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Schreiben fürs Internet |
Actoid - eigentlich Achim Actoid ist Gründer und Herausgeber der E-Zine "Motorrad" und "Fossile Rechner", außerdem Urheber der philosophischen Abhandlung "Zen oder die Kunst das Web zu designen". |
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Ein Literaturgespräch mit Achim Das Literaturgespräch mit Achim |
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Du hast einige E-Zines veröffentlicht, welche sind das?Unsere umfangreichste Plattform gehört der Stiftung Seeau und beschäftigt sich mit Adelsforschung - im Zentrum stehen die Grafen von Seeau. Das E-Zine "Zen oder die Kunst das Web zu designen" sind Ergüsse zu Praxis, Kitsch und Ästhetik von Mediendesign. Ein besonderes Anliegen für mich ist es, die Webkultur laufend zu analysieren. Das E-Zine "Fossile Rechner" ist Dokumentation der Geschichte des Rechnens mit mechanischen Rechenmaschinen. Dieses Magazin kann hoffentlich im Laufe des Jahres 2004 online gehen. Das E-Zine "Motorrad" schildert Anschauungen und Grundwahrheiten über Technik, Psychologie und Physik rund um das Motorrad. Was ist dein Schwerpunkt bei den E-Zines?Im Moment liegt mein Schwerpunkte bei der aktuellen Entfaltung der Ästhetik von Mediendesign in der Hauptsache beschäftige ich mich mit der Bekämpfung von Computerkitsch, der Missgestaltung des Netzes und den weit verbreiteten Internetgräuel. Was macht den Einstieg ins Schreiben so schwer?Stagnation oder Selbstzweifel sind Hauptprobleme, mit denen Könner und Anfänger gleichermaßen zu kämpfen haben. Bei den Anfängern ist es der Selbstzweifel, bei den Könnern oft Stagnation und Schreibhemmung. Damit kann man buchstäblich Jahrzehnte verschwenden. Und wenn man nicht viel, wirklich viel schreibt, nicht dranbleibt wird man nicht besser. Insbesondere wird man nicht besser durch Herumsitzen und Nachdenken darüber, ob man gut genug ist. Tatsache ist, dass man nicht der beste Schriftsteller der Welt sein muss, um gedruckt zu werden - und auch von Lesern gemocht zu werden! Was soll's, ich habe als Kind alles was ich finden konnte gelesen, anfangs Kommissar X, Lederstrumpf und Erich Kästner, dann Albert Einstein, Franz Kafka, Paul Watzlawik und bis heute kein einziges Buch von Marcel Reich-Ranitzki, weil ich davon überzeugt bin, dass er besser keift und sabbert als schreibt. Man muss nicht in irgendeiner Weise "fertig" entwickelt sein - denn das ist man ja eigentlich nie. Das Lernen hört nie auf, aber das heißt nicht, dass man inzwischen nicht schon mit dem Veröffentlichen anfangen sollte. Was für Genre bevorzugst du?Ich schreibe schon eine ganze Weile erotische Fantasy-Geschichten, die ich wie einen geheimen Schatz in meinem Notebook versteckt habe. Aus einer meiner seltenen Launen heraus habe ich einige von ihnen einer meiner engsten Freundinnen gezeigt, die gleich darauf große Augen bekommen hat. Ich befürchtete schon, sie verschreckt zu haben, aber im Gegenteil: Seit diesem Tag bearbeitet sie mich, meine Texte einem Verlag anzubieten. Aber meine Geschichten waren und sind zu nah an mir dran, als dass ich sie einem wildfremden Lektor vorlegen könnte, der sie auf ihre Ertragskraft für den Verlag überprüft. Da könnte ich gleich meine Träume verkaufen. Meine Geschichten verschwanden wieder in mein sicheres Versteck im Notebook und schlummern dort Jahre unberührt vor sich hin. Nun erscheint alles Zug um Zug nach dem alten Muster der Kolportageliteratur des 19. Jahrhunderts als eine Art Fortsetzungsroman im Internet. Wieso schreibst du erotische Erzählungen?Auf erotische Erzählungen habe ich mich deswegen verlegt, weil sie meiner Neigung am ehesten entsprechen - einer meiner stärksten und nachhaltigsten Wünsche ist es, die Illusion wenigstens vorübergehend einmal zu erreichen, dass die ärgerlichen Beschränkungen von Zeit, Raum, sozialem Umfeld, von Gesetz und Ordnung, die uns ständig einkerkern und unsere Wissbegier über die unendlichen erotischen Räume jenseits unseres Blickfeldes und unserer analytischen Fähigkeiten zunichte machen, aufgehoben oder gesprengt werden. Die Sexualität spielt in so vielen meinen Erzählungen eine wichtige Rolle, weil diese Erscheinung meiner Meinung nach eine zutiefst bestialisch-animalische und erregende Angelegenheit im Leben darstellt. Die Auseinandersetzung mit der Sexualität scheint mir das mächtigste und ergiebigste Thema im Rahmen menschlichen Seins und in der Fortpflanzung der Gene zu sein. Die älteste und stärkste menschliche Gefühlsregung ist die Sexualität, und die älteste und stärkste Art von Sexualität ist der Egoismus der Gene. Diese Tatsachen werden nur wenige Psychologen in Abrede stellen, und ihre allgemein anerkannte Wahrheit muss für alle Zeiten die Seriosität und den Rang der vor Lust und Geilheit sinnlich-überquellenden Erotikerzählung als literarische Form festlegen. Mein Um und Auf ist die Frage nach der inhaltlichen und ästhetischen Gestaltung von erotischen Texten. Oft kann ich das von mir Geschriebene und meine Geschichten selbst nicht ausstehen, meist aber macht es mir Freude die Texte nach längerer Zeit unbeleckt vom schreibenden Entwicklungsprozess lesend zu genießen. Kann man in jedem Alter schreiben lernen?Das Schreibenkönnen hat sicher mit dem Alter an sich nichts zu tun - bekannte Beispiele für Spätberufene sind die Bäuerin Anna Wimschneider, die 80jährige Verfasserin der "Herbstmilch", Theodor Fontane schrieb seine ersten Romane mit 60 und Jack London hat erst mit 29 angefangen zu schreiben. Andererseits weiß jeder, dass man nicht alles lernen kann, was man möchte, weil für manche Dinge gewisse Voraussetzungen nötig sind. Man nennt das, was man als Autor braucht wohl "Talent" und meint damit so unterschiedliche Dinge wie Körperkraft und Bewegungsgefühl eines Schifahrers oder die Musikalität eines Pianisten. Die Frage, die man sich selbst stellen muss ist aber nicht nur die nach dem Talent, sondern auch ob einem das Schreiben über längere Zeit Freude macht. Der Zusammenhang mit dem Alter entsteht nämlich dadurch, dass man auf Grund der täglichen Erfahrung davon ausgehen kann, dass sich bis zu einem gewissen Alter alle Talente, die in einem schlummern, in irgendeiner Form entwickelt und gezeigt haben. Nun sagen schlechte Noten in Deutsch über das Talent beim Schreiben rein gar nichts aus. Wie der schulische Deutschunterricht überhaupt meist Gift für einen kreativen Schriftsteller ist. Wenn man das Schreiben einfach so lernen könnte, dann müssten alle Autoren ein Literaturstudium absolviert haben, so wie alle Ärzte eben ein Medizinstudium haben. Aber bei der Literatur ist das anders, auch anders als in der Musik oder der bildenden Kunst, wo die Künstler meist ein einschlägiges Studium absolviert haben. Bei Briefen bzw. bei e-Mails erkennt man sofort, wenn jemand gewissermaßen "unmusikalisch bei der Verwendung von Wörtern" ist. Also, nur nicht aufgeben. Das wichtigste Indiz dafür, dass man einen Hang als Autor hat ist, dass man sich überhaupt ans Schreiben gemacht hat und vor allem, dass man seine eigene Unzulänglichkeiten in Formulierung und Stil entdeckt ist ein gutes Zeichen. Ich lese auch meine Erzählungen und Gedichte immer wieder kritisch durch und feile daran, auch wenn ich dadurch manchmal eine Scharte hinein mache, die ich später nochmals auswetzen muss. Dialoge in Spielfilmen, Sitcoms oder Lifestyleschnulzen wie "Gute Zeiten Schlechte Zeiten" bieten sich ja geradezu zur kritischen Analyse an. Goethe meinte, dass sich Begabungen zunächst in Form von Neigungen äußern. Wenn einer das Bedürfnis hat zu schreiben, dann schlummert darin auch eine gewisse Begabung. Begabung heißt nie, dass man etwas das erste Mal versucht und gleich perfekt ist. Die Fähigkeit, Brillantes und Mangelhaftes zu erkennen, auch wenn man das Gute selbst nicht produzieren kann, ist für den Anfang wesentlich wichtiger. Denn wirklich aussichtslos ist es nur dann, wenn jemand nicht kritikfähig genug ist. Das Wichtigste ist, dass es einem Spaß macht, zu schreiben. Wenn es einem nachher