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Blech-Uterus |
Seit es Autos gibt stellt sich die Frage warum der Mensch mit einem Fahrzeug eine so tiefe emotionale Beziehung eingehen kann. Ist es die Dankbarkeit dafür, dass ihn das Auto überall hinbringt oder ist es eine Perversion in Richtung Maschinophilie.
Die Antwort der Verhaltensforscher fällt aber völlig anders aus: |
| Das Auto als Blech-Uterus | |||
| Die Codierung von Fahrzeugen in Sachen Geschlechtsmerkmale ist klar, aber nur vordergründig. Als soziale Konstruktion sind Auto und Motorrad männlich, die übliche Phallusverlängerung eben. Das grammatikalische Geschlecht eines konkreten Autos ist immer männlich - es heißt der BMW, der Honda, der Mercedes. Natürlich heißt es bei Motorrädern die BMW und die Honda. | |||
| Das Auto gleicht trotz seiner äußeren Akzentuierung als Phallus im Inneren einem kuscheligen Uterus: schützend, sicher, einlullend, warm haltend, beruhigend, behütend, abschirmend, bewahrend, verschanzend, eine die Infantilität fördernde Umwelt in der nach außen getreten werden kann, ohne dass ein Schaden befürchtet werden müsste. Aber mit dem Uterus ist es nicht abgetan, es ist ein rollender Uterus und hat viel mit einem Kinderwagen gemeinsam. | |||
| Dagegen bleibt das Motorrad immer Phallus und Geschoß gleichermaßen, es gibt kein Innen, der Fahrer ist und bleibt in der Landschaft, ist mit der Straße verhaftet und bleibt Wind und Wetter ausgesetzt, mit denen er kämpft. Er ist nie Innenwelt und weist jede Nabelschau von sich. Nicht essen, nicht trinken, (meist) von Telefon und Verkehrsfunk abgeschnitten, bleiben Maschine und Fahrer Außenwelt. | |||
| Der Innenraum des Autos wird als Ausdehnung des Privatbereichs verstanden, als persönliches Refugium. Der Fahrer sitzt tief im Inneren seines Uterus, verborgen hinter dicken Türen, die mit einem markigen Klack anzeigen, dass der Uterus geschlossen ist. Schließlich ist man im eigenen Auto so gut wie im eigenen Uterus zu Hause und in seiner Blase kann man immer noch tun und lassen was man will. Ähnlich wie der Uterus ist das Auto der elementare biologische Kleinstraum, der in der Technik umgesetzt werden kann. In die Schutzhöhle dringen nur gedämpfte Geräusche, Kälte und Regen bleiben draußen, während man gesichert und geschützt durch den Raum gleitet | |||
| Steigender Komfort verspricht dem Autofahrer nicht nur mehr Sicherheit, sondern auch neue technische Feinheiten und Freiheiten. Dass technischer Komfort auch Mittel der Verkehrskontrolle sein kann, ist kein Geheimnis. Diese funktioniert längst als Fernlenkung und Fernüberwachung - Verkehrsfunk, Mobiltelefon und GPS samt Satellitensystemen garantieren dafür. | |||
| Der rollende Uterus unterscheidet sich von dem biologischen Urbild dadurch vorteilhaft, dass er steuerbar ist und auch von Erwachsenen benutzt werden kann. Aber nicht jedem Autofahrer ist klar, dass der Uterus nicht mehr in seiner Mama liegt. Der rollende Uterus wird nicht mehr von seiner Mama zur Verfügung gestellt, aber deren Nachfolgerin darf dafür auf den Beifahrersitz. | |||
| Als Glücksmaschine eignet sich das Automobil wie kaum ein anderes technisches Gerät zur Verkörperung des europäischen Daseins-Stils, den man als eine generalisierte Weltflucht nach vorn beschreiben kann. Das Auto ist Schutzhöhle und Angriffsmittel zugleich, es ist Mittel der Weltflucht ebenso wie Instrument der Welteroberung. Es gestattet dem Fahrer die psychologische Quadratur des Kreises, indem es ihm ermöglicht, innen und außen zugleich zu sein. | |||
| Für den Autofahrer thront in seinem technisch weiter entwickelten Kinderwagen, geborgen wie einst in seiner Mutter als seinem ersten Verkehrsmittel. | |||
| Die Umwelt erlebt er wie über den Fernsehbildschirm, alles was an ihm vorbeizieht ist feinsäuberlich eingerahmt. Er sitzt bequem wie in seinem Wohnzimmer und alles um ihn herum bewegt sich, ohne dass er einen besonderen Anteil daran hat. | |||
