Jeder hat eine außerordentliche Geschichte zu erzählen - nämlich die Geschichte seines Lebens. Die einen setzen sich hin und verfassen schon in jungen Jahren ihre Memoiren oder man erinnert sich später mit der Feder in der Hand. Heute stellen jeden Tag tagtäglich Abertausende ein paar Sätze in ihren Weblog. Wer es nicht so mit dem Schreiben hat macht Fotos, dreht Videos, sammelt Reiseführer, Souvenirs oder Ansichtskarten. Aber auch andere können die Geschichten aufschreiben, die man ihnen erzählt.
 

Die wirkungsvollste Methode möglichst lückenlose Kindheitserinnerungen zu erhalten ist die wiederholte Reizung oder das gesprächsweise Durchackern der Assoziationsfelder in unterschiedlichen Situationen. Dazu kommt das Abarbeiten der einzelnen Motive während besonderer Bewusstseinszustände: Beispielsweise ausgelöst durch Reizüberflutung, Reizentzug, Krankheit, Liebe, Unglück, Musik, Alkohol oder Drogen. Gerade unter solchen Einflüssen tritt Unbewusstes und Verdrängtes deutlicher zu Tage. In der Kindheit wird die Entwicklung für die neuronale Vernetzung begründet.

Das Verfassen von Biographien ist ein literarisches Grenz-Genre, zu vielfältig und zu schwer sind die Vorgaben. Da soll man dem Lebensweg eines Menschen von A bis Z gerecht werden, sein Denken, Fühlen, Zweifeln, Handeln aus einem Häufchen von Lebensspuren sichern, ihm bei Wünschen, Träumen, Lügen auf die Schliche kommen - und all das mit der Gefahr, dass gerade der glänzend formulierte Satz die sprachlose Not des Beschriebenen überdeckt.

Sämtliche Orte, Personen und Handlungen entstammen aus dem Gedächtnis eines Kindes, das die Einzelheiten nicht in die große wissenschaftlich festgelegte Welt einordnen kann, zufällige Ähnlichkeiten sind durchaus gewollt und beabsichtigt. Das übliche Vexierspiel von Dichtung und Wahrheit gibt es nicht, es sind kindliche Erinnerungen ohne Anspruch auf Weltkenntnis, sondern voller Arglosigkeit und Selbstverständnis über die Welt, in dieses Kind hineingeboren ist, ohne gefragt worden zu sein.

"Wer versucht, einen Handlungsablauf zu finden, wird erschossen" hat Mark Twain gemeint. Bei Bübchens Kinderleben ist ein groß angelegter Handlungsablauf beim besten Willen nicht zu finden, es reihen sich einfach zufällige Erlebnisse und zufällige Erinnerungen aneinander, ohne dass sich ein Großes Ganzes ergibt. Bübchen entwächst der Kindheit ohne Handlungsablauf und ohne Generalplan.

Dazu kommt, dass Wahrheit man in einer Autobiografie nicht immer unverblümt schreiben kann, denn die ist nicht immer jugendfrei und manchmal sogar abgrundtiefe Pornografie.

 

Eine Autobiographie aufzubauen, ist nicht nur unglaublich spannend, sondern hilft dabei die eigenen Anfänge besser zu verstehen. Durch das Befassen mit der eigenen Lebensgeschichte, dem Niederschreiben des Erlebten und der Einreihung der Geschehnisse in Themenkreise oder auf der Zeitachse kann einerseits eine Aussöhnung mit der Vergangenheit stattfinden, andererseits ein Schlussstrich gezogen werden unter Kapitel, die man für sich abgeschlossen wissen möchte. Die größte Gefahr beim Tagebuch und der Autobiographie sind die Schönung, die Selbsttäuschungen und die Zwecklüge. Erschwerend kommen noch die verdrängten Kindheitserinnerungen und das Syndrom der falschen Erinnerung dazu.

Darüber hinaus können Autobiographien für die Nachfahren von unschätzbarem Wert sein: als Dokument der Familiengeschichte, als Erinnerung an die Vorfahren und zum Finden der eigenen Identität. Die Dokumentation der Bocksprünge des Lebens.

Für die Weitergabe der Erinnerungen an die Kindheit und Jugend, an Eltern und Großeltern, an wichtige Momente im Laufe eines Lebens, bleibt im Alltag selten Zeit, um sie ausführlich zu analysieren und zu erzählen: Eine Geschichte, die jeder nur selbst erzählen kann. Ein Stück Familiengeschichte, das von Generation zu Generation weitergegeben werden kann. Eine Quelle der Kraft und Identität.

Übrigens ist der Umfang des Manuskripts meiner Kindheitsautobiographie bereits auf über 200 Buchseiten angewachsen und wenn alle Fragmente ausformuliert sind, werden es deutlich mehr als 300 Seiten sein. Die anfänglichen Probleme waren so gewaltig gewesen, dass ich mir nie gedacht hätte, dass sich über mein Leben vom vierten bis zum vierzehnten Lebensjahr so viele Ereignisse, Gefühle und Bilder rekonstruieren ließen. Der mächtige und einfältige Geist der Autobiographie ist mir durchgebrannt und ich kann ihn nicht mehr mit Gewalt in seine Flasche zurückdrücken.

Wittgensteins siebtes und letztes Kapitel im Tractatus logico-phiosophicus besteht nur aus einem einzigen Satz: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." Und ich will die Sprachlosigkeit über meine Kindheit aufheben. Ob ich jemals exhibitionistisch genug sein werde, das Alles vor der Öffentlichkeit auszubreiten, kann ich beim besten Willen nicht einschätzen.

