Physikalisch entspricht das Motorrad weder einem Reittier noch einem Auto, sondern am ehesten dem Lauf des Menschen oder dem Schifahren.

 
      Der Fußgänger oder Läufer verhindert durch den abwechselnden Einsatz seiner Beine den Sturz nach vorne.
    Der alpine Schiläufer bewältigen Piste oder Tiefschnee ausschließlich durch die Gewichtsverlagerung seines Körpers und durch den Grip von Schi und Stöcken als Gegenkraft. Das gilt vermehrt für den Parallelschwung, bei dem die beiden Schi eine bedingte Einheit bilden. Noch elementarer wird diese Bewegungsmethode beim Snowboard fahren ausgeführt, bei dem nur ein Schi ohne Stöcke allein durch Gewichtsverlagerung durch den Schnee gelenkt wird. Diese Technik funktioniert wie beim Motorrad aber nur bei bestimmter Geschwindigkeiten, nicht beim Stillstand.

 

 

   

 

Der Motorradfahrer muss ständig zentrifugale und zentripetale Kräfte in Einklang bringen, will er nicht auf die Seite umkippen. Schon in der Antike manifestierte sich die erstaunliche Erfahrung, dass man auf dem Rücken eines schnellen Pferdes die Einschränkungen menschlicher Physis hinter sich lassen kann.
   

Die Fahrt auf einem Motorrad ist lustvoll, trügerisch, widersprüchlich und beansprucht wird dabei die gesamte Palette aller fünf Sinne der Sensorik des Fahrers:

 
      1. das Gesicht: Der Blick führt das Motorrad, es heißt mit den Augen zu zielen, denn der Blick lenkt die Maschine. Dort wo man das Gesicht hinhält, dort fährt man auch hin. Im Gehirn läuft alles auf dieses anvisierte Ziel hinaus, es steuert wie automatisch den Körper, der sicher die mit ihm verbundene Maschine führt.

2. das Gehör: Ein ganz wesentliches Merkmal der einzelnen Motorräder ist ihr Motorgeräusch. Motorradhersteller beschäftigen Akustikdesigner, um das richtige Dröhnen des Motors zu erreichen.

3. das Gespür: Man hat eine Maschine zwischen den Beinen, die mit verschiedenen Frequenzen vibriert, hin und wieder einen Satz nach vor macht und selbst die kleinste Körperbewegung hat große Wirkung auf sie. Alleine schon, wenn man den Kopf zu ruckartig bewegt, kann dadurch das Gefährt aus der Fahrlinie kommen.

4. der Geruch: Benzin, heißes Öl, Leder und vor allem die Gerüche der durchfahrenen Natur stimulieren den Geist.

5. der Geschmack: Alleine die Geschmackspapillen werden während der Fahrt geschont, dafür gibt es dann in den Pausen Cappuccino, Kaiserschmarrn mit Zwetschkenröster, Wiener Schnitzel mit gemischtem Salat oder was sonst noch Cafés und Gasthäuser für die fahrende Zunft bereithalten.

   

Außer Lederkombi und einigen darin versenkten Protektoren ist beim Fahren nichts zwischen dir und dem Rest der Welt. Kein blecherner Behälter schützt dich vor Wind und Wetter und fremdem Metall. Die Lederkombi ist gleichsam das Zwischenglied zwischen dem Körper und einem Hindernis, ist weitgehend der Körperform angepasst, ähnlich einer Ritterrüstung, doch sorgt er in einem viel höherem Ausmaß für die Konditionierung der Körperwärme, stellt somit die Minimalformulierung der physischen Schutzkomponente dar. Gleichzeitig ist die Lederkombi der großartige Beweis für den Schutz des menschlichen Körpers vor Kräften für die er nicht gebaut ist.