| Der neue Uterus ist ein schützenden Kokon aus Metall und Glas, eine gut gefederte und gepolsterte, angenehm schaukelnde, autohypnotisch einlullenden Säuglingswiege. In ihr kann er wie ein quengeliges Kleinkind dem staunenden Publikum seine (scheinbar) seine enorme Potenz demonstrieren. Da ist er zu Hause, da gehört er hin und ihm gehorcht die Welt um ihn herum. Der Uterusbewohner unterscheidet nicht, wo sein Ich aufhört und die bergende Mama anfängt und wie es dass in die Welt als das bedrohlich-reizvolle Andere weitergeht. Da ist er abhängig wie eh und je und kann doch glauben, eine unabhängige Person zu sein - narzisstisch in sich gekehrt missversteht er seine Situation als Autonomie. | |||
| Mit seiner ungehemmt auslebbaren Objektkritik weist der Autofahrer aus dem sicheren Schutz seines Uterus lautstark allen anderen die Schuld an jedem noch so kleinen Problem seines persönlichen Unvermögens zu. Das heißt, dass wahrgenommene Unlustgefühle in dieser Form ausgelebt werden. Geht etwas schief - und beim Autofahren geht viel mehr schief, als jeder Autofahrer vor sich selber zugeben will - dann ist alles andere schuld, nur nicht er: Der andere Fahrer. Die schlechte Straße. Die blöde Beschilderung. Die schleifende Kupplung. Aber immer wieder der andere Fahrer in seinem andren Uterus. | |||
| Gerade für den Autofahrer besteht beim Fahren die Gefahr der Ausbildung von Allmachtsgefühlen, ohne sich anstrengen zu müssen, eine typische Wohlstandsverwahrlosung des minimalen Aufwands mit maximalem Ertrag. Dazu die Illusion vollständiger Situationskontrolle, kombiniert mit hemmungslosem Laisser-faire. | |||
| Die narzisstische Grandiosität verwöhnter Kinder ist eine Gefahrenquelle erster Ordnung im Straßenverkehr, vor allem für sich selbst. Nicht umsonst sind ein Drittel der tödlichen Unfälle Alleinunfälle. | |||
| Der Tragling | |||
| Der Mensch gilt entwicklungsgeschichtlich als ein zu früh geborener "Tragling", aber der Mensch entpuppt sich im Verkehr als viel zu früh oder nie zu Ende geborener "Fahrling", oft sogar als perfekter "Gefahrling". Die durch das Auto ermöglichte Ich-Prothese generiert ein verhängnisvolles Prothesen-Ich. Säuglingen gewährt man heute vielfach den größten Teil des Tages keinen Kontakt mit ihrer mütterlichen Betreuerin. | |||
| Ein Tragling hat Grundbedürfnis nach Anwesenheit einer Betreuungsperson, auf deren Anwesenheitssignale er für sein Wohlbefinden angewiesen ist. Das geht auf eine Lebensweise der Menschen zurück, die es erfordert den Nachwuchs ständig mitzunehmen, ihn zurückzulassen bedeutet für ihn tödliche Gefahr. Erst seit der Mensch sesshaft ist, besteht die Möglichkeit, ihn in einem geschützten Rahmen vorübergehend zurückzulassen, doch hieran ist der Säugling nach wie vor nicht angepasst, die Zeitspanne ist dafür evolutionär zu kurz. | |||
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Noch heute gibt es Kulturen mit nomadischer oder halbnomadischer Lebensweise, bei denen die Säuglinge noch immer mitgetragen werden müssen. Traglinge verfügen über einen Kontaktruf und ihr Weinen entspricht biologisch dem akustischen Notsignal wegen des Verlustes der Verbindung mit der allein schutzbringenden Mutter. Dieses Verlassenheitsweinen ist eine für einen Tragling typische Reaktion, wird er dann aufgenommen, angesprochen, gestreichelt, leicht hin- und hergewiegt, werden alle Signale vermittelt, die ihm die Anwesenheit einer Betreuungsperson signalisieren und seine Verlassenheitsangst nehmen. |
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| Beim Autofahrer manifestiert sich dieser Kontaktruf nicht als undifferenziertes Verlassenheitsweinen, sondern als Objektkritik in Form von verbaler Beschimpfung seiner Umgebung. | |||
| Übersprungshandlungen | |||