Begleitend zu meiner Kindheitsautobiographie lese ich derzeit Thomas Bernhard und bin berührt von seinem Schicksal, seiner Starrköpfigkeit und seinem Feindseligkeit gegen das Land Österreich und seine Menschen.

Wenn der eigentliche Sinn eines Tagebuches in der Reflexion von Erlebtem und dem so genannten Sich-von-der-Seele-schreiben-was-einen-bedrückt besteht, dann sind viele Tagebücher nichts anderes als eine Ein-Personen-Seifenoper. Mit dem immer wiederkehrenden ich, ich und ich, ein paar Blicken auf das Drumherum sind solche Tagebücher nicht mehr als eine Bauchnabeltour und für Dritte uninteressant. Manche Privatgeschichten wie Einzelheiten über eine Beziehung, persönliche Dinge über Freunde oder was mir im Vertrauen gesagt wurde gehören zwar ins Tagebuch aber nur gefiltert in die Öffentlichkeit. Trotzdem dürfen Verwandte und Freunde im Tagebuch nicht fehlen, denn sie bestimmen das Umfeld.

 

Der zentrale Stoff einer Autobiographie ist das Selbsterlebte selbst aufgeschrieben, so wie es das Wort "Autobiographie" suggeriert - also jener Teil der Realität, an den man sich selbst erinnert. Erinnerungen vor dem fünften Lebensjahr sind nur als isolierte Erinnerungspunkte vorhanden. Deshalb sind in einer Autobiographie in diesem Zeitbereich nur Legenden legal, weil ja nur Dritte Erinnerungen über die Zeit der ersten Kindheit und vor der Geburt haben können.

Die Legenden der Großen über Bübchens Kindheit fließen in das Tagbuch ausschließlich für die allererste Zeit in Bübchens Leben ein, eine Vermengung von Legenden und Erinnertem wird absolut vermieden. Familienlegenden über Kinder entstehen aus externe Beobachtung der Kleinen durch die Großen, die Kindheitserinnerung ist dagegen die eigene Beobachtung der Welt durch die Kleinen. Legenden können auch kaum etwas zur Klärung der Phänomene der Welt eines Kindes beitragen, weil sie doch nur die relativen Abweichungen der Kleinen zum allgemeinen Verhaltenskodex der Großen ausmessen. Kindheitserinnerungen dagegen sind zumindest am Anfang archaisch und absolut, voll von Erstaunen, Bewunderung und Enttäuschung über die Welt, die das Kind aufgenommen hat.

Der Hauptteil der Erinnerungen eröffnet mit dem absoluten Beginn von Bübchens erlebten Wahrnehmungen, die so um den vierten Geburtstag herum beginnen kontinuierlich zu werden. Die erste Zeit der Erinnerung zu dokumentieren ist das Anliegen. In einer gröberen Übersicht werden dann die Erinnerungen vom vierten bis zum vierzehnten Lebensjahr und weiter durch einige Schlaglichter bis zum Ende der Ausbildung im 23. Lebensjahr wiedergegeben.

Also versuche ich das, was ich vom Hörensagen kenne nicht mit meinen wirklichen Erinnerungen zu vermengen.

Sigmund Freud schreibt 1927 über die Bedeutung der kindlichen Erlebnisse in seiner 'Zukunft einer Illusion' "... die menschliche Hilflosigkeit erträglich zu machen, erbaut aus dem Material der Erinnerungen an die Hilflosigkeit der eigenen und der Kindheit des Menschengeschlechts." 1913 schreibt er in 'Das Interesse an der Psychoanalyse', dass Erinnerungen an Geschehnisse vor dem fünften Lebensjahr nur in Form einiger Schlaglichter vorhanden sind "...dass gerade diese allerbedeutensten Eindrücke im Gedächtnis der späteren Jahre nicht enthalten sind." 1910 schreibt er in 'Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci' über den Beginn der Sexualität dass "... die begabtesten Kinder vom dritten Lebensjahr an eine Periode durchmachen, die man als die der infantilen Sexualforschung bezeichnen darf."

Lena Christ schreibt 1912 in ihren 'Erinnerungen einer Überflüssigen' einleitend "Oft habe ich versucht, mir meine früheste Kindheit ins Gedächtnis zurückzurufen, doch reicht meine Erinnerung nur bis zu meinem fünften Lebensjahr und ist auch da schon teilweise ausgelöscht."

Thomas Bernhard schreibt in seiner berührenden Autobiographie Kindheit, mit einem Alter von 4 Jahren "ist der Anfang der Erinnerung, die ich als kontinuierlich bezeichnen kann." [dtv p68] und er sagt "Die Schwierigkeit ist, in diesen Notizen und Andeutungen die Empfindung von damals und das Denken von heute zu Notizen und Andeutungen zu machen, die den Tatsachen von damals, meiner Erfahrung [...] damals entsprechen."