 
       
   
   

Mit dem Tod zu flirten wird Motorradfahrern immer wieder nachgesagt. Für manche sind sie ganz einfach nur mobile Organspender. Wahr ist, dass der Anteil tödlicher Unfälle bei Motorrädern höher ist als bei anderen Fahrzeugen, dennoch überzeugt der Vorwurf nicht. Motorradfahrer nehmen einen gewissen Abstand vom Alltäglichen und kehren einem guten Teil des Lebens somit zeitweilig den Rücken, aber das geschieht sicher nicht, um ein Tänzchen mit dem Tod zu wagen, sondern vielmehr, um unbeschwert durch den Raum zu gleiten und um seinem eigenen Blick zu folgen. Nach wenigen Stunden Fahrt durchs Land hat man das Gefühl, dass man mehr hinter sich gelassen hast als Städte und Dörfer, durch die man gekommen ist. Hinter einem liegen bestimmte vertraute Zwänge vor einem die Freiheit. Man fühlt sich weniger erdenschwer als am Beginn der Reise.

 
      Die Anzahl der Motorrad-Toten nimmt trotz steigender Zulassungen derzeit (zumindest in Österreich) jährlich um 10 Prozent ab und überlegte Motorradfahrer leben nicht wirklich gefährlicher als Dosenfahrer. Obwohl die Dosen immer mehr Sicherheitselemente aufweisen und mit allen ihren Sicherheitsgurten, Überrollbügel. Aufprall-, Seiten- und Rahmen-Airbags durchaus als Sicherheitsdosen gewertet werden können, nehmen die tödlichen Dosen-Unfälle nur wenig ab.
    Die Anzahl der unschuldig durch Dosen getöteten Nichtlenker wie Beifahrer und Fußgänger bleibt überhaupt gleich und ist drei Mal so hoch wie die zu Tode gekommenen Motorradfahrer.  
     

Andere Fahrzeuge mögen in der Tat ebenso schnell oder schneller sein als ein Motorrad. Aber ein Jet oder ein hoch frisiertes Auto werden nicht direkt von einem Körper gesteuert, sind mit keinem Körper so eng verbunden und sie lassen den Körper nie so ungeschützt wie das Motorrad. Daher rührt das Gefühl, dass die Maschine so unmittelbar anspricht wie eines der Glieder - allerdings ohne dass die eigenen physischen Kräfte im Spiel wären. Diese mühelose Unmittelbarkeit beschert ein reines Gefühl der Freiheit.

   

Die Anzeige auf dem Tacho ist oft nicht von Wichtigkeit, denn die Schnelligkeit die wirklich zählt, ist die zwischen zwei Handlungen, oft ein Reflex, und ihrer Auswirkung. Die Geschwindigkeit betrifft auch das Hineinlegen bei der Kurvenfahrt, das Bremsen und das Beschleunigen.

 
     

Es ist die Freiheit zwischen einem selbst und dem Raum und nicht der sowieso selbstverständliche Gewinn Motorrad gegen Auto beim Ampelstart. Die wahre Freiheit hat mit der Erreichung von Zielen zu tun, sowohl im Raum als auch die im Herzen. Und es sind deine Augen, mit denen man auf dem Motorrad zuerst in den Raum hinein zielt. Wenn man hier ausweichen und dort hinkommen will, muss man dorthin blicken, seine Augen dorthin richten und Fahrer und Motorrad werden folgen. Im Grunde lenken die Arme und der Körper, indem die Augen auf etwas geheftet sind auf das man Ziel zufährt . Und wenn man auf etwas starrt, dem man ausweichen möchte, wird man es zielsicher treffen. Man fährt, wohin man das Gesicht hält. Der "fester Blick" leitet das Motorrad, aber es ist auch, der an dort hinzerrt, was man anvisiert hat, als ziehe es das Motorrad an. Bei längeren Fahrten spürt man, dass auch die Distanz eine Anziehungskraft ausübt und lockt.

       
   
   

Luft und Wind betasten und rütteln dich während der Fahrt und der Regen klatscht auf deine dünne Schutzhülle während du den Raum durchmisst. Du gleitest dreidimensional durch den Raum und du hältst Kontakt zur Erde. Du registriert all die möglichen Veränderungen des grauen Bandes auf dem du fährst:

