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Seit den Tagen meiner frühsten Kindheit ist mir das Motorrad meins Vaters präsent. Bereits im Kindergartenalter bin ich in dem Sitzchen gereist, das auf dem Sozius der schwarzen Maschine festgeschraubt war. Damals war nicht das Wetter entscheidend, ob man Motorrad fuhr oder nicht, sondern die Notwendigkeit der Reise. Und so bin ich als Begleiter meines Vaters sommers wie winters auf der Maschine gesessen um die 20 Kilometer entfernten Großeltern zu besuchen oder etwas anzusehen oder zu besorgen. | |
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Ein erstes Bild |
Ich erinnere mich noch gut an die beißende Sommerhitze die spiegelnde Luftseen auf die Straßen gezaubert hat oder als wir über rutschige Schneefahrbahnen durch die weiße stille Winterwelt geschlittert sind, auch wie das kalte Regenwasser durch unsere Kleidung den Weg zu unserer Unterwäsche bis zur Haut gefunden hat. Und natürlich immer wieder an die wundervolle Landschaft, die ich von meinem erhöhten Sitz aus so ersprießlich beobachten konnte. |
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Die hier veröffentlichen Textstellen sind meiner Kindheitsbiografie Spiegelung eines Kindes entnommen, in der ich meine Erinnerungen daran aufgeschrieben habe, wie ich ins Leben hinein geschmissen wurde. Achim |
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| Ein erstes Bild | |||
| Ein erstes Bild meiner Erinnerung zeigt den Vater, der zu meinem Erstauen mit einem schwarzen Motorrad bei den Großeltern aus der Scheune kommt und das ihn knatternd entführt. | |||
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Als das schwarze Motorrad mit den goldenen Lacklinien dann wieder vor dem Haus steht, wird es von mir ausgiebig in Augenschein genommen, bis ich plötzlich eingeklemmt und schreiend unter dem Monstrum liege, bis mich mein wetternder Vater mit einem Ruck aus der aussichtslosen Lage befreit und das Motorrad genauestens auf Schäden untersucht. | ||
| Das Einbrennen des ersten Erlebnisses in die Erinnerung scheint durch das Moment der Überraschung, von Ängsten und Schrecken oder Schmerz begünstigt zu werden. So ist auch bei diesen frühesten Lebenserinnerungen bereits die Verbindung von verschiedenen Vorgängen zu einem Zusammenhang, der sich in der Erinnerung widerspiegelt. | |||
| Natürlich lässt sich aber nicht mit absoluter Sicherheit behaupten, dass irgendeine Erinnerung, die man selbst für die früheste hält, das auch wirklich ist. | |||
| Das erste Motorrad | |||
| Irgendwie bin ich auf einem schwarzen Motorrad aufgewachsen. Immer wieder nimmt mich mein Vater auf der knatternden schwarzen Maschine mit zu den Großeltern oder an einem heißen Sommertag zu einem nahen See. Schon bevor ich in die Schule gehe, finde ich mich auf dem Motorrad, hoch über dem Sozius auf einem Sitzchen aus Stäben und Blech, das den Sitzen auf den Traktoren ähnelt, im Sommer mit kurzer Hose und bei Eis und Schnee in einer dicken Felljacke. | |||
| Ich sehe die schwarze Maschinen mit den goldenen Litzenstreifen zum ersten Mal, als sie Vater, noch zugedeckt mit Zeltplane, aus der Scheune in die Sonne hinaus schiebt. Geschickt hat mein Vater zwei kleine Füßchen unter dem Motorrad hervorgeholt, auf denen die Maschine jetzt steht. Als mein Vater die Zeltplane abzieht steht da ein langbeiniges Monster auf hohen, runden Beinen mit Reifen, ein Bündel aus gebogenen Rohren, herumhängenden Kabeln, Blöcken und merkwürdig verformten Stangen. | |||
| Nun beginnt das Putzen und nach einiger Zeit zeigen sich die blinkenden Chromteile und das glänzende Schwarz des Lacks mit den goldenen Linien. Stundenlang schraubt und putzt mein Vater an der Maschine herum, bewegt so manchen Teil, zerlegt und baut ihn wieder zusammen. Schließlich füllt er aus einem Kanister eine seltsam duftende Flüssigkeit in den oben liegenden Bauch der Maschine. Der dünne Strahl der hellen bernsteinfarbenen Flüssigkeit bildet Schlieren in der Luft, die ich so gerne rieche und die mir ab nun Freiheit bedeuten. | |||