C. G. Jung schreibt in einem Brief "... etwas wie eine Autobiographie von mir zu geben, könnte ich mir schon gar nicht vorstellen. Ich kenne zu viele Autobiographien und deren Selbsttäuschungen und Zwecklügen und weiß zuviel von der Unmöglichkeit einer Selbstbeschreibung, als dass ich es wagen könnte, selbst Versuche in dieser Hinsicht anzustellen." Ende des gleichen Jahres beginnt er dennoch über seine Kindheit zu schreiben. Und dies, obschon ihn altersbedingt das Schreiben sehr anstrengt. "Ein Buch von mir ist immer ein Schicksal. Es liegt etwas Unabsehbares darin, und ich kann mir nichts vorschreiben oder vornehmen. So nimmt auch die Autobiographie schon jetzt einen anderen Weg, als ich mir zu Beginn vorgestellt hatte. Dass ich meine frühen Erinnerungen niederschreibe, ist eine Notwendigkeit. Unterlasse ich es auch nur einen Tag, so stellen sich sogleich unangenehme körperliche Symptome ein." Weitere Kapitel drängen sich ihm auf.

 

 

 

Unser Schiff ist die M/S PYRAMISA (3), die fünf statt vier Sterne hat. Das Schiff sollte eigentlich in Luxor liegen, nachdem aber im Juni die Schleuse in Revision ist, liegt sie jetzt oberhalb der Schleuse in Esna. Unser Kreuzfahrtschiff ist ein absolutes Kontrastprogramm zum Leben auf der Straße, wo um jedes Pfund gefeilscht wird.

Das Schiff hat 50 Kabinen für maximal 100 Passagiere. Es ist 17,5 m lang, 14,5 m breit, hat nur 1,65 m Tiefgang und ragt mächtige 12 m aus dem Wasser. Die Betreuung erfolgt durch 75 Mann (keine einzige Frau) Besatzung.

Kabine, Bar und Restaurant sind stilvoll traditionell ausgestaltet und voll klimatisiert.

Auf dem Sonnendeck gibt es einen Swimmingpool mit Bar. Der Pool ist mit grünem, frischem Nilwasser gefüllt, in dem einige Pflanzenreste und wahrscheinlich auch allerhand Anderes aus dem Fluss schwimmt. Der ovale Swimmingpool misst zwei Tempi in der Länge und ein halbes Tempo in der Breite.

Nefertiti und ich haben eine geräumige und klassisch eingerichtete Außenkabine am Oberdeck mit angenehm ausgestattetem Wohn- und Schlafzimmer. Die genial eingeteilte Kabine misst immerhin 5 m x 5,6 m. Das Wohnzimmer ist mit einer bequemen Sitzgruppe und einer Anrichte möbliert. Dusche und WC liegen im Eingangsbereich auf der einen Seite, gleich gegenüber ist eine offene luxuriöse Waschkabine mit einem halben Dutzend Spiegel die in Edelholz und Goldleisten gefasst sind. Unsere Kabine liegt im Oberdeck und nicht wie angekündigt im Unterdeck. In so einer feudalen Kabine wird wohl auch Peter Ustinov gewohnt haben, als er Tod auf dem Nil drehte. Die Klimaanlage ist völlig lautlos und ich stelle sie auf 26°C, sodass der Unterschied zur Außentemperatur nicht allzu krass ist.

Einen der wenigen Minuspunkte kriegt die Musik die im Speisesaal gespielt wird, es sind jeden Tag die gleichen Melodien, die aus den alten Schlagerfilmen der UFA zu stammen scheinen.

 

Esna liegt 60 km südlich von Luxor, ist nicht besonders groß, dafür aber ziemlich staubig. Der typische orientalische Duft enthält etwas mehr vom kloakigen Anteil als sonst. Ein dunkles Gewirr von engen Gassen, Souks und Wohnungen, die zum Teil mehr als 1000 Jahre alt sein müssen, bilden hier eine bizarr orientalische Welt.

Die Anlegemole stammt aus der Zeit des römischen Kaisers Marc Aurel, dessen Kartuschen sie trägt. Bei den Griechen hieß Esna einst Latopolis, da die Einwohner die Lates-Fische verehrten, die einbalsamiert wurden und kultisch auf einem nahe gelegenen Friedhof beigesetzt wurden.

 

Viele große Pharaonen, wie Ramses II. und III., Amenophis I. - III., Echnaton und Hatschepsut haben in Luxor gelebt und gewirkt und ihre Spuren in Form gewaltiger Monumente, Kapellen, Statuen, Tempel, An- und Umbauten hinterlassen. Fast alle Tempelmauern sind übersät mit Reliefs ihrer Taten und Darstellungen ihrer Huldigungen an die Göttertriade von Theben (Amun, Mut und Chons).

Der Nil teilt das Gebiet des alten Theben in zwei Welten, die Stadt der Lebenden (das heutige Luxor) und die Stadt der Toten (die so genannte Westbank mit dem Tal der Könige, dem Tal der Königinnen, dem Hatschepsut-Tempel und weiteren Totentempeln). Einst befand sich an der Stelle der heutigen Stadt Luxor die altägyptische Stadt Waset, von den Griechen Theben genannt. Lange Zeit war sie Hauptstadt und religiöses Zentrum Ägyptens.

In Luxor sind zwei Tempel von höchster Bedeutung: Der Luxortempel direkt an der Uferstraße am Nil und der Karnaktempel, der einen Kilometer weiter am Rande der Stadt Luxor liegt. Beide waren miteinander durch eine Allee von Widdersphingen verbunden, von denen nur mehr einzelne vorhanden sind. Die Stadt hat sie geschluckt und die Steine werden in den Häusern weiterverwendet.

Von der pharaonischen Stadt, die größtenteils aus Lehmziegeln errichtet war, hat sich nichts erhalten. Die aus Stein errichteten Tempelanlagen haben jedoch die Zeit erstaunlich gut überdauert.