nicht gefällt - nun gut, das ist eine andere Sache, die einen jedenfalls nicht davon abhalten sollte, weiterzumachen. Aber solange einem das Schreiben (das Schreiben an sich) Spaß macht, schreibt man weiter, und wenn man immer weiter schreibt, kann man es gar nicht verhindern, immer besser zu werden. Was soll man tun um besser und gut zu werden?Man lernt schreiben nur auf eine Weise – durch schreiben. Also schreibt man, gibt sich ein paar Jahre Zeit, und man wird unweigerlich besser. Bemerkenswert ist, dass dieses Besserwerden nicht kontinuierlich verläuft, sondern in Sprüngen: etwa alle 100.000 Wörter gibt es einen Quantensprung, und man schreibt plötzlich merklich besser – zum Vergleich ein Roman hat etwa 50.000, eine Erzählung 5000 Wörter. Man muss also einige Romane, einige Erzählungen schreiben oder was immer man möchte. Man sollte nicht gleich davon ausgehen, dass das, was man schreibt, gleich gedruckt werden muss; man sollte um des Spaßes am Schreiben schreiben. Einen Roman zu veröffentlichen kostet einen Verlag etwa 25.000 Euro, also sollte man ein Manuskript erst dann losschicken, wenn man der ehrlichen Auffassung ist, dass es das auch wert ist. Aber das heißt nicht, dass man für die Schublade schreiben solle - im Gegenteil! Die wichtigste Empfehlung ist, sich so früh wie möglich ein Publikum zu suchen. Am besten Freunde, die gern lesen und bei denen man sicher sein können, dass sie einem keine destruktive Kritik drüber schütten wie "Du und schreiben? Ich lach' mich schief!" oder etwas anderes Abwertendes. Es kommt vor allem darauf an, dass man erfährt, wo man die Erzählung spannend fand und wo langweilig, wo man etwas nicht verstanden hat usw. Es kommt nicht darauf an, dass Ihnen Ihre "Testleser" Ratschläge geben - das ist ganz unnötig. Der wichtigste Effekt, den auch das kleinste Publikum auf einen hat, ist, dass man seine eigenen Texte ganz anders wahrnimmt dadurch, dass man weiß, dass jemand anders sie lesen wird. Und diese Art der Wahrnehmung ist es, auf die es ankommt. Schreiben lernen muss man selber. Aber es gibt etliche gute Bücher zu diesem Thema. Das mit Abstand hilfreichste Buch, das ich kenne, ist das Buch "Garantiert schreiben lernen" von Gabriele L. Rico aus dem Rowohlt Verlag. Es brachte mich noch einmal ein gutes Stück weiter. Die Hauptsache ist, etwas zu tun. In Bewegung zu bleiben. Zu schreiben. Schreiben ist ein einsames, langwieriges Geschäft, auch das muss man aushalten können. Und den oben beschriebenen Weg einzuschlagen, schafft auf jeden Fall Klarheit - und sei es, dass man feststellt, dass der Drang zu schreiben vielleicht doch nicht so groß ist, wie man dachte. Auch das kann sein, und dann muss man sich, auch wenn es schwer fällt, dieser Wahrheit stellen. Für diesen Fall möchte ich noch einen Ratschlag des französischen Bestsellerautors George Simenon erwähnen, der jedem jungen Autor sagte: "Finden Sie heraus, ob sie das Schreiben sein lassen können. Wenn ja, dann tun Sie etwas anderes. Sie werden glücklicher werden." Das sollte nun nicht entmutigen. Drauflos schreiben, beharrlich und furchtlos und man finden die Wahrheit heraus. Welche literarische Form bevorzugst du bei deinen Arbeiten?Meine wichtigste literarische Form ist eindeutig die Kurzgeschichte. Die Kurzgeschichte ist eine epische Form, mit geringem Umfang, konzentrierter Komposition, Ausarbeitung des Details und Reduktion auf einen Moment inmitten alltäglicher Begebenheiten. Kurzgeschichte, Lehnwort des amerikanischen "short story". Im Gegensatz zu den großen Prosaformen Roman und Novelle kurze, verdichtete literarische Erzählung. Die Kurzgeschichte verwendet meist ein schmales Figureninventar in einer komprimierten, geradlinigen Handlung und zielt auf eine dramatische, effektvolle Klimax. Die in der epischen Prosa häufige thematische Vielfalt tritt zurück zugunsten einer zentralen Aussage. Besonders die deutsche Kurzgeschichte charakterisiert sich vom Aufbau und vom erzählerischen Abfolge her, an ihrer relativen Kürze. Die Geschichte kann in einem Zug fertig gelesen werden und beschreibt einen auf den Punkt gebrachten Auszug aus dem Leben, oder eine bestimmte Lebenssituation. Das hat bedeutende stilistische Auswirkungen, denn man kann nicht eine kurze Geschichte schreiben, der wie ein Wasserkopf eine romanartige Einleitung vorangestellt ist. Also wird man ohne lange Vorbereitung mitten hinein ins Geschehen geführt. Einige knappe Hinweise über Ort und Zeit des Geschehens am Anfang der Geschichte müssen genügen. Das alles zusammen macht die Qualitäten dieser Erzählform aus: der eher unvermittelte oder knappe Einstieg in die Geschichte, dargestellt in einer zumeist gerafften, nicht allzu ausladenden Sprache der Kurzgeschichte. Die Kurzgeschichte ist einepisodig und vermeidet aufwändige Orts- und Zeitsprünge (Ausnahmen bestätigen hier die Regel). Die Protagonisten werden vor allem durch ihr Sprechen und Handeln charakterisiert, weniger durch ihr Denken oder gar über die durch den Erzähler referierte Biografie. Die Redeweise ist zumeist direkt oder indirekt, seltener die erlebte Rede – die ja mehr den Blick in als auf die Figuren lenkt. Kurzgeschichten sind nicht selten dialogisch dominierte Erzählungen. Die Kurzgeschichte wird fast immer im Erleben des Hier und Jetzt wiedergegeben, nicht in Erinnerungen und schon gar nicht in Spekulationen des Erzählers selbst. Die moralischen Schlüsse werden nicht vom Erzähler erklärt, sondern müssen sich im Kopf des Lesers manifestieren. Wie schafft man sich die Zeit für das Schreiben?Etwas weniger Fernsehen vielleicht, und man wird staunen, wie viel Zeit einem noch für andere Dinge bleibt. Aber ich glaube, dass viele einfach zu bequem sind... Ich denke, vordergründig geht vom Fernsehen einfach der stärkere Reiz aus. Wenn man abgeschlafft zuhause ankommt, dann ist das die energiesparendste Möglichkeit, sich zu vergnügen. Und selbst mit Werbepausen kann man "Doktor Schiwago" oder "Vom Winde verweht" nicht so schnell lesen wie sich auf dem Bildschirm vorflimmern lassen... Fernsehen hat etwas Suchtartiges; entweder man wird von der Bilderflut hypnotisch gefangen oder man interessiert sich fast gar nicht dafür, so wie die meisten rauchen – ganz oder gar nicht. Es ist schwer, das Mittelmaß zu halten. Und eines ist klar, Fernsehen ist der größte Zeitdieb. Arbeiten, Schlafen, Fernsehen – das sind die zeitraubendsten Tätigkeiten des modernen Menschen. Arbeitest du mit Plänen und Entwürfen?Ich arbeite nie ohne Pläne, Entwürfe, Outlines oder Plots. (Manchmal aber doch und habe das auch nie bereut.) Eine grobe Outline zu haben, nimmt den Druck weg, das Ding als Ganzes im Kopf haben zu müssen, und ich kann mich ganz auf die anstehende Szene oder das anstehende Szenenstück konzentrieren. Wenn ich einfach so schreibe, wird es weniger dicht, meistens sogar dünn - und es kommt so eine Hektik in die Schreibe, aus Angst, die guten Ideen könnten einem entfleuchen, ehe man sie eingefangen hat. Eine berechtigte Angst. Freilich gibt es diese Diskrepanz zwischen Outline, zu viel planen und drauflos schreiben. Diese Koordination ist wohl auch wieder eine eigene Kunst. Und dann natürlich, nicht zu vergessen: die ordentliche und ordnungsgemäße Formatierung ist wichtig. Ein Erzählungsmanuskript hat immer, immer, immer pro Seite 30 Zeilen zu durchschnittlich pro Zeile 60 Zeichen, was pro Seite die berühmten 1800 Normanschläge macht. Als Schrifttype verwende ich klassisches Times New Roman und einen Schriftgrad von 12. Hast du anfangs wild drauflos geschrieben?Ich hatte bei meinen ersten Erzählungen überhaupt keine Vorstellung vom Umfang. Man muss aber eine genaue Vorstellung vom Aufbau und vom Umfang haben, wie man auch eine genaue Vorstellung vom Inhalt haben muss. Ich denke, man sollte, wenn man zu schreiben beginnt, zumindest zwei Ideen haben: eine Idee für den Anfang, und eine Idee für den Schluss. Alles dazwischen kann sich finden, aber der Anfang sollte einen Leser packen, und der Schluss - nun, das ist der Magnet, auf den sich alles zuentwickelt. Wenn man keine Idee für einen bombastischen Schluss hat, dann dümpelt die Schreibe so dahin, und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bleibt die Erzählung irgendwo stecken. Aus Treibstoffmangel gewissermaßen. Was sich bei mir im Lauf der Zeit abzeichnet, ist der genaue Weg vom Anfang zum Schluss. Den habe ich - absichtlich - nicht schon mit langweilender Präzision ausgearbeitet. Eben damit das Schreiben auch aufregend bleibt. Die Anfangs- und die Ende-Idee spannen den Bogen, sozusagen. Das mit den 350 Seiten für einen Roman ist ein guter Daumenwert. 