| Konfliktsituation zwischen Bleiben und Flucht führen ganz allgemein zu Übersprungshandlungen. Diese Abwägungssituation führt zu Übersprungshandlungen, die aus dem Körperpflegebereich oder der Nahrungsaufnahme kommen: Reiben der Augen, über den Mund wischen, den Bart streichen, kratzen am Kopf, Beißen, Kauen, Saugen an Bleistift, Kuli etc.; Gähn- uns Streckbewegungen, Entleeren der Blase, Nesteln an der Kleidung, Rhythmisches betätigen eines Druckknopfes, etc. | |||
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In einer akuten Stress-Situation ergibt sich ein sofortiger Reaktionsbedarf, der aufgrund einer Reizüberflutung des Nervensystems nicht erfolgen kann, eingezwängt im Blech-Uterus sind kaum körperliche Aktion möglich. Die angestaute und nach Entladung strebende, kinetische Energie des gesamten, unter Stress stehenden Autofahrers entlädt sich in kleineren Bewegungsabläufen, die keinen kausalen Zusammenhang hinsichtlich der sie bedingenden Gefahrensituation erkennen lassen. |
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Autofahrer haben
praktisch immer eine Hand frei, außer sie telefonieren oder vollführen damit
eine ihrer traditionellen Übersprungshandlung. Die Hauptvertreter dieser im
blechernen Uterus abgefassten Gebärden sind:
Den Mittelfinger hoch strecken - als Abwehrhandlung bei akuten Gefahrensituationen. Mit der Hand die eigene Stirn bedecken - als Überlegenheitsgeste bei einem (vermeintlichen) Fahrfehlers des Fahrgegners. Dem Gegner die Zunge heraus strecken - als Abwehrgeste einer Frau gegen männliche Rohheit im Verkehr. Mit dem Zeigefinger heftig gegen die eigene Stirn tippen - als originelle Kontaktaufnahme zu Autofahrern im Querverkehr. Mit einer Hand vor dem Gesicht eine Wisch-Bewegung vollführen - als Einschätzung des IQ eines Verkehrspartners. |
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| Aber auch das Reden mit Maschinen ist ein weit verbreitetes Phänomen, seit es Technik gibt. Diese Kommunikationsform erschöpft sich meist in kurzen Bemerkungen, kraftvollen Beschimpfungen und obszönen Bosheiten. Fäkalausdrücke sind nicht selten und dokumentieren das Steckenbleiben in der analen Entwicklungsphase und die Verzagtheit des Benutzers. | |||
| Diese Beschimpfungen von Maschinen sollen wohl bei der Lösung von Konflikten helfen, die durch die Schwierigkeit bei der Erledigung bestimmter Aufgaben durch technische Produkte auftreten. Maschinen (und Programme) werden immer umfassender und damit komplizierter und ihre sachgerechte Nutzung ist immer schwieriger zu verstehen. | |||
| Verbale Übersprungshandlungen die im Schutz des Blech-Uterus treten meist in Form von Beleidigungen und Fäkalinjurien gegen das Kollektiv der anderen Fahrer auf. Natürlich löst das Schimpfen nicht die Konfliktsituation zwischen Bleiben und Flucht, aber überdeckt den Entscheidungsnotstand. | |||
| Diese verbalen Angriffe auf die anderen Autofahrer aus der geschützten Biosphäre sind eine Reaktion auf die von außen drohenden Gefahren. Diese davon ausgehenden Zerstörungskräfte können für den Blech-Uterus oder auch für seinen Insassen existentiell bedrohliche Formen annehmen. | |||
| Der Porschefahrer | |||
| Der Porschefahrer meint, dass sein Porsche nichts anderes ist als sein Herold und in der Gegend herumschreit: "Alphamännchen mit haufenweise Geld, Potenz und Riesenschwanz." während er sich behütet und bequem in seinem warmen Blech-Uterus über die Verkehrsflächen schaukeln lässt. | |||
| Jeder normale Mann will seinen Porsche haben, viele schon mit zwölf. Na gut es ist nicht das beste und praktischste Auto, dafür ist es auch nicht das Billigste. Daher gibt zwei Dinge die den Ankauf meist verhindern: der hohe Preis und eine Ehefrau. Der durchschnittliche Porschefahrer ist dann bereits über 50 und mit diesem Alter hat sich vieles sowieso schon erledigt. Bei den über 60-Jährigen ist eine hohe Abfertigung beim Ankauf oft hilfreich. | |||
