Motorrad und Gehirnforschung verhalten sich auf den ersten Blick so zueinander wie Schweinsbraten und Vanillesoße. Unvorstellbar, dass es eine motorisierte Neurobiologie oder eine Neurobiologie zum Motorradfahren geben kann.  
      Schließlich handelt es sich im einen Fall um eine Sache der Überzeugung und des Fahrens, im anderen um eine Naturwissenschaft. Ich möchte zeigen, dass diese Ansicht falsch ist. Vielmehr trifft genau ihr Gegenteil zu: Man versteht sein Motorrad nur dann wirklich, wenn man auch das Gehirn versteht.
    Wissenschaft geht grundsätzlich systematisch vor. Daher seien zunächst die wesentlichen Charakteristika des Motorradfahrens aufgeführt: Wir fahren (1) bei Schönwetter (2) mit Liebe (3) und Motorengedröhn (4) mit Benzin (5), mit Herbrennen (6) und der Straßenverkehrsordnung (7).  
      Die genannten sieben Gesichtspunkte sind der Wissenschaft durchaus zugänglich. Gerade aus der Sicht der Gehirnforschung können sie mit nicht unbeträchtlichem Erkenntnisgewinn betrachtet werden.
1. Wir Fahren ...
    Warum fahren Menschen eigentlich Motorrad? Wer fährt, verschwendet Zeit und Ressourcen und setzt sich Feinden aus. Jede Mutation, die im Verlauf der Menschheitsgeschichte dazu beigetragen hat, uns für das Fahren zu begeistern, hätte also sofort wieder verschwinden müssen; der Kampf ums Dasein ist schließlich viel zu ernst zum Fahren. Wie konnten Menschen, die gern fahren, überhaupt (aus Vormenschen, die nicht fuhren) entstehen?
Das Fahren von Motorrädern ist die Aktivität eines Einzelnen oder einer in Gruppen lebenden Art, wie es der Mensch in den letzten Jahrhunderttausenden war. In diese Zeit fällt auch die Entwicklung des menschlichen Gehirns, wie wir es heute in unseren Köpfen herumtragen und dank der Gehirnforschung immer besser kennen lernen.
 
      So wissen wir, dass etwa 2,5 Millionen Nervenfasern zum Gehirn ziehen und dass etwa 1,5 Millionen Fasern das Gehirn verlassen. In jeder Sekunde kann jede Faser bis zu 300 Impulse an das Gehirn liefern. Und auch wenn gerade kein Impuls kommt, ist dem Gehirn damit etwas mitgeteilt (zum Beispiel bei Stillstand, Dunkelheit oder Stille). Da diese Impulse als Einsen und deren Abwesenheit als Nullen aufgefasst werden können, ergibt sich der Input des Gehirns mit 2.500.000 x 300 Bits pro Sekunde, was knapp 100 Megabyte (MB) entspricht. Die Aufgabe des Gehirns besteht darin, diesen Strom von Information (der jetzt gerade in Ihr Gehirn als Input hineingeht) in einen Strom von etwa 60 MB pro Sekunde umzusetzen, der Ihr Gehirn verlässt und an Muskeln und Drüsen, den wesentlichen Effektororganen, sinnvolles Verhalten bewirkt. Dies geht fast in real time. Denn wenn der Säbelzahntiger von links kommt, müssen wir so rasch wie möglich nach rechts laufen. Sonst wären wir Futter. Und wir stammen alle von denjenigen Urgroßeltern ab, die dieses Kunststück der Informationsverarbeitung nicht verpatzt haben.
    Seit einigen Jahren ist bekannt, dass das Gehirn über ganz spezielle Systeme verfügt, die ihm ein solches rasches Reagieren ermöglichen. Reize, die Gefahr ankündigen, werden rasch in die Mandelkerne des Gehirns geleitet und dort erkannt. Dies bewirkt dann Angst und Furcht sowie alle damit verknüpften sinnvollen Reaktionen wie Puls- und Blutdruckanstieg und vermehrte Muskelspannung.  