350 Seiten sind ein guter Umfang für einen Roman, nicht zu kurz, nicht zu lang. Was findet man wohl in der Schublade eines Schriftstellers: bislang unveröffentlichte Texte. Bei den meisten davon ist man gut beraten, sie in diesem Zustand zu belassen, aber hin und wieder findet man doch etwas Brauchbares. Und da es hierzulande kaum Möglichkeiten gibt, Kurzgeschichten zu veröffentlichen, helfe ich mir eben selbst und bastle aus den Kurzgeschichten eine Erzählung und aus den Erzählungen einen Roman... Glaubwürdige Figuren, wie kommt man dazu?Ich habe immer wieder Schwierigkeiten mit der einen oder anderen Figur, sie glaubwürdig zu machen. Manchmal missrät mir ein Charakter, ist irgendwie konstruiert, leblos, unglaubwürdig – eben einfach nicht besonders menschlich. Ich versuche in so einem Fall mich noch stärker in die Figur hineinzuversetzen, die Figur zu sein. Manchmal hilft es, wenn ich die Figur etwas abändere, straffe, eine Persönlichkeit gebe, sie jemandem ähnlich werden lasse, den ich kenne. Manchmal ist es wichtig, dass man die Figur gut leiden kann - oder dass man die eigene Figur hasst. Wie recherchierst du ein neues Fachgebiet?Angenommen, mein Plot führt mich unerwartet in einen neuen Bereich, ein neues Fachgebiet, von dem ich (noch) nichts verstehe. Dann mache ich mich durch Anlesen von Hintergrundwissen kundig, das ich dann mit meinen Freunden, Fachleuten oder Bekannten diskutiere, um für die Story glaubwürdig zu bleiben. Je nachdem, was ich wissen muss. Wobei der Schwerpunkt eine umfangreiche Webrecherche ist. Manche Dinge lassen sich übers Internet rasch und einfach in Erfahrung bringen, andere sucht man dort vergebens. Seltener suche ich in Fachbüchern und Fachzeitschriften, und erst dann rede ich mit den Leuten. Wahrscheinlich wär's andersrum manchmal effizienter, aber ich will mich nicht gern blamieren. Generell geht der erste Griff zu "Google". Was so nicht gefunden wird, kann faktisch gar nicht oder nur durch Zufall eruiert werden. Eine allgemeine Regel habe ich da aber nicht. Antwort auf die Frage, wie ich rausfinde, was ich wissen will, ist also: mühsam. Ist es wichtig, einen Text ruhen zu lassen?Die wichtigste Technik ist es, den an sich fertigen Text eine geraume Zeit liegen zu lassen, dann sich selber laut vorzulesen und alles gleich in Word umzubauen, was einen irgendwie stört, einem falsch, ungenau oder unangenehm vorkommt. Dadurch gewinnt man den Abstand zur eigenen Arbeit, der einem das Urteil erleichtert! Man muss den Prozess der Entstehung sozusagen vergessen haben wenn man das Ding wieder zur Hand nimmt. Am Besten, wenn man in der Zwischenzeit viel gelesen oder viele andere Texte geschrieben hat. Man staunt oft, wie anders man den zu korrigierenden Text dann wahrnimmt – viel kritischer und objektiver, mehr aus der Sicht eines Lesers. Und den Leser will man schließlich ansprechen. Ruhen lassen sollte man aber nur Texte, die in einer ersten Fassung fertig sind. Ich habe nicht gemeint, dass man Texte ruhen lassen soll, mit denen man grade nicht weiterkommt. Das "Ruhen lassen" hat den Zweck, Abstand zum Geschriebenen zu bekommen und es objektiver beurteilen zu können. Ich weiß nicht, was ich von dem Phänomen der Eigenkritik halten soll, aber das Ergebnis ist phänomenal. Ist da im Text etwas verlorengegangen? Oder ist der Text wertlos, weil er nicht tragfähig genug ist? Und was passiert, wenn ich es zu lange ruhen lasse? Vielleicht habe ich dann den Faden total verloren und muss alles noch einmal schreiben. Drauflosschreiben und hinterher korrigieren, geht das?Genau. Das ist genau die richtige Haltung beim Schreiben. Probleme entstehen erst, wenn man aus dieser Haltung rausfällt. Wenn sich der Innere Lektor einschaltet und einem während des Schreibens dazwischenquatscht. Ich brauche es, am Ball zu bleiben und vor allem einfach drauflos zu schreiben. Es ist wichtig, den Gedankenfluss halbwegs in der Geschwindigkeit des Entstehens und Formulierens in Wörtern und Zeichen zu fixieren. Korrigieren kann man sprachliche Ungenauigkeiten und Formulierungsfehler immer hinterher. Ich finde es immer besser, wenn die Umstände es einem erlauben, sich einem Text völlig zu widmen, in einer geradezu autistischen Haltung, sich völlig absorbieren zu lassen vom Vorgang des Entstehens. Einige Kurzgeschichten konnte ich so schreiben - über die Weihnachts- und Neujahrfeiertage, bei Regenwetter, mit vollem Kühlschrank, abgeschieden von der Welt und ohne die Notwendigkeit, das Haus länger zu verlassen. Wunderbar. Wann ist eine Geschichte zu kurz, wann zu lang?Es gibt Fragen, die schwer zu beantworten sind: Höchstlänge, Mindestlänge. Gibt es eine Mindestlänge? Wann ist es zu kurz? Es hängt stark davon ab, was man machen will. 300 Seiten für einen Roman, das ist eine Länge, die sich eingebürgert hat wie die anderthalb Stunden für einen Spielfilm. Ein Film kann auch einmal länger sein, im Fernsehen mit seinen starren Rastern lässt sich das schwerer unterbringen. Kürzere Filme gibt es auch, aber niemand geht für einen 50-Minuten-Film ins Kino. Bei Heftromanen muss alles auf 100 Seiten untergebracht werden. Und eine Folge einer Serie ist so wie eine ausführliche Nachrichtensendung 20 Minuten lang. Grundsätzlich muss eine Geschichte gut erzählt sein, wenn sie ankommen soll - nicht zu ausschweifend, nicht zu knapp, gerade richtig eben. Was "gerade richtig" ist - dafür muss man ein Gefühl entwickeln, das ist ein Teil des Schreibens. Am besten entwickelt man dieses Gefühl durch lesen. Es gibt Geschichten, die sich auf 1000 Seiten ausbreiten, ohne langweilig zu werden - für die meisten sind selbst 150 Seiten schon viel zu viel. Ich denke manchmal, es ist besser, im Zweifelsfall zu schlank als zu dick zu sein. Freilich, herausstreichen ist einfacher als einfügen, aber heutzutage fühlen sich viele Leute von dicken Büchern abgeschreckt. Soll man nicht kurze Sätze mit maximal 15 Wörtern zu bauen?Die Regeln, die man für journalistische Texte lernt, wie etwa kurze Sätze mit maximal 15 Wörtern zu bauen, passive Konstruktionen zu vermeiden, kann man nicht auf Kurzgeschichten und Romane übertragen. Alle diese Regeln haben ja Gründe. Wenn man in einem belletristischen Text die gleichen Gründe hat, kann man die gleichen Regeln anwenden. Manchmal hat man aber andere Gründe. Kurze Sätze wirken anders als lange. Passive Konstruktionen wirken anders als aktive. Ich halte eigentlich nichts davon, sich solcher Möglichkeiten von vornherein zu berauben. Gut ist es sicher, sich solcher Einflussfaktoren bewusst zu sein, aber es kommt immer darauf an, wie der Text klingen soll. Nach 100.000 Wörtern ein Quantensprung, wie geht das?Man sagt auch, um das Schreiben in einem bestimmten Genre oder einer Literaturform richtig zu erlernen, benötigt man 100.000 Wörter. Anders ausgedrückt: Man schreibe zwei Romane oder 20 Erzählungen und man kann schreiben. Natürlich sind die Ergebnisse je nach Begabung unterschiedlich, doch eine Entwicklung der persönlich gegebenen Möglichkeiten ist ziemlich gut zu beobachten. Man sollte dabei aber nicht nur im eigenen Saft kochen, sondern versucht, der Sache durch Diskussion Pfeffer zu geben. Heute geht das ja leicht, z.B. dank dieses Literaturforums. Früher musste man immer Verwandte und Freunde einspannen, die oft nicht wussten, wie ihnen geschieht. Wenn man die eigene Entwicklung im Schreiben über einen längeren Zeitraum verfolgt, stellt man fest, dass die Fähigkeiten nicht kontinuierlich, sondern in Stufen