| Plötzlich setzt Vater sich auf die Maschine, klappt die schwarzen Beinchen ein und tritt mit Kraft mehrfach ein Fußpedal hinunter bis die Maschine aufheult. Vater hatte mich zwar geheißen etwas weiter weg zu gehen aber jetzt falle ich im Rückwärtsstolpern vor Schreck rücklings über die Sonnenbank. | |||
| Nachdem sich der schwarze Rauch etwas verzogen hat, schaltet mein Vater an einem Hebel und das Gefährt heult auf, macht einen Satz nach vorne und braust knatternd mit dem Vater davon. Als mein Vater um die Kurve und auf dem Weg zum Dorf hinunter verschwunden ist, kehrt wieder Ruhe ein. Ich darf ab nun die weite Welt auf dem Sozius einer Maschine erobern. | |||
| Das Motorrad erregt viel Aufsehen bei Freunden und Nachbarn und alle, bei denen Vater nicht vorbei fahren kann, kommen auf Besuch und bestaunen es. | |||
| Vater versteckt die Maschine, auf die er so stolz ist, anfangs nach seinen Ausfahrten sorgfältig vor den amerikanischen Besatzungssoldaten. Es ist allgemein bekannt, dass die Amis gerne Spritzfahrten mit einem fremden Motorrad machen und oft in einer der völlig unamerikanisch scharfen Kurven von den Schotterstraßen abkommen und dann das Wrack im Straßengraben liegenlassen. | |||
| Jede Ausfahrt mit der "Maschine" ist eine Weltreise, der Aufbruch von Marco Polo kann auch nicht spektakulärer gewesen sein. Schon am Vortag wird die Bekleidung zurecht gelegt: für mich die Hasenfelljacke wenn es kalt ist, die mit Leder eingefasste Schutzbrille und die von der Mutter gestrickte Haube und Fäustlinge; für Vater die Lederhaube, die lederne Motorradbrille, die Lederjacke, Lederstiefel und die Lederfäustlinge mit dem einzelnen Zeigefinger und den langen Stulpen aus steifem Rindsleder. | |||
| Schließlich stehen dann am nächsten Morgen meine Mutter und mein kleines Brüderchen als Verabschiedungskomitee an der Straße vor dem Haus. Vater und ich sitzen auf, bis zur Unkenntlichkeit verkleidet, eins mit der Maschine und ruckelig in der Bewegung, wenn wir an den beiden langsam und knatternd vorbei fahren. Noch fliegen einige Worte hin und her und die Zurückbleibenden stehen und winken sicher noch lange, nachdem wir beide Fernreisenden aus ihrem Blickfeld verschwunden sind. | |||
| Die Motorradbrillen sind aus Plexiglas mit Gummi- oder Lederfassung und eine lederne Fliegerhaube hält warm und soll angeblich den Aufprall des Kopfes beim Sturz dämpfen. Meist stülpt man sich einfach eine gestrickte Wollhaube oder Schirmkappe über, will man die Maschine einmal voll ausfahren, wird die Kappe mit der Schirmseite einfach nach hinten gedreht. | |||
| Taucht jedoch ein Sportsfreund mit einem "Sturzhelm" auf dem Kopf auf, wird er von seinen Artgenossen mitleidig belächelt und als Spinner oder Angeber links liegen gelassen, mit diesen Pseudo-Rennfahrern wollen die erfahrenen Motorradfahrer der 1950er Jahre nichts zu tun haben. | |||
| Der erste See | |||
| An einem heißen Sommertag nimmt mich mein Vater auf dem Motorrad mit zum nahen Mattsee. Es geht auf dem schwarzen, knatternden Gefährt über die Hügelgruppen des Alpenvorlandes, die eigentlich die Ufer- und Endmoränen aus vier Eiszeiten sind, nach Süden. | |||
| Die flirrende Sommerhitze ist im Fahrtwind der alten DKW aus den 1940er Jahren für mich, der ich auf dem Soziussitz throne, richtig angenehm. Ich bin wie immer bezaubert von der Harmonie der Landschaft, von den grünen Hügeln, Wiesen, Feldern, Mooren und den kühlen Waldstücken durch die er jetzt braust. Ich kann mich an der Gegend nicht satt sehen, doch plötzlich hinter dem letzen und größten Hügel taucht zwischen den Wiesen und Wäldern weit unten eine blaue Fläche auf und schon geht es an einer Birkenallee den See entlang. So etwas Wunderschönes hatte ich noch nie vorher gesehen, mir kommt die Wasserfläche unendlich vor, denn Horizont und Wasser wechseln eilig, bis sich auf der anderen Seite des Sees ein dunkelgrüner Hügelzug aufbaut. | |||