      Das Gegenstück hierzu ist das interne Belohnungssystem, das auf äußere Reize immer dann anspricht, wenn sie sich positiv vom übrigen Gewühl der Sinneseindrücke abheben. Dieses System ist wichtig, weil es uns mit dem versorgt, was wir brauchen, um mit den vielen eingehenden Signalen fertig zu werden: Bewertung und Bedeutung. Seit gut einem Jahr wissen wir, dass dieses System bei Reizen anspricht, die entweder selbst eine Belohnung darstellen oder aber eine spätere Belohnung signalisieren. Neuronen tief im Inneren des Gehirns schütten den Botenstoff Dopamin aus, entweder direkt ins Frontalhirn (das dann besser funktioniert) oder in den Nucleus accumbens, der das Dopamin-Signal in ein Opioid-Signal umwandelt, das dann ebenfalls ins Frontalhirn gelangt. Das gehirneigene Opium (man spricht von endogenen Opioiden) macht dann dort ein angenehmes Gefühl.
    Vor fünf Jahren hat man Teile des Systems beim Menschen erstmals mittels funktioneller Bildgebung dargestellt. Um mit den damals vorhandenen Methoden Erfolg zu haben, musste man es maximal ausreizen: Während der Untersuchung injizierte man Kokainsüchtigen im Entzug entweder Kokain oder Kochsalzlösung und bestimmte die Aktivierungsunterschiede im Gehirn. Man fand, dass Kokain unter anderem den Nucleus accumbens aktiviert, also die wesentliche Umschaltstation im Belohnungssystem.  
      Die Methoden der Gehirnforschung sind sensibler und genauer geworden. Man konnte zeigen, dass es kein Kokain braucht, um das System so weit in Gang zu bringen, dass man ein Bild von ihm machen kann: Ein Stück Schokolade, schöne Musik oder der Anblick eines schönen Menschen genügen. Beim Menschen als zoon politikon (Aristoteles) zählen soziale Interaktionen zu den wichtigsten belohnenden Stimuli überhaupt. Damit jedoch sind Belohnung, Glück und Freude auch in neurobiologischer Hinsicht aufs engste mit sozialer Gemeinschaft verknüpft. Motorradfahren und Gemeinschaft sind zwei Seiten einer Münze, und diese wiederum lässt sich seit kurzer Zeit neurobiologisch klar dem gehirneigenen Belohnungssystem zuordnen. Die Tatsache, dass Menschen mit dem Motorrad fahren, hat somit eine neurobiologische Grundlage.
2. bei Schönwetter ...
    Warum fahren wir Motorrad bei Schönwetter? Die Antwort, "weil es dann angenehmer ist“, ist bekanntermaßen falsch, sonst müsste jedes Motorrad beim ersten Regentropfen sofort stehen bleiben.  
      Die Jahreszeit des Motorradfahrens ist vielmehr Ausdruck der Tatsache, dass es zu den Erfolgsgeheimnissen der Menschheit gehört, sich wegen der latenten Verkühlungsgefahr bei Schlechtwetter zu haus aufzuhalten. Wir fahren Motorrad bei Schönwetter, weil die Germanen an diesen Tagen ihre Wanderzüge unternahmen.
    Das menschliche Auge ist sehr scharf und genau, hat aber dennoch nur eine begrenzte Auflösung. Daraus ergibt sich bei jeder Beobachtung ein Fehler. Dieser Fehler stört uns in lebensweltlicher Hinsicht meist nicht. Wenn es aber um genaue optische Messungen geht, dann sind Adler deutlich besser als wir. Stellen Sie sich nun vor, Sie beobachteten vor einigen tausend Jahren in diesen Breiten im Herbst die immer tiefer am Horizont stehende Sonne, die immer weniger Licht und Wärme und damit Leben für Pflanzen und Tiere spendet. Ihre Vorräte werden knapp, Ihre Kinder schreien, und Sie bibbern vor Kälte. Sie wissen aus Erfahrung, dass es irgendwann wieder aufwärts geht - aber wann? Ja, dann würden Sie fahren! So richtig einen draufmachen würden Sie – aber erst, wenn Sie sich wirklich sicher wären, dass der Tiefpunkt überschritten und das Ende in Sicht ist.  