zunehmen. Sozusagen in Quantensprüngen. Eine ganze Weile tut sich trotz intensivster Beschäftigung mit der Sache nichts, und plötzlich gibt’s einen ganzen Quantensprung nach oben... Das gilt übrigens für fast alle Fähigkeiten, die trainiert werden. Sprachbegeisterte und Sportler kennen dieses Phänomen auch. Achim welche Korrekturmöglichkeiten nutzt du?Meine wichtigste technische Korrekturmöglichkeit ist die ganz normale Rechtschreibprüfung von Word. Die schützt vor den grimmigsten Schreibfehler lässt jedoch auch Einiges an schlimmen Fehlern durch, was durchaus peinlich sein kann. Beim Korrekturlesen ist das Rückwärtslesen der Texte unglaublich nützlich und kann die Rechtschreibprüfung von Word ersetzen. Bei längeren Texten ist diese Technik vielleicht etwas langweilig. Dabei erfasst man nur die Worte, nicht aber den Satzzusammenhang, so dass man von diesem nicht abgelenkt wird und eher auf die einzelnen Worte achtet. Während ich einfach rückwärts über den Text fliege, kann ich die Wörter anhand ihres Bildes als richtig geschrieben erkennen oder als falsch identifizieren. Lange Wörter wie "Satzzusammenhang" werden dabei in ihre Bestandteile zerlegt. Bei der Interpunktionszeichen gibt's keine technische Hilfe. Aber dass vor einem Satzzeichen Leerstellen verboten sind und nach jedem Satzzeichen eine Leerstelle verpflichtend ist, scheint ja sowieso jeder zu wissen, der schreibt. Das alles funktioniert natürlich nur, wenn die Regeln der aktuellen Rechtschreibung eingehalten werden. Persönliche Orthografie ist wie ein Krankheit, die die korrekte Anwendung von Rechtschreibkontrollen vereitelt. Dazu zählt vor allem die konsequente Kleinschreibung der Wörter. Lässt du das Geschriebene vorerst von Freunden lesen?Bisher meistens ja, wenn ich das Gefühl habe, dass es fertig ist und ich dazu stehen kann, dann suche ich mir ein Opfer. Bei den "Originalmärchen" habe ich es ins Extrem getrieben und jedes einzelne Märchen von jemand anders lesen lassen, der die übrigen nicht kannte - weil ich eigentlich hauptsächlich wissen wollte, ob jedes Märchen als eine in sich geschlossene Geschichte funktioniert, wie ich es geplant hatte. Dann kam aber interessante Kritik, die immer zu Überarbeitungen führte. Ich lasse mir die Kritik durch den Kopf gehen. Was ich will ist Kritik. Verbesserungsvorschläge habe ich eigentlich nicht so gern, weil ich das Verbessern als meinen Job betrachte, aber Kritik kann nützlich sein, wenn z.B. klar wird, dass an einer bestimmten Stelle ein Missverständnis besteht, weil ich etwas unklar beschrieben habe... oder die Spannung flaut irgendwo bedenklich ab... oder irgendeine Wendung der Geschichte stößt auf Ablehnung... und so weiter. Das überdenke ich dann und überlege, was ich dagegen machen kann. Aber manchmal ignoriere ich Kritik auch. Was machst du mit Häufungen deiner Lieblingsworte?Oh ja Lieblingsworte die gibt's. Meine Muse meinte zu den "Originalmärchen" in ihrer unnachahmlich liebevollen Art "Geil und gut - aber 'sodass' kommt so oft vor, sodass du dir das noch einmal ansehen musst..." Wie steht es mit den Literaturmengen?Literatur, in der Vielfalt und Menge wie wir sie kennen, wird erst seit dem 18. Jahrhundert hergestellt. Erst seit dieser Zeit gibt es richtige Romane, Erzählungen, Novellen usw. Vorher gab es nur vereinzelt schriftliche Kultur und ganz wenige Literaten. Vom Anfang des Mittelalters sind in Europa so wenige Textaufzeichnungen überliefert, dass einige Historiker behaupten, die Zeit vom 6. bis zum 9. Jahrhundert sei gefälscht und erfunden worden und hätte überhaupt nie existiert. Ganz sicher wird heute in einem Jahr mehr geschrieben als alle Kulturen des Altertums insgesamt an Literatur produziert haben und das betrifft sicher auch die Qualität der Arbeiten. In den großen Bibliotheken des Mittelalters standen meist nicht mehr als 100 Bücher. Mit dem Internet gibt es jetzt nochmals einen Schub an Literatur, da bisher Verlage und Lektoren für viele Autoren ein unüberwindbares Bollwerk zur Veröffentlichung ihrer Werke waren. Und die Verlage können heute keinen Einfluss mehr auf Veröffentlichungen nehmen, sodass zwar die Qualität mit der Masse sinkt, aber doch eben Literatur veröffentlich wird, bei denen für Verlage keine Wirtschaftlichkeit gegeben ist. Wie misst man die Qualität eines Textes?Die Qualität eines Textes hängt weniger von der Anzahl der Fehler ab, denn Wörter fehlerlos hinschreiben zu können ist etwas völlig anderes, als eine spannende Geschichte zu erzählen und leider wird das immer noch missverstanden. Viel wichtiger für den Erfolg beim Leser ist ein schlüssiger und spannender Handlungsablauf. Schlecht sind auch Stilbrüche und wenn man merkt: hier schwimmt der Autor gewaltig. Die erste Hilfe bei Verletzungen von Orthografie und Grammatik liefert der Lektor, der hier durch sein Eingreifen oft das Schlimmste verhindert. Arbeitest du alleine und einsam in einer Kammer?Allein ja, Kammer ja, einsam nein. Und ich schreibe derzeit in einer herrlich hellen Dachkammer hoch über der Stadt. Der Ausblick über die Dächer der Stadt, hin zu den grünen Hügeln ist ebenso umwerfend, wie der steile Blick in die Fußgängerzone hinunter. Die Sonne scheint oft herein. In meinem Notebook stapeln sich raumlos Nachschlagewerke, Notizbücher, Plots, Halbfertiges, Theoretisches und Vorlagen alter Meister – kein Chaos, die absolute Ordnung. Ich schreibe, wann immer es sich ergibt - also ohne festen Tagesrhythmus. Beim WO lässt mir das Notebook jede Freiheit und grundsätzlich könnte ich überall schreiben – im Stehen und Sitzen ist es mir am Liebsten. Ich schreibe seit Jahren auf einem Notebook, mit dem mir eigenen Fünffingersatz. Aber genau so wichtig wie die Finger auf der Tastatur ist die Hand auf der Maus, mit der sich der Textfluss steuern lässt und mit der sich Texte komponieren lassen. Also Schreibtische sind das nicht in meiner Dachkammer, sondern Arbeitsplätze, wo ich mein Notebook hinstellen kann. Mein liebster Arbeitsplatz ist am Fenster. Das ist ein kleiner Esstisch in der Höhe eines Bartresens mit Barhockern. Da ich direkt in der Fuzo wohne, kann ich von dort oben dann und wann einen Blick hinunterwerfen, um zu sehen was gerade los ist. Der andere Schreibplatz ist ein Stehplatz in der dunkelsten Ecke meiner Dachkammer, damit sich das Sonnenlicht nicht in meinem Monitor spiegelt – so einfach ist das. Und Chaos gibt’s da keines, da ich ja alles auf meinem Notebook habe, was ich brauche und produziere. Ich habe da auch jede Menge Literatur gespeichert: von Otto Julius Bierbaum über Franz Kafka bis zu Sacher-Masoch. Insgesamt etwa 100 MB Literatur, Tendenz steigend. Das entspricht etwa 3.000 Verlagstiteln mit über 60.000 Seiten. Gedruckt ergäbe das mehr als 60.000 Buchseiten, also eine Bibliothek von 300 Büchern auf einem Bücherregal von 45 Metern Länge. So viel könnte ich in meiner Dachkammer kaum vernünftig unterbringen. Außerdem findet man bekanntlich in einem derartigen Volumen an bedruckten Seiten kaum etwas, besonders dann, wenn man so wie ich, dauernd umzieht. Und so hab ich alles, was ich brauche auf einen Mausklick und das nicht nur in meiner Dachkammer sondern auch im Urlaub, im Zug oder was weiß ich nicht wo. Wenn du auf eine einsame Insel drei Homepages mitnehmen könntest, welche wären das?Diese Entscheidung ist für mich einfach: Ich würde auf jeden Fall das Gutenbergprojekt mitnehmen, damit ich genug zu lesen habe. Als zweites wahrscheinlich eine Chatseite, um mich unterhalten zu können. Und drittens hätte ich gern ein Online Magazin, zum Beispiel den Spiegel. Babette Babenham im Interview mit Achim © 2000 Projekt Mediendesigners Nachtwache |
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Ein Literaturgespräch mit Achim Mediendesign für das Internet. Actoid - eigentlich Achim Das Literaturgespräch mit Achim |
