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Gespür Leidenschaft Biophysik Kopfgeburten Bernt Spiegel |
Die hier niedergelegten Gedanken stammen aus den Diskussionsforen oder Homepages des Internet, Büchern oder eigenen Erfahrungen. |
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Natürlich scheint es heutzutage Unsinn zu sein ein Motorrad zu fahren. Ein Fahrzeug das im Stehen umfällt und stabiler wird, je schneller es unterwegs ist. Ein Gefährt mit 200 Kilogramm Gewicht mit dem Hubraum eines Kleinwagens, der den Spurt eines Ferrari und die Katapultwirkung eines Kampfjets hat. Ein Transportmittel bei dem man nicht einmal seinen Wintermantel mitnehmen kann, das seinen Fahrer nicht durch Knautschzonen und Luftkissen schützt, sondern im Gegenteil, bei jedem Problem auf die Straße schmeißt. |
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Warum also fahren Menschen Motorräder? Für viele ist es ohnehin nur ein eitles Ritual, ein ebenso überflüssiger wie gefährlichen Zeitvertreib. |
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Tatsächlich wurde das motorisierte Einspurfahrzeug in den letzten Jahrzehnten immer mehr auf Geschwindigkeit getrimmt. Schnelle Motorräder versprechen ihren Fahrern eine subjektive Omnipotenz, der sonst wohl nur Piloten von Kampfjets teilhaftig werden. Diese Maschinen sind erschwinglich, verkaufen sich prächtig und stellen doch ein paradoxes Potenzial bereit, das wirklich ausgeschöpft einem Freitod gleichkommt. |
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Wer sich nicht als Nierenspender verstehen will, der muss die Kunst der fortwährenden Selbstbeschränkung pflegen. Und das ist dann schon fast wieder vernünftig, denn was bleibt sonst übrig von der Freiheit als zentralem Versprechen des Motorrades wenn man seinem extremen Gegenpol, dem Tod, hinarbeitet? Motorradfahren können nur die Lebenden und so wird es auch bleiben. |
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| Das Hochgefühl eines Naturerlebnisses auf zwei Rädern entsteht im Ineinanderfließen von Lust und Angst in der Verschmelzung mit der Maschine, entworfen vom Können und Wollen des Menschen. Eine totale Körperlichkeit löst sich immer wieder in einer Dematerialisierung auf und wird alsbald wieder zerschnitten, wenn die Ideallinie nicht getroffen wird. Ein Gefühl des ausgesetzt Seins setzt sich spätestens dann durch, wenn eine Kurvenfahrt verpatzt wurde und eine der Leitplanken oder der Gegenverkehr in Griffweite gekommen ist. |
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Der Motorradfahrer reitet auf einem gefährlichen Untier um eine neue Welt mit neuen Bergen und neuen Blumenwiesen zu entdecken. Seine Waffen sind Zielsicherheit, Geschwindigkeit und eine in Dienst genommene Technologie als Hilfsmittel für neue Abenteuer, die sich schon bei jeder gefahrenen Kurve erneuern. Sein Ziel ist das Hinauswachsen über Körper und Raum. | ||
| Jede Kurve durch die du gleitest verlangt von dir ein geändertes Gleichgewicht. Natürlich ist da die letztendlich immer diese Stabilität, aber sie ist das Ergebnis deiner andauernden kleiner Anpassungen als Folge dessen, was du den Bruchteil einer Sekunde zuvor wahrgenommen hast. Diese Wahrnehmung ist Sehen, aber auch Fühlen und Rhythmus. Und oft begreift dein Körper schneller als dein Kopf. |
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| Die verschiedenen Schräglagen einer Fahrt auf dem Motorrad sind nur aufgrund widerstreitender Kräfte möglich, ein Zwang zur Balance anstatt des sicheren Standes der vier Räder bei der Dose. Nur die Schräglage erlaubt das Durchfahren von Kurven mit dem Motorrad. Bei der Annäherung an die Kurve erfolgt die Abschätzung des Radius, die Geschwindigkeit reduziert, der Adlerblick von der Geraden gelöst, der Kopf auf die Biegung eingestellt und auf den fernen Kurvenausgang gerichtet. Die Maschine wird umgelegt und man begibt sich in ein sicheres Gleichgewicht das dem Kurvenradius angepasst bleibt, in eine Ruheposition. Eine Haltung in der die einander entgegen gesetzten Kräfte, die auf Körper und Maschine wirken, gleich groß sind, während der Blick in die Ferne schweift, so dass Leitplanken, Gegenverkehr und Gesetz aus den Augenwinkeln wahrnehmbar bleiben. | |||
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Falls die Kurve richtig getroffen und gemeistert wird, ist diese gesamte Wahrnehmung der schönste Moment des Motorradfahrens, der Last enthoben und völlig schwerelos, in völligem Bewusstsein des Einklangs seines Körpers mit den umgebenden Kräften. |
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Die übergroße Aufmerksamkeit und Wachsamkeit des Motorradfahrers gegenüber jedem Geräusch, jeder Bewegung, jedem auftauchenden Hindernis ist absolut überlebenswichtig. Für jeden, der bei hoher Geschwindigkeit das Klingeln im Motor überhört, nicht merkt, dass das Fahrgestell zu stark vibriert, kann das den sicheren Tod durch die Maschine bedeuten. Dagegen muss er seine Körperkraft einsetzen, ständig schnelle Entscheidungen treffen, Risiken eingehen, den Schmerz und die nackte Angst kennen lernen. In dieser Kampfsituation mit den physikalischen Kräften ist der Fahrer mutterseelenallein. Eine risikoreiche Konstellation, denn wenn das Gefährt bei hohem Tempo außer Kontrolle gerät, steht keiner mehr so schnell auf. |
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