| Mitten im Ort geht es nach links zur Badeanstalt, deren Gebäude und Uhrturm aus dunkelgrau verwittertem Holz sind. Unerwartet stehe ich mit meiner Badehose in einer finsteren Umkleidekabine, um mich herum dampfende Männer, die von weit her mit Waffenrädern gekommen sind, die ich draußen am Radständer gesehen hatte. Ich hatte mich bis dahin noch nie vor Fremden umgezogen, drücke mich in eine Ecke und wechsle linkisch die Hosen. | |||
| Als ich aus dieser Enge und Finsternis hinaus trete ins gleißende Tageslicht, bin ich überwältigt vom Strand und vom See. Es ist das erste Mal, dass ich an einem See bin, ich nehme zum ersten Mal im Leben das Bild eines großen Wassers in mich auf und kann über die Weite und die Bläue des Wassers nicht genug staunen. Der Strand, an dem ich nun den ganzen Tag spielen und plantschen kann, hat es mir so angetan wie die geheimnisvolle Wildnis am gegenüber liegenden Ufer. | |||
| Nie wird mein Staunen über das Wasser erlahmen, auch nicht nach vielen Jahrzehnten der Gewöhnung an dieses Naturwunder wird es mir zur Selbstverständlichkeit. | |||
| Als dann die Schatten schon länger sind und ich am Rücken und im Gesicht einen tüchtigen Sonnenbrand habe, heißt es wieder aufs Motorrad, auf den breiten Sitz des erhöhten Sozius, an dessen Griff ich mich so gut festhalten kann, wenn sich mein Vater kühn in die Kurve legt oder waghalsig eines der wenigen Autos überholt. | |||
| Ich liebe es, wenn der Wind an meinen Haaren zerrt und wenn ich in einer engen Kurve wie über die Straße schwebend von dem schwarzen Monstrum unter mir davon getragen werde. Gefahren wird wegen der Hitze natürlich im Kurzarmhemd und mit kurzer Hose, Helme brauchen damals echte Motorradfahrer so wie so nicht. | |||
| Kleine Abenteuer | |||
| Einmal komme ich im Sommer mit meiner bloßen Wade zu nahe an den heißen Auspuff und holte mir eine gewaltige Brandblase. Mein Vater hatte mir immer wieder gepredigt, nicht zu nahe an den Auspuff zu kommen, da er sehr heiß sei. Aber wie es so ist, komme ich trotzdem an dem heißen Auspuff an und verbrenne mich tüchtig und renne den ganzen Sommer mit einer nässenden Brandwunde an der Wade herum. Wer nicht hören will muss fühlen, so der Tenor meines Vaters. | |||
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Einmal in einer finsteren Winternacht fahren wir viel zu spät von den Großeltern weg. Während der rutschigen Fahrt über die Schneefahrbahn muss mein Vater an der Straße plötzlich das Motorrad anhalten und wir können nicht mehr weiter fahren. Also schiebt er die Maschine einige Kilometer weit, während ich wortlos neben ihm durch den knirschenden Schnee auf der Straße gehe. In der Ferne sehe ich beleuchtete Fenster auf die wir zugehen, als wir vor dem Haus angekommen sind pocht mein Vater an die Türe und spricht mit der Frau, die einen Spalt breit geöffnet hatte. | ||
| Wenige Minuten später haben zwei Männer gemeinsam mit meinem Vater das Motorrad wieder flott gemacht. Die Männer halten dabei Sturmfeuerzeuge in ihren schwieligen Händen und als mein Vater eines der Feuerzeuge nehmen will, um dem Helfer leuchten zu können, schleudert er es mit einem Aufschrei in den Schnee - so heiß ist es. Die Männer lachen und arbeiten dann wieder wortlos weiter. Schließlich springt die Maschine - wohl nach hunderten Kickversuchen - endlich stotternd an und wir können in der Eiseskälte nach Hause fahren. | |||
| DKW RT 125 | |||