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Mediendesign - wie geht das?Eine Website zu gestalten ist eigentlich kein Problem, wenn man die dafür notwendigen technischen Kenntnisse und kreativen Fähigkeiten, gepaart mit ein paar Jahren Erfahrung besitzt. Eine ansprechende Optik, der schnelle Überblick über die Inhalte, lesenswerte und passend aufbereitete Informationen, kurze Ladezeiten - mehr will der gelegentlich vorbeikommende Surfer fürs Erste nicht haben. Diese Wünsche kann man ihm leicht erfüllen. Wie kommt man zum Beruf des Mediendesigners?Mediendesign hat mir von Anfang an Spaß gemacht und schließlich habe ich es zum Erwerbsberuf werden lassen. Besser kann das Leben ja eigentlich nicht laufen, als wenn man für etwas bezahlt wird, was man sowieso gerne tut: Nur immer dem eigenen Impuls folgen, schreibend, gestaltend, kommunizierend. Dadurch teilt sich der Welt ganz automatisch mit, was ich kann und was nicht und wie ich die Dinge sehe. Wenn dann jemand kommt, der etwas Spezielles haben möchte, muss ich nur einen Kostenvoranschlag machen, die Beauftragung abwarten und loslegen. Wo beginnen bei dieser Arbeit die Momente der Unsicherheit?Es gibt allerdings immer Momente der Unsicherheit im Gestaltungsprozess einer Site, die ich niemals "in den Griff" bekomme: da ist einmal der erste Entwurf. Vorher heißt es Material zu sammeln, die Seiten aus dem Umfeld ansehen, heraus zu bekommen versuchen, welche Farbkarte, Formen und Stile dem Auftraggeber zusagen (was gar nicht leicht ist, weil er das selber nicht weiß) und zu versuchen das alles in meinem Kopf miteinender zu verschmelzen und in klare Strukturen zu ordnen. Wie geht man beim Entwurf vor?Als Erstes werden die wichtigsten Textteile übernommen, neu geschrieben oder redigiert. Noch in Word und schön untereinander, gegliedert mit Überschriften verschiedenster Hierarchien. Also ganz ohne Hypertext. Aber irgendwann starre ich dann auf die leere Fläche in der Größe einer Webseite und schiebe ein Logo hin und her oder sonst etwas, was gerade als erster Kristallisationspunkt dienen könnte. Jetzt schalte ich vom "Denken" auf "Fühlen" und "Spüren" um. Auf der leeren Seite tu ich das, was alle Lebewesen überall tun: Leiden meiden und Freude suchen. Genau wie sich anfangs ein neu formulierter Satz holprig anhören, eine neu gestaltete Formulierung unglücklich wirken kann, wie sich ein junger Absatz schmerzlich in die Länge ziehen und unendlich langweilen kann, so sind auch die einzelnen Elemente einer Website - Farben, Raster, Formen, Bilder, Überschriften, Texte bestimmte Perspektiven, die nur dem Gefühl zugänglich sind und durch Intuition ausgeglichen werden können. Wer das weit schweifende Denken nicht einschalten kann, kann nichts gestalten, allenfalls vorhandene Werke mehr schlecht als recht nachahmen. Als letztes Mittel schwebt genau das als Möglichkeit vor dem Gestalter, dem (noch) nichts eingefallen ist - diese Angst geht dem ersten Entwurf jedes Mal voraus, selbst wenn sie einem kaum mehr auffällt, weil man an sie gewöhnt ist wie an das nächtliche Schlagen einer nahen Turmuhr. Gibt es die Angst des Designers vor dem Web?Persönlich erlebe ich diese Angst nicht direkt als Bangigkeit und auch nicht als bedrückend. Stattdessen erscheint es als ein Hinauszögern, als schier endloses Vor-mir-her-Schieben dieser Gestaltungsaufgabe. Ich verzögere etwas, das ich "eigentlich" gerne tue. Irgendwann gleitet diese Phase ihr natürliches oder von meinem Zeitplan verordnetes Ende und es wird konkret: Manchmal brüte ich vor der leeren Seite, verändere lustlos Rasterstrukturen, schiebe unsicher ein Logo hin und her, versuche bedachtsam eine neue Farbpalette, versuche es mit einem anderen Tabellenabstand und probiere eine geänderte Raumaufteilung, teste verschiedene Headlines, dann eine andere... Wie lange kann das dauern?...und wenn so eine einige Stunden vergangen sind, verstehe ich auf einmal die neue Struktur, die sich bildet - ich folge einem Weg zum Ziel, den ich noch nicht kenn, weil sich unbekannte Wege zu entfernten Zielen nie mental erfassen lassen. Jetzt heißt es die Empfindungen und Stimmungen so rasch wie möglich hinzufetzen, dass das Arbeiten nicht vom Fühlen überlagert wird oder sich gar auflöst. Dann geht es an Raster, Formen und Farben: hier fehlt noch eine Farbfläche in einem kräftigen Ton, damit das Andere nicht so alleine auf sich aufmerksam machen kann. Und immer ist links-oben ein Loch, das auf keinen Fall so bleiben kann - jetzt aber sieht schon wieder alles schrecklich bieder aus und schreit nach einer Dissonanz, einem Stilbruch, der ein bisschen Schmerz für den Betrachter ist, der sich dann umso besser in der wohlgeordneten Struktur des Hauptteile erholen kann.... Wie steht es mit der Kreativität?Leider ist die Welt voller Individuen, die entweder zu den geschickten Nachahmern gehören, oder die gar nicht wissen, was sie nicht können und sich deshalb selber oft Zufälligkeiten als "Leistung" anrechnen, nicht bemerkend, dass vieles einfach glücklicher Zufall ist. Im kreativen Prozess muss man nämlich keine große Kraft einsetzen, keine zyklopischen Anstrengungen leisten und nicht intellektuell brillieren, im Gegenteil: man muss sich fallen lassen, alles ausprobieren, was einem so einfällt, nehmen was einem zufällt, nicht verurteilen, einfach nur spielen und fühlen, vorstellen und fühlen, ausprobieren und fühlen, konkretisieren und fühlen. Man muss zum Resonanzboden werden, um das zu verstärken, was die Saite an Schwingungen von sich gibt - die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Und eben immer wieder reagieren, Fehler ausmerzen, jedes (Zwischen-)Ergebnis immer wieder als neuen Impuls erleben, wieder spüren was einem zugetragen wird, wie es sich jetzt gerade anfühlt. In Konzentration die Aufmerksamkeit fokussieren und auf den Resonanzboden bringen und sonst gar nichts. Ist das Ergebnis planbar?Was hier stattfindet, was da befördert wird, ob dabei etwas dabei herauskommt oder doch nicht - letztlich können wir das niemals vorher wissen, es ist uns nicht gegeben das Ergebnis vor dem Ergebnis zu kennen. Während man noch darüber grübelt ob der Auftraggeber das mögen wird, ob der Termin einzuhalten ist, ob nicht all dieses Ausprobieren und Herumspielen lange schon den veranschlagten Zeitrahmen sprengt, drängen sich immer wieder neue Impulse herein, werden da und dort Änderungen angebracht: verschlechtert, verbessert. Und immer wieder die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Aber niemals alles zusammen aus dem Töpfchen zeigen, auch wenn auch jeder der einzelnen Effekte für sich gesehen noch so toll. Niemals Romanik, Gotik, Renaissance, Barock, Rokoko, Jugendstil und Moderne in einem Raum, das macht ihn zur Rumpelkammer. Bescheidenheit nicht Üppigkeit ist angesagt. Keine überflüssigen Dinge horten und alles belastende Zuviel vermeiden. Bei diesem Prozess ist das Einfache nicht einfach und das Schwierige nicht schwer. Einen Projektablauf zu planen oder zwanzig Mitarbeiter zu leiten ist einfacher, als in den eigenen Gestaltungen transparente Ordnung zu erhalten, die nicht nur aus dem Kopf kommt, sondern sich rundum gut anfühlt. Wann ist ein Webauftritt fertig?Nie. Ein Webauftritt ist in Wahrheit niemals fertig. Jeder weiß wie einem zumute ist, wenn man eine interessante Internetsite findet, die seit Jahren im Stich gelassen ist und verkommt wie ein verlassenes Dorf in einer wunderschönen Landschaft. Ein Gefühl der Ohnmacht und Verständnislosigkeit steigt in einem auf. Um eine Site halbwegs aktuell zu halten muss man Texte, Bilder und die Struktur immer wieder pflegen und etwas erneuern. Das Design kann ja bleiben, keiner würde eine alte Kirche immer wieder umbauen. Aber gepflegt muss das Ganze aussehen, sonst wird das schönste Bauwerk zur Ruine und die elegantesten Einrichtungsgegenstände zu Gerümpel. © 2003 Projekt Mediendesigners Nachtwache |
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| Raumplaner im Cyberspace | |
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Ein Literaturgespräch mit Achim Actoid - eigentlich Achim Das Literaturgespräch mit Achim |
