wieder hinauf. Der Bahnbedienstete trägt dabei eine schäbige blaue Uniform und eine blaue Kappe mit goldenen Litzen auf dem Kopf. Bevor der Zug kommt, schrillt im Schrankenwärterhäuschen eine Klingel, die den sich nähernden Zug offiziell meldet, den alle bereits längst gesehen haben. Kurz darauf werden die Schranken mit der Kurbel geschlossen und das Schlagen des Läutwerkes ist weithin hörbar. Die Kurbel mit dem Holzgriff bewegt über Zahnräder und eine Kette ein Stahlseil, das auf Führungen neben den Gleisen bis zum Schranken läuft.

Fußgänger, Fahrräder und einige Motorräder bleiben vor dem Bahnübergang stehen und warten. Als der Zug nahe genug am Bahnübergang ist, dass man das Rattern und Poltern hört, pfeift er ohrenbetäubend und die Lok präsentiert sich stampfend und fauchend bei der Vorbeifahrt. Der Anblick der geballten Kraft der Lokomotive, mit all dem Dampf und den wirbelnden Maschinenteilen ist mitreißend. Der Schrankenwärter steht stramm vor Stolz vor seinem Bahnhäuschen und einen Moment später ist der Zug auch schon wieder vorbei und entschwindet langsam auf der schnurgeraden Strecke zwischen den Feldern.

Langsam werden die Schranken wieder geöffnet und die Fußgänger und Fahrzeuge setzen ihren Weg über den Bahnübergang fort. Der Schrankenwärter nimmt seine Kappe in die Hand, wischt sich mit dem uniformierten Arm den Schweiß von der Stirn und geht in seine Wohnung, die im Schrankenwärterhäuschen untergebracht ist. Bis zum nächsten Zug ist nun am Bahnübergang eine Stunde Ruhe und der Schrankenwärter kann seine Ziege melken und dabei seinen Kindheitswunsch vom Lokomotivführer vor sich hinträumen.

Aus dem Schornstein des schwarzen Rosses wird beim Anfahren schwarzer Qualm im Takt der Zylinder in die Luft geblasen, unverbrannter Ruß und der Staub der Kohle werden vom heißen Rauchgas mitgerissen. Wenn die Schienen nass vom Regen sind, dann rutschen beim Anfahren manchmal die Räder der Lok und die Schienen müssen mit Sand bestreut werden, den der Lokführer aus seinem Eisenross rieseln lässt.

 
 

Eines Tages kommen Schausteller mit einem Schlangenmenschen in das Städtchen, ausgestellt ist er in einem Käfig aus Glasplatten. In diesem aufrecht stehenden Aquarium steht ein stumpf dreinschauendes Männchen, habnackt mit schwarzem Lockenhaar, Schnurrbart, abgemagert und mit brauner Haut. Um ihn herum sind unglaublich viele Schlangen, die meisten davon träge auf den Ästen des toten Baumes, der mit dem Mann in dem Käfig eingeschlossen ist.

Um den Käfig herum schieben sich Zuschauer jeden Alters vorbei, kleine Kinder sind ebenso neugierig wie alte Frauen mit Kopftuch und schrumpeliger Haut. Trotz des Gedränges halten alle Abstand zu den Glasplatten, was es Bübchen erleichtert trotz des Gedränges den Mann und vor allem die Schlangen genau sehen zu können.

Mit einem Mal erschallt aus einer Ecke eine laute Männerstimme, da steht ein dicker Mann mit breitem Gesicht und erklärt, dass sich der Fakir für Monate mit den Schlangen eingeschlossen und nun bereits seit sechs Wochen keine feste Nahrung zu sich genommen hätte. Der Raum ist angedunkelt, aber gleißendhelles Sommerlicht kommt durch die Türöffnung, durch die die Wartenden hereindrängen und deren bewegten Umrisse man unter dem Glanz des Lichts sieht. Bübchen staunt über die vielen Schlangen, ihre verschieden Größen und Farben, bis er von den Neugierigen weiter und schließlich aus dem Zimmer durch die hintere Türe hinausgeschoben wird.

Die Besichtigung kostet nicht viel und so steht eine lange Schlange vor dem Gasthaus, in dem die Weltsensation gezeigt wird. Schon Tage vorher waren überall rote Plakate mit einem Bild des Fakirs angeschlagen und am Morgen des Tages ist ein Lautsprecherwagen durch die Straßen gefahren und dem Gekrächze konnte man entnehmen, dass in einem bekannten Gasthaus am Nachmittag irgendwas unglaublich Einzigartiges ausgestellt sein wird. Alle Leute sind auf der Straße stehen geblieben oder aus den Häusern gekommen, schon wenn sie den Lautsprecher von weitem gehört hatten und suchen zu verstehen, was er ihnen Wichtiges zu sagen hätte.