![]() Vaters erstes Motorrad ist ein "Kraftrad" der Type DKW RT 125 ein High-tech Produkt aus den 1940er Jahren mit schwarz lackiertem Einrohrrahmen, Gummifederung, Zweitakter Blockmotor, Batterie Spulenzündung, einem angeblockten Dreiganggetriebe, einer kombinierten Hand- und Fußschaltung, 123 ccm, 4,75 PS Leistung bei 4800 U/min, Gewicht 68 kg, Verbrauch 2,5 Liter/100 km und einer maximalen Geschwindigkeit von 75 km/h. Der Preis der RT 125 lag bei 425,- Reichsmark. Bis 1945 werden 33.000 Stück gebaut. |
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| Die DKW RT 125 ist das Meisterstück des Chef-Ingenieurs Hermann Weber und wird 1939 (RT steht für Reichs-Typ) vorgestellt und geht 1940 in Serie. Die Wehrmacht kann sich aber mit diesem leichten Modell nicht richtig anfreunden. Das ab 1940 produzierte Behördenmodell für die Wehrmacht wird nur im leichten Dienst, vornehmlich in der Heimat, eingesetzt. 1941 stellt sie zu Gunsten der DKW NZ 350 den Einsatz der RT 125 ein. Der dänische Ingenieur Jörgen Skafte Rasmussen produziert bereits ab 1917 in seiner Firma, der Zschopauer Maschinenfabrik, einen Dampfkraftwagen, der das Kürzel DKW (DKW steht für Dampfkraftwagen) trägt und mit diesem Spottnamen müssen seither alle DKW-Besitzer leben, auch wenn es sich um Motorräder handelt. 1922 kann Rassmussen den jungen Ingenieur Hermann Weber als Chef-Ingenieur gewinnen. Die Zusammenarbeit zwischen beiden sollte eine beispiellose technische Entwicklung der Firma DKW ermöglichen. | |||
| Das Zweirad aus dem deutschen Zschopau schafft es, in den 1930ern zum Synonym für das Motorrad schlechthin zu werden. Eine DKW ist ein Volksmotorrad, das man sich leisten kann und auf das man sich verlässt. DKW ist vor dem Zweiten Weltkrieg der größte Motorradhersteller der Welt und auch nach dem Krieg gehören die DKW Zweitakt-Maschinen zu den meistverbreiteten Motorrädern in Deutschland und Österreich. | |||
| Die Konstruktion der DKW RT 125 ist für Jahrzehnte wegweisend im Fahrzeugbau und nach Freigabe der deutschen Patente nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Besatzer wird diese Maschine zum meist kopierten Motorrad der Weltgeschichte. Die Modell-Evolution bringt bekannte Markenprodukte hervor, die auf der RT 125 basieren: in den USA die Harley-Davidson Model 125, in England die BSA Bantam D1, in der Sowjetunion die Moskwa M1A und in Japan die Yamaha YA-1. | |||
| Lipperl | |||
| "Lipperl" ist ein enger Freund meines Vaters. Eigentlich heißt der Sportkamerad nicht Lipperl sondern Prinz von Schaumburg-Lippe und ist als Fußballnarr und Motorradenthusiast in den Freundeskreis meines Vaters bestens integriert. Der Spitzname Lipperl, passt ausgezeichnet als Markenzeichen zu dem kleinwüchsigen Mann mit dem Familiennamen Schaumburg-Lippe und kaum einer kennt deshalb seinen wirklichen Vornahmen. | |||
| Eigentlich ist er ein hässliches Männlein, dessen äußere Erscheinung von einer schlechten Laune der Natur bestimmt ist, die sämtliche ungünstigen Eigenschaften seiner Vorfahren an ihn weitergegeben zu haben scheint. | |||
| Lipperl ist voll Begeisterung bei praktisch jedem Fußballspiel als Schlachtenbummler dabei und geht mit den Fußballern auch ins Gasthaus um mit ihnen die Siege zu feiern. | |||
Einmal holt Lipperl meinen Vater
ab und die beiden fahren mit Lipperls riesiger hochherrschaftlicher Maschine zu
einem Auswärtsspiel. Lipperl
will meinem Vater eine neue Kurventechnik zeigen, traut sich wieder einmal zu viel zu
und die beiden
stürzen heftig. |
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| Lipperl verbrennt sich dabei böse einen Oberschenkel am heißen Auspuff, mein Vater hat nur einige harmlose Hautabschürfungen. | |||