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Raumplanung für Texte im Cyberspace - was ist da?Für Entwurf und Ausführung einer Erzählung ist immer die Koordination der Strukturelemente zwischen den Handlungsteilen eines Textes und dem Raum seiner Speicherung notwendig. Es stellt sich die Frage: Wie kann man seinen Text in einen zu gestaltenden Raum einbetten? Jedes Stück Literatur lässt Bilder im Kopf entstehen und die müssen koordiniert, miteinander in Zusammenhänge und in Abläufe gebracht werden. Bei gedruckten Texten beschreitet der Leser den linear vorgezeichneten Weg oder eine willkürlich gestaltete Abfolge des Lesens. Die Leseabfolge kann sich aber auch nach der den Texten innewohnenden Strukturen orientieren – den Prinzipien des Erzählens, der inhaltlichen Darstellung der Parabeln und der dramaturgischen Konfiguration der Handlungsteile. Wie kann man hier das Wort Raum verstehen?Raum ist im allgemeinen Sprachgebrauch etwas, das durch eine Ausdehnung in den drei Dimensionen (Länge, Breite und Höhe) gekennzeichnet ist. In der Astronomie versteht man unter Raum den Weltraum, das ist das Gebiet jenseits der Erdatmosphäre bzw. außerhalb des Sonnensystems. Geometrischer Raum kann nach den Regeln der euklidischen Geometrie vermessen werden, die mit unseren Alltags-Erfahrungen und mit den Ergebnissen aller praktisch auszuführenden Entfernungs- oder Längenmessungen übereinstimmen. Der Textraum und die literarische Architektur entstehen durch die lineare Abfolge von Texteinheiten. Dazu kommen Verzweigungen, an denen durch die Entscheidung des Lesers entweder geradeaus Weiterlesen oder zu einer anderen Textstelle verzweigen kann. Eine andere Möglichkeit ist die Anordnung der Knoten in der Ebene der Bildfläche. Und was ist dann Raumplanung?Raumplanung ist die zusammenfassende Bezeichnung einerseits für die Schreib- und Textplanung und andererseits für den Einbau an Orientierungshilfen für den Leser. Raumplanung soll ein literarisches Werk ordnen und leserbezogen gestalten. Für den Entwurf eines Textes ist die Integration zwischen Handlungsteilen und Raum zu planen. Wie kann man einen Text in Raum und Zeit gliedern? Jeder Text lässt Bilder im Kopf entstehen, die dann weitergeführt, unterbrochen, wieder aufgenommen, beendet werden. Textplanung, die Planung der Erschließung und der räumlichen Gestaltung von Inhalten bzw. Textteilen unter Einbeziehung technischer, soziologischer und politischer Faktoren. Lange Zeit beschränkte sich Textplanung vor allem auf die Erstellung von Bestimmungen der literarischen Gestaltung eines Textes, unter der Vorgabe einfachster technischen Kriterien, ein Buch entspricht. Seit etwa dem Ende des 20. Jahrhunderts weitete sich das Betätigungsfeld der Textplanung auf die umfassende Steuerung nicht nur des literarischen, sondern auch des räumlichen und technischen Umfeldes aus. Charakteristische Bestandteile einer modernen Textplanung sind:
Textplanung geht seit den späten 80er Jahren im Idealfall über die bloße literarische Planung weit hinaus. Moderne Textplanung ist ein fortlaufender Prozess, der nicht nur den literarischen Entwurf, sondern auch Probleme der Erschließung des Textes durch den Leser mit einbezieht. Als ein Gefüge sozialer Organisationen ist ein Text von komplexer Struktur. Auf der einen Ebene besteht diese Struktur aus einer Anordnung von Wörtern und Aussagen nach Maßstäben der Ästhetik und der Zweckmäßigkeit und eingebunden in eine sprachliche Infrastruktur. Auf einer zweiten, vielleicht wichtigeren Ebene umfasst sie auch den sozialen Hintergrund, die Ausbildung, die berufliche Arbeit und die Erwartungen der Leser, sowie die verfügbare Technik zur Darstellung und Verbreitung dieser Texte. Sämtlichen professionellen, literarischen Aktivitäten liegt ein Gesamtplan zugrunde, der an einem Zielkonzept ausgerichtet ist. In ihm ist allen technischen, erzählerischen und darstellerischen Besonderheiten Rechnung zu tragen. Wie war das denn früher?Früher gab es die Strukturplanung von Flachtexten mit Orientierungshilfen für die textuellen Einheiten mit Seitengestaltung wie Satzspiegel, Einzug und Blocksatz. Außerdem Kapitel, Absatz, Satz, Überschriften und Indizes. Texte und Erzählungen waren Jahrhunderte lang nur in Form von Flachtexten möglich. Um die Flachtexte zu strukturieren gibt es nur bescheidene Möglichkeiten, die den Lesefluss immer wieder unterbrechen. Die Strukturplanung von Flachtexten erfolgt seit alters her über Indizes verschiedener Art. Raumplanung im Flachtext, z.B. im linearen Text eines gedruckten Buches, wird durch bewährte Methoden unterstützt. Was muss heute die Typographie leisten?Die Typographie ist die allgemeine Umsetzung von Sprache bzw. Texten in die Schriftform. Das ästhetisch Kreative und Künstlerische der Umsetzung von Sprache in die Schriftform ist deren Verschriftung und die Nutzung von Kombinationen mit Bildern, Musik und anderen Künsten. Unter anderem ist es das Layout, die Strukturierung und die Gesamtanordnung der Schrift auf dem Informationsträger – früher auf Papier, heute als Hypertext. Indizierung mit Querverweisen und statischen Indizes wie Inhaltsverzeichnis und Stichwortverzeichnis zur Strukturierung des linearen Lesepfades eines Flachtextes, der vom Ausgangspunkt zum Ziel führt. Die Raumkoordinierung mit Indizes liefert eine statische Darbietung des Textes. Grafik dient der Aufbereitung der Flachtexte für die ästhetische und orientierungsorientierte Gliederung. Das harmonischen Regelwerk zu Gestaltung der Räume ist ein uralter Traum der Architekten und Künstler, der sich bis in die Antike zurückverfolgen lässt. Die Renaissance versucht sich mit der Adaption von musikalischen Intervallen (Oktave = 1:2, Quarte = 3:4 etc.) als ästhetische Basisstruktur und ein Regelwerk auf der Grundlage des goldenen Schnitts und der Fibonacci-Zahlen. Wie erfolgt die Raumplanung von Texten?Das Alles, was bei statischen Repräsentationen von Flachtexten existiert, gibt's bei Hypertext auch und noch viel mehr, da diese Textform erlaubt, eine Netzstruktur im Text zu implementieren. Es kann ein Netzwerk direkt in den Text eingebaut werden und der Text über ein topografisches Konzept strukturiert werden. Der Leser ist viel aktiver am Text selbst beteiligt, durch seine Möglichkeiten, den Ablauf des Lesevorgangs ganz anders zu gestalten, als das der Leser eines linearen Textes vermag. Gerade für Leser, die sonst mehrere lineare Texte sequentiell lesen, ist die Räumlichkeit des Hypertextes eine Herausforderung. Abstecher, Umwege, Abkürzungen, Schleifen, Rekursionen, Abschweifungen und Verzweigungen sind ganz einfach bereits Teil der Hypertextstruktur. Das alles wird realisiert über Knoten im Text, die jene Stellen markieren, an denen der Leser zu anderen textuellen Einheiten weitergeleitet wird. Der auch im Hypertext an sich lineare Text wird erst durch den Prozess des Lesens geformt und mit ihm der Ablauf der Handlung und deren Darbietung gebildet. Viele kleinere Texteinheiten, die der Autor anbietet, werden erst durch den Leser zu einer der unzählbar vielen möglichen Textfassungen implementiert. Die Raumplanung liefert die Basis dafür. Der Weg von einem Knoten zum nächsten und die Kombination von Elementen beruht ausschließlich auf der Selektion durch den Leser. Durch die Leseentscheidung am Knoten werden die an sich linearen Einheiten zu einer räumlichen, vernetzten Konfiguration von Textteilen. Die Raumkoordinierung mit Knoten liefert eine dynamische Darbietung des Textes für den Leser. Die Orientierung in Hypertexten basiert eher auf Prinzipien wie die Orientierung in fremden Städten, großen Gebäuden, das Lesen von Landkarten oder von Partituren und weicht erheblich vom sequentiellen Lesen von Büchern ab. Und die literarischen Räume?Literarische Geflechte sind rhizomartig strukturiert und bestehen letztendlich aus vielen einzelnen Strängen, die an Knoten enden. Jedes dieser Textgeflechte entspricht mathematisch einem Graphen. Die Elemente des Textes sind Knoten und Stränge die einen literarischen Raum bilden. Literarische Knoten sind Verzweigungspunkte irgendwo im linearen Text, die es dem Leser erlauben mit dem einen oder anderen Strang