 
Die Nekropole der Stadt und das Tal der Könige am linken Ufer des Nils, heute Theben-West genannt, ist ein stummer Zeuge der einstigen Großstadt Luxor.
 

Die Tempelstadt von Karnak ist der größte religiöse Komplex der Welt. Hier wurden die Götter Amun, Mut und Chons - die thebanische Triade - verehrt. Über 2000 Jahre lang wurde an diesen Tempelkomplex neu gebaut, umgebaut, abgerissen, dazu gebaut. Praktisch alle ägyptischen Pharaonen haben hier ihre Spuren hinterlassen, ganz gleich, ob bekannt oder weniger bekannt.

Nach dem ersten Pylon steht eine einzelne Säule mit 21 m Höhe. Pharao Taharqa hatte hier 10 dieser gigantischen Fassaden errichtet. Doch noch gewaltiger ist die große Säulenhalle mit ihren 134 Säulen, die von Sethos I. und Ramses II. errichtet wurde.

Vom den nun fast völlig verfallenen Month-Tempel in Karnak ist die Bauliste erhalten geblieben: 3000 kg Elektrum (Silbergold, eine natürlich vorkommende Legierung aus Gold und Silber) als Fußbodenbelag, 2000 kg Gold für die Tore, 500 kg Lapislazuli, 200 kg Jaspis und 100 kg Türkis als Wandschmuck. Aus Punt (Eritrea), Djam (Sudan) und dem Tschad stammten jene unermesslichen Kostbarkeiten, mit denen die Gottkönige ihre Paläste ausstatten ließen.

Und weiter reiht sich zwischen den einst zehn Pylonen eine Vielzahl von Obelisken, Heiligtümern und Statuen, der heilige See und von Reliefs bedeckte Mauern. All diese Bauten waren der Herrscherfamilie und Priestern vorbehalten. Das Volk hatte keinen Zutritt zur Tempelanlage und das Götterbild konnten sie nur während der jährlichen Prozessionen sehen. Ganz anders heute: Priester und Pharaonen gibt es hier nicht mehr, dafür strömen Massen von schnatternden Touristen staunend und schwitzend durch die Ruinen.

Obelisken sind viereckige Säulen aus Granit, die sich nach oben verjüngen und einen pyramidenförmigen Aufsatz haben. Die Skala reicht von kleinen, meist paarweise aufgestellten Obelisken des Alten Reichs bis zu den über 30 m hohen Monolithen des Neuen Reichs, meist über und über mit Bildern und Inschriften bedeckt und mit vergoldeter Pyramide. Sie galten als ein im Stein erstarrter Sonnenstrahl.

 

Dem Rosengranit-Skarabäus von Amenophis III., der am Heiligen See Karnak-Tempel zu Luxor auf einer Säule thront, werden seit urdenklichen Zeiten wundertätige Eigenschaften nachgesagt: Wenn sich Kindersegen einstellen soll, muss man nur den Skarabäus dreimal im Uhrzeigersinn umrunden. Tatsächlich glauben wohl auch heute noch manche Leute an diese Legende. Meine Begleiterin ist allerdings dreimal im Gegenzeigersinn herumgegangen.

Übrigens war der Skarabäus im alten Ägypten eine der 74 Inkarnationsformen des Sonnengottes Ra. Amenophis III. hat diesen Granit-Skarabäus am Heiligen See dem Sonnengott Atum-Chepre geweiht. Chepre ist eine besondere Erscheinungsform des Ra und der Skarabäus auf seinem Kopf ist ein Symbol der Urzeugung, bezogen auf die Fähigkeit der Sonne, sich am Ende der Nacht selbst zu erneuern.

Der Skarabäus ist das klassische Widergeburtssymbol des alten Ägypten. Skarabäus als Hieroglyphe wird als cheper gesprochen und bedeutet Werden und Entstehen. Der beim Sonnenuntergang sterbende Sonnengott verwandelt sich in einen Skarabäus, besteigt als solcher die Barke, welche ihn als verjüngten und wieder belebten Sonnengott zum Morgenhimmel hinaufführt. Am Morgen nimmt Ra die Gestalt des Skarabäus Chepre an, der die Sonnenscheibe (gleich einer vom Skarabäus gedrehten Kugel) über den östlichen Horizont rollt. Mittags wird die Sonne zu Re-Harachte, dem am Himmel schwebenden Falken. Als Amun-Re ist er der König der Götter und er beschützt den Pharao, auf Feldzügen und auf der Jagd.

Diese Abfolge der verschiedenen Inkarnationen des Ra basiert auf der Metapher des Phönix und hat sich als Negativum auf den biblischen Luzifer übertragen.

 

Der Luxor-Tempel ist dem Gott Amun geweiht. Eine 3 km lange Sphingenallee verband ihn mit dem Karnaktempel. Einmal im Jahr während des Opet-Festes besuchte die Statue des Amun von Karnak über diesen Prozessionsweg auf einer Barke den Luxor-Tempel.

Erbaut wurde der Tempel zum größten Teil von Amenophis III. und Ramses II. Veränderungen fanden in der 1980-jährigen Baugeschichte bis in die griechisch-römische Zeit hinein statt. Teile des Tempels wurden als christliche Kirche und als mohammedanische Moschee benutzt, heute befindet sich eine kleine Moschee in den Ruinen des Tempelhofes.