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Als Lipperl dann irgendwann eine unerhört reiche Münchnerin heiratet und sie so zur Prinzessin gemacht hat, ist er erst einmal seine finanziellen Sorgen um sein schönes Schloss los. Doch auch seine alten Freunde, die der frisch gebackenen Prinzessin zu minder sind, und so darf sich der Prinz mit ihnen nicht mehr treffen. Um so größer ist aber das Hallo der Freunde, wenn der kleine Prinz dann doch wieder einmal mit dem riesigen Motorrad mit sonorem Brummen über den lang gestreckten Stadtplatz donnert, um sich heimlich mit seinen alten Vertrauten zu treffen oder bei einem Spiel die Fußballer anzufeuern. |
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| Der Hausarzt | |||
| Der Hausarzt fährt eine riesige schwarze Beiwagenmaschine. Untertags steht das schwarze Gespann in der großen Garage. Die Garage ist eigentlich ein Schuppen im Nachbarhaus, der an der Hinterseite eines kleinen Hofes steht. Wenn der Arzt dann am Nachmittag seine Hausbesuche macht, holt er das verwilderte Ungetüm und fährt knatternd damit los. | |||
| Das klobige Gespann ist schwer, alt und dreckig und der Beiwagen sieht aus wie ein Beiboot mit einem Rad. Nie sehe ich jemand im Beiwagen sitzen, der für die schwarze abgegriffene Arzttasche reserviert zu sein scheint. In ihrer Dankbarkeit deponieren Patienten mitunter einen Sack mit Lebensmittel auf dem Sitz seines Motorradbeiwagens. Einmal sehe ich aus der Ferne ein schneeweißes Huhn im Beiwagen liegen. | |||
| Zu uns kommt der Hausarzt immer zu Fuß, da unser Haus nur wenige Meter von der Praxis entfernt liegt. | |||
| Manchmal kommt der ruppige, aber allseits geschätzte Hausarzt auch zu mir, wenn ich wieder einmal mit glühenden Wangen und hohem Fieber im Bett liege. Er attestiert dann meiner Mutter, dass ich keinen organischen Schaden hätte, und in einigen Tagen wieder gesund sein werde. Dabei haben seinen zittrigen Hände mehr damit zu tun, seine ununterbrochene Zigarettenabfolge zu hantieren, als mich zu untersuchen. | |||
| Motorradrennen | |||
| Jedes Jahr gibt es in meinem Heimatstädtchen ein Motorradrennen als Vorpremiere zum Rennen am Salzburgring. Schon lange vor dem Rennen werden die Kurven mit Strohballen gesichert und als Kanzel des Renngottes eine Tribüne aufgebaut. Schließlich werden wenige Stunden vor Trainingsbeginn die Straßen abgesperrt und die Organisatoren und einige Rennfahrer gehen feierlich die Rennstrecke ab. Unmittelbar nach der Streckenbesichtigung beginnt das Training, bei dem das Durcheinander der heulenden Motoren der verschiedenen Klassen einen Vorgeschmack auf das Rennen gibt. | |||
| Die besten Plätze für die Zuschauer sind an der langen Geraden der abgesperrten Bundesstraße oder an einer der beiden Spitzkehren an den gefährlichsten Ortseinfahrten. Die gewagten Überholmanöver auf der Geraden entscheiden die Rennen. | |||
| Beim Rennen hetzen auf der langen Geraden die Motorräder im Bruchteil von Sekunden hintereinander her, so dass man den Kopf gar nicht schnell genug wieder auf die andere Seite schleudern kann, um die immer wieder ins Blickfeld kommenden Fahrer einzeln einfangen zu können. Die Spannung und die Geschwindigkeit steigern sich: zuerst flitzen die kleineren Maschinen mit schrill heulenden Motoren über die Strecke, dann donnern die schweren Brummer und am Schluss schweben die Beiwagenmaschinen über den Asphalt. | |||
| Am meisten bejubelt werden die Beiwagenpiloten mit der Freundin oder der Ehefrau in hautenger Ledermontur im Beiwagen. Ich kann die wagemutigen Beifahrerinnen gar nicht genug bewundern, wie sie nach dem Umlasten entweder kaum einen Zentimeter in rasender Geschwindigkeit über der Fahrbahn schweben oder sich auf die andere Seite über das Motorrad hinüberstrecken. In den schweren Geruch nach Benzin und siedendem Öl auf der ganzen Strecke mischt sich immer mehr das Aroma von Bananen und ich erfahre, dass dieser Geruch von einem Stoff namens Äther kommt, den die Rennfahrer ihrem Gemisch beigeben. | |||