 
      Du siehst ob der Belag griffig oder glatt ist, nass oder trocken, wo Spurrillen eingefräst sind, wo Schlamm ist und wo Schotter liegen geblieben sind, wo die Fahrbahn mit weißer Farbe rutschig gemacht wurde, wo im Belag eingelassene Eisendeckel das Hinterrad zum Rutschen bringen könnten - kaum später spürst du die Bodenhaftung der Reifen, deren Verbindung auf den wechselnden Belägen und du fährst deine Kurven.
    Kurven schaffen eine Intimität anderer Art, denn wenn du in eine Kurve legst, hält sie dich in ihrem Arm, ebenso wie der Hügel dich in den Himmel trägt und das Tal dich empfängt. Du liegst im weiten Arm der Natur, durch den du die Maschine mit deinem Körper steuerst.  
      Mit dem Motorrad anzukommen ist anders als mit dem Auto, dem Zug oder dem Flugzeug. Mit einem Motorrad kann man an irgendeinem Punkt anhalten, und dieses Irgendwo wird zum Ankunftsort. Man stellt den Motor ab, nimmt den Helm ab, streckt sich und ordnet die Haare, und dann geht man ein paar Schritte die Straße entlang, in einen Wald, in ein Café oder ein Einkaufszentrum. Nichts Spektakuläres oder Pittoreskes, aber durch den Halt ist der den Ort zu etwas Besonderem und Persönlichem geworden.
   

Der Halt mit dem Motorrad hat nichts mehr zu tun mit all den anderen, denen er so ähnlich ist. Einerseits kommt einem der Ort vertraut vor, denn er liegt an einem Feld, einem Café oder an einem Shopping-Center oder ein dörflicher Winkel wie tausend andere, die man bereits gesehen hat. Man hat direkt vor sich, was man anvisiert hat.

 
      Ein Motorrad ist zum Fahren da, es wäre geradezu absurd es irgendwo stehen zu lassen. Die Welt muss befahren werden am Besten in langen, ausgiebigen, erschöpfenden Überlandfahrten, einem Ort zum nächsten Gehöft, von einem Wäldchen zur nächsten Kleinstadt. Beim Fahren verfließen Punkte zu Linien und lösen sich dann wie im Nichts auf, sobald man sie hinter sich gelassen hat.
   

Dem Ort entrissen, funktioniert das Motorrad als Projektor, es zeigt Bilder im Vorbeihuschen, die uns von einer Realität in die nächste befördern. So gesehen, wird die Welt durch das Motorrad zu einem Kontinuum von Übergängen und die Welt verschwindet in jedem Augenblick und entsteht wieder neu. Der mit dem Motorradfahren verbundene Freiheitsgedanke fußt auf dem durch Zweck befreiten Fahren. Man fährt nicht deshalb, um von einem Ort zum anderen zu gelangen, sondern um des Fahren willens, um der Schwerkraft der Verhältnisse des Alltags zu entfliehen. Während man mehr oder weniger unbequem auf dem Motorrad sitzt, rast man mit mehr eine Strecke entlang. Man bleibt mit der Maschine eins und befindet sich somit im Zustand des rasenden Stillstands.

 
      Das Erlebnis des Fahrens erinnert an ein Musikvideo, wo das Tempo durch Schwindel erregende Schnitte, durch das Aneinanderreihen von oft willkürlichen Einstellungen auf die Spitze getrieben wird. Und das Einmalige bleibt fremd.
    Junge Fahrer setzen sich ein Ziel und heizen die Strecke ab. Erfahrene Fahrer wählen nur die Richtung und genießen die Fahrt.  
     

Zugvögel überqueren Tausende von Kilometern auf dem Ozean, fliegen von einem Kontinent zum anderen, um zu demselben Loch unter der Traufe desselben Gebäudes zu gelangen, das sie sechs Monate zuvor verlassen haben. Keiner weiß genau wie sie sich orientieren, doch wenn sie ankommen, sind sie sicher, dass sie dort sind, wo sie hingehören, sogar die Jungvögel, die den Zug nie zuvor mitgemacht hatten. Auch wenn man das Motorrad abstellt, ist man angekommen, man befindet sich vor etwas Einmaligem. Kein Vergleich mit dem Öffnen einer Autotür oder dem Aussteigen aus dem Zug in einem fremden Bahnhof.