Umgeben war der Tempel, wie fast alle klassischen ägyptischen Tempelbauten, von einer hohen Mauer. Betreten konnte man ihn durch die Pylone - riesige, abgeschrägte Mauern mit einem Tor in der Mitte. Der Eingang zum Tempel wird von zwei riesigen Sitzstatuen Ramses des Großen und einem Obelisken flankiert. Der dazugehörige zweite Obelisk steht in Paris auf der Place de la Concorde.

Während der pharaonischen Zeit war der Luxor-Tempel derart mit Statuen überfüllt, dass öfters "aufgeräumt" werden musste. Die überzähligen Bildnisse wurden in den Tempelhöfen vergraben. Mehrere dieser Gruben (Cachettes) wurden in unserer Zeit im Luxor- und im Karnak-Tempel gefunden und wieder ausgegraben.

 

Der Tempel von Esna ist dem widderköpfigen Gott Chnum sowie einigen anderen Gottheiten geweiht. Der Tempel stand in Verbindung mit vier anderen heute nicht mehr erhaltenen Tempeln. Der Tempel von Esna liegt in einer Grube neun Meter unter dem Straßenniveau der heutigen Stadt Esna.

Vom einstigen Tempel ist heute nur noch eine Säulenhalle erhalten, die einst den Beginn des Tempelinneren aus der griechich-römischen Epoche bildete. Errichtet wurde der Tempel von Ptolemäus IV. Es finden sich Reliefs von späteren ptolemäischen Pharaonen und römischen Kaisern. Auf den Säulen befinden sich Hieroglyphentexte, in denen chiffrierte Hymnen und Feste des sakralen Jahres in Esna beschrieben werden. Dieses sakrale Jahr ist auch in Form eines Kalenders festgehalten. In den Texten wurden die Hieroglyphen durch Widder- oder Krokodilzeichen ersetzt.

Während des 19. Jahrhunderts wurde der Tempel als Baumwolllager genutzt.

 

Gegenüber von Luxor, auf der westlichen Seite des Nils, liegt die Stadt der Toten. Dahinter das thebanische Gebirge mit dem pyramidenförmigen El-Qurn, seiner höchsten Spitze. Auf einer riesigen Fläche erstrecken sich hier Totentempel und Grabanlagen.

Kerihm kauft wieder die Eintrittskarten und er führt uns in zwei der drei Gräber, die wir besuchen dürfen. Als Erstes erklärt er uns im Grab des Amenophis III. (Regierungszeit 1386-1349 v. Chr.). den Aufbau und die Regel der Grabkammern. Dann führt er uns in die Grabkammer von Ramses III. Wir gehen dann alleine in die Grabkammer des Merenptah (Regierungszeit 1212-1202 v. Chr.) - dreizehnter Sohn von Ramses II. und Person des historischen Moses, jedenfalls nach Meinung der heutigen Ägypter.

An den Wänden der Grabanlagen prangen Hieroglyphen mit hervorragend erhaltener Bemalung - jedes Zeichen hat seine logische Farbe: Der Löwe für L ist gelb, der Mund für R ist rot, die Wasserwelle für N ist blau, das Schilfrohr für Y ist grün. Im Eingangsbereich sind Isis und Osiris dargestellt. In einem der Gräber steht noch der Deckel des Sarkophags. Die Wände sind bemalt. Besonders interessant sind allegorische Figuren, wie Seeschlangen und Drachen mit Menschenfüßen. Dem guten Mensch wird im Totengericht Existenz und Körperlichkeit zuerkannt, der Sünder wird vernichtet, vom Monster (eben diesen Drachen) gefressen oder in Feuerseen versenkt. Festgestellt wird das Schicksal nach dem Tode durch Aufwiegen des Herzens mit einer Feder von Maat, der Göttin der Wahrheit. Es ist das Kunststück zu vollbringen, dass auf der Götterwaage Herz und Feder gleich schwer sind.

Die Ägypter glaubten nur mit einem vollständigen Körper nach dem Tod in ein neues Leben eintreten zu können. So entwickelten sie die hohe Kunst der Einbalsamierung. Die Gräber enthalten verschiedene Kammern für Grabbeigaben, alles, was der Verstorbene in dieser anderen Welt für ein komfortables Leben braucht: Uschebtis, kleine Figuren, die für ihn Arbeiten verrichten. Kleidung, Möbel, Essen, Getränke, Schmuck usw. Die Reliefs in den Gräbern stellen meist Szenen aus dem Leben des Verstorbenen dar, oft auch seinen Eintritt in das neue Leben. Texte aus dem ägyptischen Totenbuch und anderen Schriften ergänzen die Bilder.

Bei seiner Arbeit hatte der ägyptische Balsamierer strenge Vorschriften einzuhalten. Der Ritus sah vor, den Bauch des Toten kurz über der linken Leiste aufzuschneiden und dann Lunge, Leber, Magen und Darm aus dem Leichnam herauszuholen. Diese Organe wurden in den Kanopen bestattet. Das Herz - als Sitz der Seele - sowie die Nieren, die Harnblase und die inneren Geschlechtsorgane wurden im Körper belassen. Der entstandene Hohlraum wurde mit Tüchern und Natron ausgestopft.