| Bei der Siegerehrung fällt nach dem verlorenen zweiten Weltkrieg endlich einmal die Scham weg, Helden verehren zu können. Die Jubelschreie ertönen aus tausendfacher Kehle, wenn die Haudegen im Lorbeerkranz die Pokale zur Menge heben, als gelte es dem Gott der Motorradrennen ein Opfer darzubringen. | |||
| Bei manchen der Beifahrerinnen finde ich, dass sie in ihrem straffen Lederdress besser mit Helm aussehen, als ohne, das tut aber dem Jubel der Fans keinen Abbruch, ganz im Gegenteil - den Beifahrerinnen gilt die besondere Aufmerksamkeit aller. | |||
| Ganz still wird es dann, wenn von der Kanzel des Renngottes die Namen der verletzen Fahrer und der Grad deren Verletzung verlesen wird. Manchmal gibt es, meist unter den jungen Fahrern, Tote zu beklagen, deren dann über mehrere Jahre feierlich gedacht wird. | |||
| Wintersport | |||
| Bei Schönwetter und Eiseskälte gibt es im Jänner oder Februar manchmal Schijöring auf einem zugefrorenen See. Schon am Vortag hatte man dafür mit einem Traktor ein riesiges Oval geräumt und den Schnee zu glitzernden Sturzräumen zusammen geschoben. Vorne ein knatterndes Motorrad, hinter her der Draufgänger an einem Seil auf einfachen Holzbrettern mit aufgebogenen Spitzen und simpler Bindung. | |||
| Der Motorradfahrer sitzt dabei wie ein Cowboy auf seinem Feuerstuhl mit Fliegerhaube, Fliegerbrille und Lederkombination, den Schal schmissig um den Hals geschwungen. Nach dem wackeligen Start der Maschine auf dem Eis fliegt dann der Schifahrer geradezu über die Piste hinter der Maschine her, hält sich am Seil fest und versucht die beste Spur in den Kurven zu finden, die nichts mit der des Motorrades zu tun hat. Manchmal stürzt der Schifahrer, rappelt sich dann unter dem Gejohle der Zuschauer aus dem Schnee und sucht seine Schi und seine Haube zusammen. | |||
| Mit dem Motorrad kommt man aber auch zum Schifahren auf die Piste. Links und rechts je einen Schi und einen Stock an die Maschine geschnallt und los geht’s über die mit Schnee bedeckten Straßen. | |||
| Puch 250 DL | |||
| Das zweite Motorrad kauft sich mein Vater Mitte der 1950er Jahre, es ist eine himmelblaue Puch 250 auf die er zwei Jahre warten muss. | |||
| Als die Maschine endlich beim Händler eingetroffen ist, gehe ich mit dem Vater und will das Wunderwerk sehen, war doch das neue Motorrad seit langer Zeit Dauergesprächsthema zwischen Vater und seinen Freunden. | |||
| In der Werkstätte steht das chromblitzende hellblaue Motorrad, das gerade poliert und fahrbereit gemacht wird. Nach einer umständlichen Einweisung durch den Mechanikermeister setzt sich Vater auf das Motorrad, startet, kickt den ersten Gang hinein und dröhnt in den Sonnenschein hinaus. | |||
| Ich sehe den Vater durch den Schleier meiner Tränen im Sonnenschein verschwinden und stehe hilflos und wie gelähmt in der dunklen Garage. | |||
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| Die Autofizierung | |||
| Als sich dann Ende der 1950er Jahre das Auto als Allzweckfortbewegungsmittel etabliert, sinkt das gesellschaftliche Ansehen der Motorradfahrer auf das der Versager, Spinner und Habenichtse ab. Es ist ähnlich wie 50 Jahre vorher mit der Elektrifizierung, wer etwas auf sich hält, muss ein Auto besitzen. | |||
| Der Prozess der Ablöse des Motorrads durch das Auto verläuft in nur wenigen Jahren fast vollständig. Durch das schändliche Image der Motorradfahrer bleibt den Männern bestimmter Gesellschaftskreise praktisch keine Wahl, als sich ein Auto anzuschaffen. | |||
| Auch mein Vater muss schweren Herzens die Schulbank in der Fahrschule drücken. Immer mit der Last ja nicht durchzufallen, denn das hätte sich sofort herumgesprochen und wäre für ihn als Schuldirektor eine unauslöschliche Schande geblieben. | |||