      Sie beobachten also die Sonne, so genau wie möglich, und irgendwann fällt Ihnen auf, dass sie heute länger und wärmer scheint. Sie warten noch einen Tag und schauen ganz genau. Am dritten Tag sind Sie sich dann sicher: Es geht aufwärts, und Sie wintern die Maschine aus und beginnen mit dem Fahren.
3. mit Liebe ...
    Wer glaubte, dass Liebe der Gehirnforschung unzugänglich sei, wurde spätestens vor zwei Jahren eines Besseren belehrt. Der bekannte britische Neurowissenschaftler Semir Zeki veröffentlichte eine Arbeit zur Aktivität des Gehirns während des Gefühls romantischer Liebe. Versuchspersonen im Scanner betrachteten entweder das Gesicht einer (oder der) geliebten Person oder ein anderes, neutrales Gesicht. Der Aktivierungsunterschied zeigte dann, wo die Gefühle der Liebe im Gehirn zu lokalisieren waren.  
      Man könnte nun einwenden, dass es bei einem Motorrad um eine andere Art von Liebe als die romantische geht. Doch auch zur Liebe im Sinne von Kooperation und Freiheitsdrang gibt es Studien wie nicht zuletzt auch zur Liebe im Sinne technischer Begeisterung. Mittels Positronenemissionstomografie (PET) untersuchte man sechs Motorradfahrer und sechs Dosentreiber. Erfahrung im Motorradfahren aktivierte hierbei ein neuronales Netz, das sonst vor allem beim Denken aktiv ist, was nach Meinung der Autoren auf eine deutliche kognitive Komponente des Fahrens hinweist. Nicht gefunden wurde die Aktivierung limbischer, das heißt eher mit der Verarbeitung affektiver Inhalte in Verbindung gebrachter Strukturen.
4. und Motorengedröhn ...
    Bezüglich der Neurobiologie des Motorendröhnens können wir uns kurz fassen, denn es handelt sich bei dieser Aktivität ja um nichts weiter als um einen Spezialfall der Neurobiologie des Klangs von Motoren. Und hier hat die Gehirnforschung in den letzten Jahren sehr große Fortschritte gemacht. Das Dröhnen von Motoren aktiviert das Belohnungssystem. Motorradgedröhn führt jedoch zugleich zu einer Inaktivierung der Mandelkerne, also jener Gehirnstrukturen, die Angst und Furcht bewirken. Wer also mit kreischenden Reifen in dunklen Straßen oder mit Vollgas durch den dunklen Park fährt, der bekämpft wirkungsvoll seine Angst. Wer die Neurobiologie des Dröhnens der Motoren kennt, wundert sich hierüber nicht.  
      Traditionelles Motorradgedröhn ist dem Klang von Wassermühlen sehr ähnlich, und diese gab es in allen Kulturen. Sie haben einen charakteristischen langsamen, der Eigenfrequenz eines sich drehenden Wasserrades entsprechenden Rhythmus. Und das wiederum bewirkt ein langsameres Schwingen der Maschinenteile, also eine Abwärtsbewegung der Grundfrequenz.
5. mit Benzin ...
    Die an Motorrad gereichten Getränke zeichnen sich dadurch aus, dass sie vor allem aus Erdöl, nahrhaft und haltbar sind. Der tiefere Grund hierfür ist bekannt. Als es noch keine Tiefkühltruhen und Supermärkte gab, packte alle Reste von Sauriern und Schachtelhalmriesen dichtest zusammen, setzte die Sache ordentlich unter Druck und autoklavierte dann das Ganze lange unter tieferen Gesteinschichten, sodass es sich - frei von Mikroorganismen - hielt, bis man es im 20. Jahrhundert wieder gefunden hatte. Sowohl Ausgangsstoffe als auch Zubereitungsart scheinen daher bei erster (oberflächlicher) Betrachtung dem Zugriff der Gehirnforschung entzogen zu sein, liegen doch die Wurzeln der Mineralölindustrie im Haltbarmachen von Nahrungsmittelresten.  