Als erster Pharao ließ sich hier Thutmosis I. im Tal der Könige begraben, nach dem Vorbild Amenophis I., der in der Nähe ein geheimes Felsengrab anlegen ließ. Trotz der versteckten Lage waren alle bisher entdeckten Gräber geplündert und selbst im 1922 entdeckten Grab des Tut-Anch-Amun hatten Grabräuber ihre Spuren hinterlassen. Die Plünderungen fanden schon während des Neuen Reiches statt, wie damalige Gerichtsprotokolle belegen. Um die Mumien zu schützen, wurden die Überreste der Pharaonen schließlich von Priestern eingesammelt, restauriert, die kostbaren Beigaben und selbst der goldene Überzug der Sarkophage entfernt. Dann wurden die Mumien in ein Versteck gebracht. Mehrere Jahrtausende waren die Mumien hier in Sicherheit. 1875 fand sie ein Grabräuber. 1881 konnten von der Altertümerverwaltung aufgrund von Hinweisen über den Fund die Mumien von Pharaonen wie Ramses II. und Sethos I. schließlich in das ägyptische Museum nach Kairo überführt werden.

Bis heute sind über 60 Gräber gefunden und man geht davon aus, dass noch einige Gräber verschollen sind. Die letzte große Entdeckung im Tal ist das 1995 gefundene Grab mit der Nummer 5, der Söhne Ramses des Großen, das bis jetzt noch nicht vollständig ausgegraben ist.

Obwohl das Grab des Tut-Anch-Amun das berühmteste ist, kann es doch mit der Größe und der Vielfalt der Reliefs und Wandmalereien der anderen Königsgräber nicht mithalten.

Im Tal der Königinnen liegen zahlreichen Privatgräber der Adligen und vor allem der königlichen Kinder. Besonders hervorzuheben ist das Grab der Nefertari, der Gemahlin Ramses II. Ausgestattet mit Wandmalereien, die als die schönsten Ägyptens gelten.

In Deir-el-Medina befinden sich die Ruinen einer pharaonischen Arbeitersiedlung. Mehrere Jahrhunderte lebten hier die Arbeiter und Künstler, die im Tal der Könige arbeiteten. Anhand von Tonscherben, sogenannten Ostrakons, die den alten Ägyptern als Notizzettel dienten, lässt sich der Alltag der Arbeiter rekonstruieren. Sogar ein Streik ist belegt. In der Nähe der Siedlung befinden sich auch die Privatgräber und Kultstätten der Bewohner.

Schier unglaublich sind die intellektuellen Anstrengungen und der materielle Aufwand dieser Grabkultur. Die ausgeklügelte Technik, die ansprechende Architektur, die hochentwickelte bildende Kunst, die zweckgerichtete Literatur und die anatomischen Künste der Mumifizierung - alles unglaubliche 3500 Jahre alt. Die Symbole des Staates werden im älteren und mittleren Reich in monumentaler Form in riesiger Begräbnisanlagen wie Pyramiden, Gräbern und Grabtempeln realisiert und weit weniger in Form von reinen Göttertempeln oder gar Palästen. Erst die ptolemäischen Pharaonen des neuen Reiches setzen mehr auf Tempel.

 

Die 'Schlösser der Millionen Jahre', zu denen auch einst der Tempel des Amenophis III mit den Memnons-Kolossen gehörte, erstrecken sich parallel des Nils jenseits des Tals der Könige. Hier wurden die Herrscher schon zu Lebzeiten verehrt, jedoch nicht begraben. Neben ihnen verehrte man auch den Gott Amun Re, was einer Vergöttlichung der Pharaonen gleichkam, die als Sohn des Amun auf Erden galten.

Zu jedem Königsgrab gehörte stets ein Totentempel. Diese wurden zumeist in der Ebene vor dem Felsengebirge errichtet. Die räumliche Trennung von Grab und Totentempel sollte für Sicherheit vor den Grabräubern sorgen. Gut erhalten sind der Totentempel Ramses des Großen (Ramesseum) und der Totentempel von Ramses III. (Medinet Habu). Diese riesigen Anlagen sind als sogenannte Pyramidentempel terrassenförmig errichtet und wurden während der Regierungszeit der jeweiligen Pharaonen oft auch als Palast genutzt.

Am eindrucksvollsten ist sicherlich der Totentempel der Hatschepsut in Deir-el-Bahri, der direkt vor einer steilen Felswand liegt und in dem 1997 islamische Terroristen ein Blutbad unter Touristen und Einheimischen anrichteten, es waren 58 Tote zu beklagen. Nach dem Tod der Hatschepsut, die 20 Jahre als Pharao regierte, ließ ihr Nachfolger Thutmosis III. den Tempel zum Teil zerstören und die Reliefs und die Kartuschen der Herrscherin ausmeißeln. Die mittlere Terrasse wird von zwei Kapellen flankiert, rechts die Anubis-Kapelle und links die Hathor-Kapelle, die beide nicht besonders gut erhalten sind. Ein großer Teil der Darstellungen zeigt die wundervolle Fahrt nach Punt, bei der unsägliche Schätze den Nil heraufgebracht wurden, wie Löwenfelle, Straußenfedern, Elfenbein, Panter- und Leopardenfelle, Affen und Weihrauchbäume, von denen "bis heutezutage" (Originalton Kerihm) ein Strunk zu sehen ist. Dazu kam noch Amethyst, Jaspis, Karneol, Gold und Kupfer. Akazienstämme, Palmstämme, Christusdorn, Ebenholz, Myrrhe, Weihrauchkörner, Dufthölzer und Gummiharze

Die Ausbeutung des Südens begann bereits in der 1. Dynastie. Bewaffnete Truppen überschritten regelmäßig bei Assuan die Reichsgrenze und gingen jenseits des 1. Katarakts auf Raubtour. Taseti (Bogenland) wurde diese von Nubiern bewohnte Welt genannt, in der Strauße, Nashörner, Giraffen, Panter und Affen lebten. Gold wurde "Das Fleisch der Götter" genannt und daraus wurden Möbel, Särge und Tempelstatuen geschmiedet.