| Aber es geht alles glatt, ein weißer Opel Rekord wird gekauft und die himmelblaue Maschine wird nur mehr aus der Garage geholt, wenn die Fahrt schnell gehen muss oder wenn es zu den Fußballfreunden geht. | |||
| In der selbst gebauten Garage im selbst gebauten Haus ist genug Platz für beide Fahrzeuge. Das Problem ist die steile Einfahrt und das viel zu schmale Garagentor, das zwischen Auto und Zarge nur wenige Zentimeter Platz lässt. Und so ist für meinen Vater jede Ausfahrt mit dem Auto eine Qual mit dem bedrückenden Gedanken, wie wohl später die Einfahrt klappen wird. | |||
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| Der Wagen ist ähnlich im amerikanischen Design geschnitten wie der A-Rekord, jedoch mit rechteckigen Scheinwerfern und einem eleganteren Kühlergrill. Es muss wohl einer mit einer 1,9 Litermaschine gewesen sein, denn mein Bruder und ich haben ihn mit damals sensationellen 180 km/h über die Autobahn gejagt. Alles in allem ist das erste auch das tollste Auto, das mein Vater je besessen hat. | |||
| Vater fährt anfangs mit dem Auto mit viel Mühe und Überwindung, noch lange steuert er es wie ein Motorrad mit riskanten Überholmanövern in unübersichtlichen Rechtskurven oder vor Bergkuppen. Seine Fahrtechnik erzeugt bei allen Insassen außer ihm selbst Angst und Schrecken. Das leise Zischen meiner Mutter in echten und vermeintlichen Gefahrensituationen hilft da nichts und manchmal kommt sie aus dem Zischen gar nicht mehr heraus. | |||
| Niemals aber kann er sich an die komplizierten Einparkmanöver des Autos gewöhnen und stellt am Liebsten das Auto am Straßenrand ab, als wäre es ein etwas zu wuchtig geratenes Motorrad. | |||
| Mein Weg zum Motorrad | |||
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Mit dem Dreirad und dem Tretauto kann ich bereits im Kindergartenalter nicht besonders viel anfangen. Zum Glück entdecke ich bereits in jungen Jahren die Liebe zu einem einspurigen Fahrzeug - dem Tretroller. Der erste Tretroller ist aus Buche natur, nicht nur der Lenker und die Grundplatte sondern auch die Felgen. Nur das Gabellager ist aus Eisen und die Reifen aus Vollgummi. Bei meinem zweiten Tretroller sind dann die meisten Teile aus Eisenrohren und der hält auch länger. |
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Nachdem sich einige Tretroller durch meine Fahrtechnik in Schrott verwandelt
hatten, lerne ich im zarten Alter von acht Lenzen das Radfahren.
Endlich bin ich in Freiheit und mein Aktionsradius verzehnfacht sich mit einem Schlag. Ausfahrten an Schönwettertagen zu den verschiedenen Seen prägen für mich die Sommer meiner Kindheit. |
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Ein eigenes Motorrad wäre zwar großartig, aber irgendwie außerhalb meiner
Denkweite, das ist für mich einfach zu vermessen. Darum entscheide ich mich vorerst dafür, mich von Frauen in ihren
Autos mitnehmen zu lassen oder in öffentliche Verkehrsmittel zu steigen.
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Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt, und nach einer Durststrecke von einigen Jahrzehnten ist es dann doch so weit... Eines Tages ergibt es sich, dass ich meine Firma aufgeben muss und anschließend mein Leben ziemlich erbarmungslos durcheinander gewirbelt wird. | ||
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Da diese Umorientierung nicht nur meinen Beruf, sondern auch den Wohnort und
mein Einkommen betrifft, wollen mich nicht mehr so viele Frauen in ihrem
Auto mitnehmen wie früher.
Also mache ich den A-Führerschein (wirklich nur für Motorräder, Autos darf ich nach wie vor nicht steuern) und schaffe mir das erste eigene motorisierte Fahrzeug an - ein Motorrad - eine Sechshunderter - meine Diva.
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