| Millionen von Männern und neuerdings auch Frauen wollen auch einen Porsche haben, denn niemand will unerkannt in einem x-beliebigen Uterus leben, alle anderen sollen auch sehen, welchen Uterus er/sie sich da ausgesucht hat und leisten kann. | |||
| Der Zweck-Vorwand | |||
| Beim Autofahren liegt außer dem Fahrspaß auch ein gewichtiger Zweck-Vorwand vor: Man fährt mit dem Auto zur Arbeit und diese enge Verbindung von Auto und Arbeit ist sozial anerkannt. Ob es nun das Auto, das uns frei für die Arbeit macht oder die Arbeit, die uns den Lustgewinn des Fahrens als ernstes Geschäft darstellen lässt wird sich nie entscheiden lassen. | |||
| Beim Auto kommt es auf den Grundnutzen an und der ist jedem Autofahrer absolut bewusst. Ein richtiges Auto basiert auf Fahrdynamik und einer maximalen Anzahl von Airbags, damit Raserei und überhöhte Geschwindigkeit im Ernstfall nicht so wehtun. | |||
| Und da ist noch der Zusatznutzen, also ein Auto das sich im positiven Sinne von der Masse abhebt. Dann gibt es auch noch Gegebenheiten, die man anderen Leuten erklären kann, Dinge welche für diese neu sind und dass das auch noch der Sicherheit diene. Ab diesem Moment ist auch der Preis sekundär. | |||
| Objektkritik nach Bernt Spiegel | |||
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Professor
Bernt Spiegel schreibt in seinem Buch über das weit
verbreitete Leiden der Objektkritik.
Dieses Ablenkungsmanöver benutzt das Ego als Schutzfunktion, um das Selbstwertgefühl bei Fehlern nicht einbrechen zu lassen. Die Objektkritik schiebt Gegenständen oder Personen die Schuld an unserem Fehlverhalten zu … und damit ist der Fehler nicht mehr der unsrige. Schuld am Überfahren der Sperrlinie sind die ruckelige Schaltung, die neuen Bremsbeläge, die Beifahrerin, die dauern auf einen einredet und einen ablenkt. Nur der eine, der wahre Grund wird nicht realisier, dass kein anderer als man selber es war, der den Fehler gemacht hat - eine Situation falsch eingeschätzt, unachtsam oder unkonzentriert gewesen ist. |
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| Wer seinen Fahrstil verbessern will, der muss erst einmal einen Fehler als Fehler erkennen. Und vor allem: Er muss dann auch bereit sein, ihn als eigenen Fehler anzuerkennen, also zu ihm zu stehen. Allzu gerne sind wir bereit, die Ursache für einen Fehler anderswo zu suchen als bei uns selber. Das Bemerkenswerte dabei: In den meisten Fällen sind wir auch selber davon überzeugt, dass die Schuld nicht bei uns liegt. | |||
| Die natürliche Bereitschaft zur Objektkritik ist in allen Lebenslagen eine äußerst praktische Einrichtung, wenn es darum geht, das Selbstwertgefühl immer schön hoch zu halten - es kann gar kein Zweifel bestehen, dass das Selbstwertgefühl für jeden normalen Menschen ein tragendes Thema ist. | |||
| Leider ist es aber so, dass die Objektkritik eine äußerst wirksamste Lernbremse ist. Nicht nur beim Motorradfahren, überall im Leben. Deshalb muss man selbstkritisch auf alles achten, was in irgend einer Form wie Objektkritik aussieht, denn dahinter steckt allzu oft ein eigener Fehler, den man sich so vor uns selbst zu verbergen sucht. | |||
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Objektkritik fällt uns zuerst bei anderen auf, aber schaffen wir es mit der
Bewusstwerdung, auch uns selber zu erkennen oder bleiben wir bei der
bequemen Umlastung der Ursachen, die sich zu unserer Entlastung einstellt,
aber den Weg zur Einsicht und zur Verbesserung versperrt.
Je intensiver wir gefordert sind, desto stärker die Neigung zur Objektkritik und desto zäher das Festhalten an der vermeintlichen Ursache, auch wenn die Kritik objektiv durch nichts zu rechtfertigen ist. |
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| Fehler also dingfest machen uns als die eigenen Fehler anerkennen. Fehlleistungen nie als bedeutungslos unter den Teppich kehren wollen. | |||
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