Kerihm erklärt uns das Bauwerk auf der Plattform vor dem Tempel bei 42°C im Schatten - nur Schatten gibt’s dort keinen.

Vor dem Tempel steht eine Kitschburg aus einem Mix von Baustilen, die sich das polnische Ausgrabungsteam als Unterkunft errichtet hat. Das Gebäude ist zwar sandfarben wie die Wüste, aber aufgrund der schwülstigen Stilzitate lustig und bunt.

 
Wie Wächter thronen die Überreste vom gigantischen Totentempel Amenophis III., die beiden gewaltigen Memnonskolosse wiegen 720 Tonnen. Das Erdbeben kurz vor der Zeitenwende hatte sie schwer beschädigt. Seitdem hatte die nördliche Statue bei Sonnenaufgang klagende Töne erzeugt. So wurden die Kolosse schon in der Antike zu Touristenattraktionen. Seit einer Renovierung durch den römischen Kaiser Septimus Severus im Jahr 199 ist der Koloss wieder stumm.
 

Der Tempel des Horus ist der best erhaltene in Ägypten. Er wurde 237 v. Chr. von den Ptolemäern gegründet und der Bau über zwei Jahrhunderte hindurch fortgeführt.

Die meisten Tempel sind ähnlich in ihrem Aufbau. Der so genannte Pylon als große, hohe Eingangsfront mit Portal, dahinter ein gigantischer Säulenhof, dann Säulenhalle als Vorhof mit diversen Nebenräumen. Dann das innerste Heiligtum (Sanktuarium), wo die heilige Barke und die Statue der jeweiligen Gottheit aufbewahrt wurde und darum herum nochmals mehrere Räume. Das gesamte Bauwerk ist so angelegt, dass der Boden vom Pylon bis zum Sanktuarium leicht ansteigt, während sich die Höhe der Bauwerke erheblich verringert.

Der überdachte, innere Bereich vermittelt einen guten Eindruck von der Wirkung, die einst die ägyptischen Tempel besessen haben. Manche Räume liegen völlig im Halbdunkel oder erhalten nur durch kleine Öffnungen unter der Decke Licht.

Bau und Gründung des Tempels sind in Inschriften auf der Tempelmauer beschrieben. Der Eingangspylon des Horus-Tempels ist der zweitgrößte nach dem ersten Pylon des Karnak-Tempels. Es finden sich auch hier die vertrauten Darstellungen des Pharaos, der Feinde erschlägt.

Im Allerheiligsten des Tempels befindet sich noch der steinerne Schrein, in dem das Götterbild stand. Da diese Kultstatuen aus Edelmetall oder Holz mit Einlagen bestanden, sind sie aus allen Tempeln Ägyptens geraubt wurden. In der Nähe liegt der Raum, in dem einst die heilige Sonnenbarke aufbewahrt wurde. Eine Rekonstruktion, die auf Reliefs im Tempel beruht, steht heute dort.

Guterhaltene Darstellungen zeigen unter anderen Horus, der gegen Nilpferde, als Verkörperungen des "bösen" Gottes Seth, kämpft.

Die Gesichter und unbekleideten Teile der Götter und Pharaonen wurden in christlicher Zeit aus Sittlichkeitsgründen ausgemeißelt, wie uns Kerihm sehr ärgerlich doziert. Zum Glück waren große Teile des Tempels zu dieser Zeit bereits von Sand bedeckt gewesen, sodass nicht die gesamten Reliefe dran glauben mussten.

An den Deckenplatten sind die Russspuren der Generationen von Viehhütern zu sehen, die wohl hier ihre Lagerfeuer entzündet hatten.

 

Der Doppeltempel von Kom Ombo liegt auf einer Erhebung direkt am Nilufer, über dem Anlageplatz. Der Tempel lag bis 1860 unter Sand und Schutt begraben.

Errichtet wurde die Anlage in der ptolemäischen Zeit. Der berühmte Granitfalke mit Doppelkrone steht drohend am Eingang zum großen Säulensaal.

Die Anlage ist in zwei symmetrische Hälften aufgeteilt: die linke Seite ist dem Falkengott Horus, die rechte dem Krokodilgott Sobek geweiht. Die Reliefs im Inneren sind gut erhalten und im typischen "runden" ptolemäischen Stil ausgeführt.

Hier sind die einzigen erhaltenen Darstellungen chirurgischer Instrumente zu sehen, wie sie zur Einbalsamierung der Toten und wohl auch zu Operationen an Lebenden verwendet wurden. Außerdem ist ein in Stein geschnittener Kalender zu sehen, der die Einteilung des Jahres in die drei Jahreszeiten zu je vier Monaten zu je drei Wochen zu je zehn Tagen zeigt.

Am Eingang des Tempels sind in dem kleinen Hathor-Heiligtum zwei Krokodilmumien von einem nahe gelegenen Tierfriedhof ausgestellt.

Vom Tempel hat man einen schönen Blick auf den Nil und die umliegenden Felder.

 

Auf dem Kitchener´s Island liegt der botanische Garten, den der britische General Lord Horatio Kitchener während seines Kommandos der ägyptischen Armee gegen Somalia ab 1886 angelegt hat.