fortzusetzen. Diesen Knoten können die Anfangs- bzw. Endpunkte der Stränge zugeordnet werden. Literarische Stränge realisieren den linearen Textfluss, der sich für den Leser wie der Textteil in einem Buch erschleißt. Texte zwischen Knoten werden hier Stränge genannt. Stränge sind jene Elemente, die Knoten miteinander verbinden. Literarische Pfade sind Abfolgen von literarischen Strängen, so wie sie der Leser abarbeitet. Dadurch entstehen je nach persönlicher Entscheidung unterschiedlich strukturierte und rein persönliche Adaptionen ein und desselben Werkes. Literarische Räume werden von diesen rhizomartigen Textgeflechten gebildet, verwirklicht in Hypertext und Internet. Diese Räume unterscheiden sich in vielem von den Räumen, in denen Kunst und Literatur sich bisher formuliert und formiert haben. Literarische Achsen von Handlungsteilen – die parallel ablaufen, detaillieren, erklären, aufeinander folgen – spielen im literarischen Raum eine große Rolle. Literarische Achsen koordinieren Raum und Zeit der Handlung und darüber hinaus auch noch die Handlung selbst. Und so bieten sich diese Achsen als Orientierungslinien durch das literarische Werk an. Diese literarischen Achsen spannen den Raum auf, in dem die Erzählungen eingebettet sind und sie können die einzelnen Handlungsteile gleichermaßen miteinander verbinden wie voneinander abgrenzen. Was nun: Buch oder Hypertext?Es ist ein Jammer, dass sich nur eine verschwindende Anzahl von arrivierten Schriftstellern mit dem Thema Hypertext beschäftigt und die Mehrheit immer noch mit den gleichen traditionellen Methoden Literatur in schriftliche Form bringt - nämlich mit der Schreibmaschine oder dem Computer, der einfach die altertümliche Schreibmaschine ersetzt und nicht mehr. An der Schwelle einer historischen Wende der Technologie für die schreibende Zunft zu stehen und die Möglichkeiten nicht zu nutzen ist ganz einfach Zukunftsverweigerung. Ein gutes Beispiel für das Gegenteil: Eines Tages war Insidern des Musikkommerzes klar geworden, dass praktisch nur Musikaufzeichnungen Zukunftschancen haben, die digital aufgenommen sind. In hohem Alter hat sich Karajan in einem unglaublichen Kraftakt entschieden, sein gesamtes Werk als Dirigent noch einmal aufzunehmen - eben digital. Gegnerschaft, Ablehnung oder Verdrängung helfen nicht gegen neue Technologien oder Erkenntnisse. Die sind eben nicht mehr wegzukriegen und man sollte deren Nutzung nicht der nächsten Generation überlassen. Nur Anfassen und Mitmachen hilft und rettet auch vor Vergessenheit und Ältlichkeit der Werke, die geschaffen werden. © 2002 Projekt Mediendesigners Nachtwache |
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| Die Kunst des lebenslangen Lernens | |
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Ein Literaturgespräch mit Achim Actoid - eigentlich Achim Das Literaturgespräch mit Achim |
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Was halten Sie eigentlich vom Begriff des Lebenslangen Lernens?Einerseits wird ständig betont, dass Lebenslanges Lernen so wichtig sei. Doch beim Menschen muss ein natürliches Interesse am Lernen da sein, sonst bringt diese Forerung überhaupt nichts. Herr
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| Die Zeit als Lebenselixier | |
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Ein Literaturgespräch mit Achim Das Literaturgespräch mit Achim |
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Es werden tausende Kurse über Zeitmanagement angeboten, was ist die Basis dafür?Zeitmanagement ist das systematische und disziplinierte Planen der Zeit. Zeit läuft einfach unaufhaltsam ab, trotzdem lässt sie sich nutzen und planen. Der Zweck des Zeitmanagement ist es, mehr Zeit für die wichtigen Dinge in Beruf und Privatleben zu haben. Man kann durch die gezielte Zeitplanung täglich erstaunlich viel an Lebensqualität dazu gewinnen. Durch durchdachtes Zeitmanagement gewinnt man Zeit, die frei genutzt werden kann. Es geht dabei aber nicht darum noch mehr Zeit für Arbeit freizuschaufeln, so dass man in 12 Stunden, die man täglich arbeitet, die Arbeit von 15 Stunden hineinquetschen kann. Vielmehr kann man sich mehr Freiraum zur Erholung, für neue Erlebnisfelder schaffen, um neue Energie tanken zu können, neue oder alte Hobbys oder andere Vorhaben verwirklichen zu können, die einem persönlich wichtig sind. So lässt sich insgesamt ein ausgeglicheneres und damit glücklicheres Leben führen. Der Tag hat immer 24 Stunden und neue Zeit lässt sich ja nicht anfertigen?Sie können die wesentlichen Dinge in weniger Zeit erledigen, das ist der Trick. Zeitmanagement hilft aber nicht nur dabei, Zeit zu gewinnen, sondern es unterstützt einen auch dabei, die wirklich wesentlichen Dinge rasch zu erledigen. Dadurch kann unnützer Stress vermieden werden, was einen erfolgreicher und zufriedener macht. Ein systematisches Zeitmanagement bringt letztlich weniger Arbeit mit den selben Aufgaben als vorher, weil man durch die konsequente Ausrichtung auf das Wesentliche immer die wichtigen Dinge im Blick behält. So können schon im Vorfeld Probleme und mögliche Krisenherde erkannt werden. Im Anfangsstadium lassen sich schwierige Situationen meist mit sehr viel weniger Aufwand lösen, als wenn diese durch unnötige Zeitverzögerung zu Problemen ausufern. Haben Sie einen Tipp, wie man sich entschleunigen kann?Die Entschleunigung ist im Berufsleben nur schwer möglich. Dort wird ja ständig Erfolg, Sicherheit, Schnelligkeit, Anpassung, Frustrationstoleranz verlangt. Viele haben nicht einmal die Zeit sich Verfahren anzueignen, um Zeit sparen zu lernen. Man kann dadurch, dass man etwas bewusst langsamer macht, insgesamt effektiver werden. Sicherheit versus Schnelligkeit und Erfolg versus Frustrationstoleranz sind Gegensätze, die es zu verbinden gilt. Wenn man keine Pausen macht, macht man mehr Fehler. Sich während eines Tages mehr Freiräume zu schaffen ist die Gegenstrategie. Man muss sich einen Raum der Stille schaffen, sich einfach mal bewusst vom Reden in die Stille zurückzuziehen und wieder mehr in die Balance zu kommen. Als Einzelner ist man damit in Organisationen meist oft auf verlorenem Posten, aber man kann es immer wieder versuchen und anregen oder auch selbst vorleben. Was kann man gegen Zeitknappheit tun?Abhilfe gegen Zeitknappheit ist ein adäquates Informationsmanagement und damit auch ein abgestimmtes Zeitmanagement. Ich habe dem Problem ein Kapitel in meinem Abschnitt über Ergonomie der Information gewidmet. Wollen alle wirklich mehr Zeit?Menschen, die ständig zu wenig Zeit haben, wirken wichtig und werden in unserer Gesellschaft entsprechend gewürdigt. Deswegen wehren sich viele Menschen - vielleicht auch unbewusst - gegen das Zeitmanagement. Dann hätten sie plötzlich mehr Zeit und wären dadurch in ihren eigenen Augen nicht mehr so wichtig. Anderen Menschen wiederum bereitet die Aussicht Unbehagen, tatsächlich mehr Zeit für sich selbst zu haben. Wir sind es oft schon gar nicht mehr gewohnt, Zeit für uns selbst zu haben. Bevor man sich ernsthaft mit Zeitmanagement beschäftigt, sollte man die bewusste Entscheidung treffen, ob man wirklich mehr Zeit haben will. Ansonsten könnte es ein, dass man sich selbst boykottiert. Und dann helfen alle Zeitspartechniken nichts. Wie zeigt sich die Ablehnung?Die Ablehnung zeigt sich meist dadurch, dass die Betroffenen zu verstehen geben, dass sie einfach für das Erlernen der Zeitspartechniken nicht genug Zeit hätten. Sie lehnen diese Investition in die Zeit dadurch rundweg ab, indem sie alle Ansätze im Keim ersticken. Zeit ist das wahrscheinlich wichtigste Lebenselixier und man kann mehr davon bekommen, wenn man den Konsum plant und weniger davon verschenkt. Zeit wird oft völlig unnütz und in großen Mengen in Aufgaben investiert, die es nicht lohnen. Gibt es die optimale Geschwindigkeit?Man kann viel Zeit gewinnen, wenn man etwas nicht zu schnell vollenden will oder zu lange zögert. Es gilt den Zeitbedarf für eine bestimmte Aufgabe richtig einzuplanen. Ein Marathonläufer z.B. könnte in der Anfangsphase