      Diese Sicht der Dinge aber ist zu einfach. Öle werden aufgrund ihres hohen Fettgehalts gerne als Schmiermittel eingesetzt, und der Mensch verwendet das Benzin mit 91 Oktan als Normalbenzin und das mit 98 Oktan als Superbenzin. Benzin mit anderem Oktangehalt kann in Fahrzeugen nicht verwendet werden und wird daher meist als Fleckbenzin oder Wundbenzin angeboten.
6. mit Herbrennen ...
    Das Motorradfahren verknüpfen wir zuweilen mit wahren Orgien des Herbrennens. Warum? Weil das flotte Fahren mit einer Dopamin- und Opioid-Ausschüttung im frontalen Kortex einhergeht! Das Belohnungssystem reagiert nämlich prinzipiell auf positive Ereignisse umso stärker, je unerwarteter diese sind.  
      Das Herbrennen mit seinen Momenten der Maschinenbeherrschung, des Besonderen und vor allem der Überraschung (was sich hinter der nächsten Kurve findet) ist damit der Stimulator unseres gehirneigenen Belohnungssystems schlechthin. Und weil wir Zeitgenossen ja schon lange wissen, dass die Bremsen uns vor jeder Gefahr zum Stillstand bringen, hat diese Form der (zusätzlich zum Fahren erfolgenden) Stimulation unseres Belohnungssystems zunehmende Bedeutung erlangt.
7. und der Straßenverkehrsordnung
    Über die Entstehung der Straßenverkehrsordnung, der ersten Hilfe und dem tatsächlichen Verhalten im Verkehr haben sich viele Evolutionsbiologen den Kopf zerbrochen. Wir haben uns an ihre Ergebnisse gewöhnt und glauben ihnen mittlerweile fast alles: Unsere "egoistischen Gene“ (Richard Dawkins, 1976) sorgen dafür, dass wir nur dann kooperieren, wenn es sich lohnt. Wir halten also letztlich aus egoistischen Motiven die Straßenverkehrsordnung ein, leisten erste Hilfe und verschleiern unser tatsächlichen Verhalten im Verkehr vor der Polizei. Wir helfen einem anderen Motorradfahrer, weil er uns dadurch verpflichtet sein wird (Theorie des reziproken Altruismus).  
      Auch wer in Biologie nicht aufgepasst hat, kann sich dieser Ideologie kaum entziehen. Für Hilfsbereitschaft, für Solidarität mit den Fußgängern, Radfahrern und Mopedfahrern oder gar für die Polizei ist - so scheint es jedenfalls - im normalen, am Motorrad kein Platz, kann man auf dem Gefährt doch nicht einmal seinen Wintermantel mitnehmen. Ein wahrhaft trauriger Sachverhalt! Aber ist er auch korrekt? Betrachten wir die Dinge also noch einmal mit den Mitteln motorisierter Gehirnforschung.
    Messungen zeigten, dass bei kooperativem Verhalten das Belohnungssystem aktiviert ist. Dies wiederum verstärkt das Verhalten, führt also zu mehr Kooperation. Es motiviert die Gruppenmitglieder nicht zuletzt dazu, der Versuchung kurzfristiger Vorteilsnahme zu widerstehen. Die Neurobiologie des Belohnungssystems und insbesondere die Tatsache, dass es bei kooperativem Verhalten anspringt, zeigen damit an, dass die These vom egoistischen Motorradfahrer, dem Wolf unter Wölfen, zumindest aus der bescheidenen Sicht der Gehirnforschung nicht zutreffend sein kann! Zur Einhaltung der Straßenverkehrsordnung sind wir nicht nur ausnahmsweise und vielleicht an Motorrad fähig, sondern unser Gehirn belohnt uns für solches Verhalten.