 
Die Gouverneure von Assuan ließen sich gegen Ende des Alten und während des Mittleren Reiches (6. bis 12. Dynastie) Gräber in den hochgelegenen Felsen des sandsteinigen Westufers brechen - die sogenannten Fürstengräber von Elephantine. Bekrönt wird die Anlage durch das Grab des Ortsheiligen Scheich Ali Ibn al-Hawa, genannt Qubbet el-Hawa. Vom Flussufer bis zu den Grabreihen führen steile Rampen hinauf, auf denen einst die Sarkophage hochgezogen wurden.
 

Assuan liegt 750 km südlich von Kairo.

Assuan war schon von alters her die südliche Grenze Ägyptens. Die Stadt und ihre Herrscher haben sich immer als südliches Eingangstor nach Ägypten gesehen. Von hier aus wurden die Karawanenwege in die nubische Wüste und in den Sudan kontrolliert.

Assuan gilt als die schönste Stadt Ägyptens und wurde wegen seines trockenen Klimas im 19. Jahrhundert als Winterkurort geschätzt. Hier leben vor allem Nubier, die eine dunklere Hautfarbe als die arabischen Ägypter haben.

Die alten Ägypter nannten diesen Ort Abu (Elefantenland). Abu hatte seit frühester Zeit die wichtige Funktion eines Umschlagplatzes für die Waren aus Nubien und dem Sudan. Sowohl auf dem Land- als auch auf dem Wasserweg wurden Gold, Elfenbein und Ebenholz umgeschlagen.

 

Seit 1970 staut der High Damm bei Assuan den Nil, bildet so den Nasser-See und Ägypten ist nun nicht mehr von der jährlichen Nilüberschwemmung abhängig, die oft große Zerstörungen anrichtete und viele Tote verursachte. Der Assuanstaudamm hat auf die Bewässerung von landwirtschaftlichen Flächen keinen Einfluss, sondern er verhindert die katastrophalen Überschwemmungen und das Kraftwerk produziert 30% des Strombedarfs Ägyptens, 1970 waren es noch 60%.

Der Staudamm entspricht von der Dimension her einem kleinen Gebirgszug mit einer Aufschüttung von 42,7 Millionen Kubikmeter, 111 m Höhe, 1500 m Breite an der Basis und verjüngt sich wie eine Pyramide auf 40 m an der Krone. Der gewaltige Damm wurde nach elfjähriger Bauzeit fertiggestellt. 35.000 Arbeiter und Ingenieure waren am Bau beteiligt, 451 von ihnen verloren beim Bau ihr Leben. 60.000 Sudanesen und Nubier mussten umgesiedelt werden.

Der Nasser-See wirkt fast wie ein Meer, hat 5.200 km2 und staut den Nil bis in den Sudan hinein. Mit seiner Länge von 510 km und seiner Breite zwischen 5 und 35 km ist der See der zweigrößte künstliche See unseres Planeten.

Wie Abu Simbel sind auch die Tempelanlagen aus der ptolemäischen und römischen Zeit auf der Insel Philae, auf einer höhergelegenen Insel wieder aufgebaut worden. Die Insel Philae war der Göttin Isis geweiht und wurde als "Perle Ägyptens" bezeichnet. Die letzte erhaltene Hieroglypheninschrift wurde auf Philae gefunden. Sie stammte aus dem Jahr 394 n. Chr. Erst im 6. Jahrhundert wurde der Tempel endgültig geschlossen und als christliche Kirche genutzt.

 

Auf der Insel Elephantine befand sich einst die Hauptstadt des ersten oberägyptischen Gaues. Am Ufer von Elephantine ist das berühmte Nilometer. Hier wurde der Wasserstand des Nils bei Eintreten der Flut gemessen und daraus die Höhe der Abgaben der Fellachen berechnet.

 

Am Anfang des zweiten Jahrtausend vor Christi gibt es Papyrus als Schreibmaterial. Aus dem Mark der Stängel werden längere, sehr dünne Streifen geschnitten. Helles Papyrus wird 7 Tage, dunkles bis 12 Tage in Wasser gelegt. Dann werden die Streifen kreuzweise übereinander gelegt, fest geklopft, glatt gestrichen und trocknen gelassen - fertig.

 

Die Ägypter hatten ein positions-unabhängiges Zahlensystem mit unterschiedlichen Zahlzeichen für Zehnerpotenzen: Einer-Werte wurden als Striche dargestellt, Zehnerwerte als "Hufeisen", Hunderter als Seilrollen, Tausender als Lotosblumen, Zehntausender als Zeigefinger, Hunderttausender als Kaulquappen, Millionen als der Luftgott Schu.

Geometrisch konnten sie mit Rechtecken und rechtwinkligen Dreiecken umgehen.

Im alten Reich wurde als Kreiszahl PI (Verhältnis zwischen Umfang und Radius eines Kreises) eine glatte 3 verwendet, im mittleren Reich rechnete man mit 3,16.

Brüche wurden im alten Ägypten als Reziprokwerte der Zweierpotenzen dargestellt, also 1/2, 1/4 bis 1/64. Die Bruchzahlen wurden als Teile des Auges des Horus geschrieben, es gab also für jeden dieser sechs Bruchzahlen ein eigenes Zahlzeichen.

Die Zahlen sind wie die Hieroglyphen in Rechtecke gruppiert, was - im Gegensatz zu den Hieroglyphenwörtern - die Lesbarkeit erhöht.