   

Wenn man von seinem Motorrad steigt und einige Schritte geht, um eine Landschaft zu genießen oder einen Wasserfall anzusehen, überfällt einen der Eindruck, dass man lebendig ist und dass die Welt überraschend neu erschaffen worden ist. Und diese Nachricht registrierst man, weil man eine schwache, aber genaue Erinnerung an Freiheit in sich trägt und weil man dort angekommen ist, wo man hinwollte.

 
       
   
   

Das Motorrad ist die Maschine an sich: Wenn jemand sagt, er käme mit der Maschine, dann meint niemand er käme mit einer Nähmaschine, einem Auto oder mit einem Fahrrad. Maschine ist eben Motorrad und wird auch so verstanden, wenn es der Kontext nur halbwegs vermuten lässt.

 
      Die Codierung von Fahrzeugen in Sachen Geschlechtsmerkmale ist klar. Als soziale Konstruktion ist das Motorrad männlich, die übliche Phallusverlängerung eben, ebenso wie das Auto. Auto und Motorrad können auch als spezifische Geschlechtsmaschinen verstanden werden. Das grammatikalische Geschlecht eines konkreten Motorrads ist immer weiblich, wie das bei Schiffen ist - es heißt die BMW, die Honda, die Yamaha.
   

Das Auto ist nur von außen als Phallus zu sehen, dagegen im Inneren wie ein bergender Uterus. Ähnlich wie der biologischer Uterus ist das Auto ein elementarer Kleinstraum, der in der Technik umgesetzt werden kann.

In die Schutzhöhle dringen nur gedämpfte Geräusche, Kälte und Regenbleiben draußen, während man gesichert und geschützt durch den Raum gleitet.

 
      Nicht so beim Motorrad: Es bleibt Phallus und Geschoß, es gibt kein Innen, der Fahrer ist und bleibt in der Landschaft, ist mit der Straße verhaftet und bleibt Wind und Wetter ausgesetzt, mit denen er kämpft. Bei keinem anderen Fahrzeug stehen Genital und Triebwerk in so engem Kontakt miteinander.

Der Aggression den anderen gegenüber im schützenden Uterus steht die lebensrettende Zurückhaltung auf der Reitmaschine gegenüber. dabei hat man den Motor zwischen den Schenkeln, der vermittels kleinster Umdrehungen am Gasgriff erstaunliche Kräfte freisetzt, die allemal als lustvoll empfunden und oft rauschhaft genossen werden.

    Für Motorradfahrerinnen kann die Maschine wie ein vibrierender Riesendildo sein. Für den Kurvenfan, den Herrenreiter auf seinem Riesenphallus ist jede Kurve ein Lusterlebnis wie für einen Busenfetischisten.

 

   

 

Es gibt Maschinen die hoffnungslos veraltet sind, der totale technische Stillstand wird zum Credo erhoben: Der Name dafür ist Harley Davidson. Retrodesign verbunden mit persönlichen Stilelementen, das ist eine Herausforderung der besonderen Art. Viele dieser sündteuren fahrenden Fetische werden heute vor allem von arrivierten Anwälten und Zahnärzten und Kinodarstellern bewegt.
    Neuerdings muss es nicht einmal mehr eine echte Harley sein, es genügt auch BMW und heute hat jede der großen vier japanischen Motorradmarken einige Maschinen im Sortiment, die sich optisch vom kultigen Vorbild kaum noch unterscheiden lassen. Nicht nur, dass sie das Firmenschild verstecken und ihre Produkte markige Amerikanismen tragen, verschlechtern die Japaner ihre Triebwerke absichtlich, damit sie rumpeln und hampeln wie ein amerikanisches Original. Eine Mimikry, wie sie im auf Verbesserungen versessenen Fahrzeugbau seinesgleichen sucht.   
      Richtige Kurven lassen sich mit solchen Geräten ohnehin nicht fahren, denn Harleys und ihre Nachahmer sind für den langen Treck nach dem amerikanischen Westen konzipiert, für den endlosen Geradeauslauf auf Straßen wie der Route 66, die für Europa eigentlich als Zubehör mitgeliefert werden müsste. Harley und Harleyfahrer brauchen außer geraden Straßen die Spiegelung, ihr Reviere wie die Boulevards der Städte. Fehlt das gaffende Publikum, tuckert die zur Schau gestellte Faszination ins Leere.