schneller laufen, dann würde seine Kondition jedoch zu früh einbrechen und er könnte insgesamt nicht seine beste Gesamtleistung erzielen. Der Marathonlauf verlangt die Gleichförmigkeit, ganz anders beim Abfahrtslauf, wo es gilt die Geschwindigkeit den Kurven und Steilstücken variabel anzupassen. Der Erfolg hängt also davon ab, dass man die Ressourcen richtig einsetzt?Klar: man muss immer mit seinen Ressourcen haushalten und die Zeit ist eine der wichtigsten Ressourcen überhaupt. Zeit läuft zwar für jeden in gleicher Weise ab und jeder hat pro Jahr das gleiche Zeitkonto, nur was man mit oder aus der Zeit macht, das ist für jeden unterschiedlich. Das gleiche Schema gilt auch für den Geldeinsatz, der eine kann wirtschaften und erreicht min minimalem Einsatz ein optimales Ergebnis. Bei andren wiederum verpuffen große Geldmengen im Nichts und bringen keinerlei vernünftige Ergebnisse. Geldvernichtung und Zeitvernichtung sind Todsünden gegen das Leben. Zeitmanagement, geht so was überhaupt?Zeitmanagement ist vor allem Informationsmanagement und eine wirksame Waffe gegen die allgegenwärtige Informationsverschmutzung. Jeder kann die Regeln befolgen und daraus Zeit und klarere Informationen aus dem Dargebotenem gewinnen. Sämtliche Zeitmanagementkurse basieren auf einem zentralen Grundsatz: Prioritäten setzen und den Grossteil der Zeit für Aufgaben einsetzen, die für das Erreichen der Ziele unabdingbar sind. Daher gilt es Unterbrechungen zu reduzieren um große Zeitblöcke für produktive und kreative Aktivitäten einsetzen zu können. Einzelpersonen oder Organisationen können ihren Anteil leisten, um einerseits mit der existierenden Informationsverschmutzung fertig zu werden und andererseits selbst weniger Schmutz zu erzeugen. Wenn wir jetzt handeln, können wir es unter Kontrolle kriegen. Leider stiften die Informationssysteme oft zu einem gegenteiligen Vorgehen an, strukturieren einen von Unterbrechungen getriebenen Arbeitstag und reduzieren dadurch die Produktivität. Was hat Informationsverschmutzung mit Zeitmanagement zu tun?Verdreckte Informationen stehlen einem wertvolle Zeit, dann man muss in dem ganzen Dreck nach Inhalten suchen, um festzustellen, ob etwas Brauchbares dabei ist. Informationsverschmutzung entsteht durch Informationen, die so aufdringlich und schädlich sind, dass sie unsere Umwelt zerstören. Damit meine ich die Umwelt des Wissens und der Psyche. Man kann sie als allgemeine Umweltverschmutzung einstufen. Ein einziger qualmender Schlot ist noch keine Katastrophe, aber tausende von Fabriken, die Rauch ausstoßen, verschmutzen die Natur und rufen Krankheitszustände hervor. Mit der Information ist es das Gleiche, wenn es ein einziger ist, der Tausende von E-Mails verschickt, ist das kein Problem. Auch nicht, wenn sich nur auf einer einzigen Website Fehlinformationen über ein bestimmtes Thema finden. Aber wenn das tausendfach geschieht, wird es zum Problem und macht die Benutzung ärgerlich, sodass sich die Nutzer abwenden. Aber es gibt auch außerhalb des Interner Informationsverschmutzung...Sicher, aber das Internet ist am stärksten davon betroffen, weil es praktisch aus reiner Information besteht. Mit wenigen Klicks kann man brauchbare oder wertlose Informationen online stellen oder als E-Mail an Tausende von Leuten verschicken. An Informationsverschmutzung leiden aber auch Bedienungsanleitungen von elektronischen Geräten. Erst einmal gilt es die richtige Sprache in der mehrsprachigen Bedienungsanleitung zu finden. Dann müssen die wichtigen Hinweise aus zig unwichtigen Warnungen herausgesucht werden. Man braucht für das Aussortieren der Verschmutzung immer Zeit und die Wahrscheinlichkeit, dass man findet, wonach man tatsächlich sucht, ist gering, weil sie unnütze Informationen verdecken. Warum hält der Philosoph Joseph Weizenbaum das Internet für einen riesigen Müllhaufen?Joseph Weizenbaum ist eben kein Philosoph, sondern ein Informatik-Querkopf und setzt seit Jahrzehnten spitze Statements ab, meist um auf seine eigene Person aufmerksam zu machen. Es gibt im Internet selbstverständlich wesentlich mehr Information als Desinformation, sonst würde sich niemand für das Web interessieren. Gerade aus diesem Grund ist der Begriff der Umweltverschmutzung eine gute Analogie. Die Antwort auf die Umweltverschmutzung ist ja nicht, dass alle Produktionsstätten geschlossen werden und die Menschheit auf die Technik verzichtet, sondern es gilt die Produktionsprozesse sauberer zu machen. Die richtige Antwort auf die Informationsverschmutzung ist daher auch die Reinigung von Internet, der E-Mails und der Bedienungsanleitungen. Was kann man selbst zum Zeitmanagement beitragen?Zeitmanagement ist immer auch Selbstmanagement. Man kann selbst eine ganze Menge gegen den Zeitdiebstahl durch Informationsverschmutzung tun und das Zauberwort heißt Informationsmanagement.
Entsorgung und Mülltrennung auch im Web?Wie man seinen Schreibtisch oder seine Wohnung aufräumen sollte, sollte man auch mit den Sites im Web verfahren. Es gibt veraltete, unwichtige, schlechte und tote Sites, die wie Spinnweben in einem Haus hängen. Bis jetzt haben wir keine brauchbare Methode, um auszumisten. Man bedenke: Das Internet ist jetzt zehn Jahre alt. In weiteren 10 Jahren wird viel mehr als doppelt so viel Dreck im Netz sein. Eines der Ergebnisse dieser Entwicklung ist der Zeitdiebstahl in Form der Nutzung der Ressourcen des Netzes. In einer begrenzten Welt kann es allerdings kein unbegrenztes Wachstum geben, auch nicht beim Müll. Jeder kann nur seinen eigenen Müll entsorgen und jeder sollte alte Websites auch wieder aus dem Web nehmen. Gibt es Menschen, die wegen Informationsverschmutzung unter Angst und Stress leiden?Es gibt Menschen die heftig reagieren und wegen der Informationsverschmutzung unter Angstzuständen, Stress, Gedächtnisverlust leiden. Sie fühlen sich durch Informationsmüll und die dadurch verlorene Zeit auf einer persönlichen Ebene berührt. Menschen schenken den E-Mails viel Aufmerksamkeit, denn die elektronische Post könnte wichtige oder unangenehme Informationen vom Chef, Geschäftspartnern oder den Familienangehörigen enthalten. Viele Menschen fühlen sich auch durch aggressive Spam-Mails persönlich beleidigt. Jemand Fremder tritt ihnen unangenehm zu nahe, so als würde Staub und Dreck aus Industrieanlagen in ihren Garten gespült, fühlen sie sich auch durch die Umweltverschmutzung aus dem Internet persönlich betroffen. Der Dreck trifft sie direkt im Gesicht und das löst Ängste und Stress aus. Gibt es Strategien gegen Zeitbetrug und Zeitdiebstahl?Nicht alle Zeitbetrüger haben dasselbe Gewicht. Manche sind vernachlässigbar und man kann sie einfach hinnehmen, andere sind gewaltig und müssen aktiv bekämpft werden. Oft merkt man erst nach vielen Jahren, dass man um seine Zeit betrogen wurde. Und Reue nützt das nichts mehr. Erst einmal ist wichtig, die Zeitdiebe und das Ausmaß des Zeitdiebstahls zu identifizieren und sie zu enttarnen. Dazu ist die systematische Beachtung der Dimension Zeit notwendig und die Bereinigung der Belegung der eigenen Zeitachse. Einfaches Nachdenken über den Zeitverbrauch kann uns vor dem Zeitbetrug bewahren. Zeitbetrug kann oft nur mit egoistischem und vielleicht unhöflichem Verhalten bekämpft werden. Es heißt, öfter nein zu sagen. Nein zum Griff in die eigene Zeittasche, nein zu dem, der etwas bei mir abladen will, was mich gar nichts angeht, nein zu den Zeitschmarotzern und Zeitschnorrern, die ihre Zeit auf meine Kosten leben wollen und nein zu denen, die vorgeben mit mir zu kooperieren, die aber nur meine Zeit über den Tisch ziehen wollen. Der Einsatz von Zeit lohnt sich bei denen, die ihren Gegenwert geben oder das zumindest versuchen. Denn nur so können fruchtbare Kooperationen entstehen, mit denen man Zeit gewinnen oder positiv ausfüllen kann. Die Zeit ist ein Lebenselixier, das von jedem Einzelnen nach seinen höchst persönlichen Erfordernissen genutzt werden sollte. © 2004 Projekt Mediendesigners Nachtwache |
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