Auf dem öffentlichen Verkehrsraum treffen sich alle: die Reich und die Arm, die Jung und die Alten, die Überheblichen, die Schneidigen und die Zaghaften. Wer sich durch Stadt und Land bewegen will, ist auf diesen gemeinsamen Lebensraum angewiesen. Industrielle in Luxuskarossen, Hausfrauen in Gebrauchtwagen, alte Männer mit Handwagen, Kinder auf Fahrrädern und nicht zuletzt die Motorradfahrer auf ihren Maschinen.  
      Im Verkehrsraum gibt es zwischen den Benützern keine schützenden Mauern, keine Gartenzäune, keine Fluchtwege in Phantasiewelten oder Podiumsdiskussionen, kein Versteck im Cyberspace.
    Die Verkehrsfläche ist ein technisch aufbereiteter menschlicher Lebensraum. Zu den Verkehrsfläche zählen natürlich auch Gehsteige, Radwege, Parkplätze, Fahrbahnteiler, Entwässerungsgräben und nicht nur Fahrbahn selbst.  
      Die Ziel orientierte Überwindung räumlicher Distanzen ist zwar die primäre Widmung dieses Lebensraums, aber eben nur eine Funktion neben vielen anderen. Die Verkehrsfläche ist nicht nur Lebensraum, sondern auch Ort der Unglücks und des Sterbens.
    Wie nirgendwo anders herrscht auf der Straße einfach das echte Leben, das beneidet, protzt, hasst, liebt, sich unterhält und sich schämt, versteht, ignoriert, quält, hilft - und es ist das echte und einzige Leben der Verkehrsteilnehmer, das gesetzt und verloren wird. Sicherheit ist in erster Linie ein zwischenmenschliches Ereignis, das von jedem Einzelnen gesteuert wird. Doch jeder Sicherheitsanspruch, jede Ermahnung, jedes Verbot wird auch als Einschränkung der Lebensqualität und persönlichen Freiheit empfunden.  
      Doch die Benutzung des Lebensraums Verkehrsfläche ist kompliziert und eine umfangreiche Bedienungsanleitung namens Straßenverkehrsordnung regelt das Zusammensein. Es handelt sich dabei um die schwierigsten Spielregeln, die im Alltag von jedem Bürger eingehalten werden müssen und oft Leben oder Tod bedeuten.

Vielfach ist den Beteiligten nicht klar, was korrekt ist und was nicht. Immer wieder müssen Gerichte entscheiden, wer es nach den Spielregeln richtig und wer es falsch gemacht hat.

       
   
    Dominiert wird der öffentliche Verkehrsraum von den Dosentreibern (gemeint sind damit die Autofahrer), denn diesen Raum haben sich die Dosen (Autos) schließlich auch in den letzten hundert Jahren erobert.  
      Ab 1905 musste in Wien vor jedem Auto (damals sagte man Automobil) ein Fußgeher mit einer roten Fahne hergehen, um Zusammenstöße mit Fußgängern und Fuhrwerken zu vermeiden.

Die Verhältnisse haben sich seit dieser Zeit umgedreht und das Auto ist das Maß aller Dinge im Verkehr geworden. Auch wenn erste Ansätzen zum Zurückgewinnen des Verkehrsraum für die Nicht-Autofahrer in letzter Zeit wirklich große Fortschritte machen, bleibt doch das Auto der Beherrscher der Straße.

    Die Fußgänger sind zwar in letzter Zeit durch neue Spielregeln etwas besser geschützt, stellen aber immer noch 15 % der Verkehrstoten.  
       
     
   
    Die Gefährdung der Kinder im Straßenverkehr geht in der Regel von den Erwachsenen aus. Die an sich künstliche Verkehrsumwelt ist nicht auf die Bedürfnisse der Kinder abgestimmt sondern für das Vorankommen der Autos gestaltet.  
      Dass jedes Jahr einige Kinder unter einem Autos sterben oder in einem Fahrzeug umkommen, daran hat man sich gewöhnt. Das ist eben ein Tribut, den die moderne Gesellschaft zu leisten hat.
    In primitiven Gesellschaften wurden sorgfältig ausgewählte Kinder in archaischen Zeremonien bestimmten Göttern geopfert. Bei uns ist es täglicher Zufall welches Kind im Verkehr getötet wird.  
       
     
   
    Vorsätze, aber kaum Verbesserungen, gibt es bei der Gestaltung des Verkehrsraums für Motorradfahrer. Für sie lebensgefährliche Einbauten oder Pflegemaßnahmen der Verkehrsfläche werden stereotyp weiter betrieben, obwohl es dadurch laufend zu schweren oder tödlichen Verletzungen kommt.  
      Es geht dabei vor allem um zusätzliche Gleitflächen mitten auf der Fahrbahn, die für viele Stürze mit dem Motorrad und den sich dadurch ergebenden Verletzten und Toten verantwortlich sind: spiegelglatte Teerwürmer, rutschige Bodenmarkierungen, gefährlich Schlaglöcher und andere Fahrbahnschäden.

Dazu kommen noch die Nachlässigkeiten des Straßendienstes wie Dreck, Ölspuren und der äußerst gefährliche Streusplitt - der einst auf einer längst weggetauten Schneefahrbahn gelegen ist.

    Am Schlimmsten sind jedoch mechanische Einrichtungen an den Straßenrändern, die ein Abrutschen von Unfallbeteiligten von der Straße verhindern sollen. Natürlich sind diese auch für den gestürzten Motorradfahrer wirksam, der nicht ins rettende Gelände rutschen kann, sondern dessen Körper durch Leitschienen geradezu eine Massenamputation erfährt. Arme und Beine werden abgeschlagen und so mancher Motorradfahrer ist nach einem relativ harmlosen Unfall durch diese Einrichtungen geköpft worden.   
      Während sich die "Experten" in aller Ruhe über die Prioritäten von entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen unterhalten, sterben Jahr für Jahr Motorradfahrer durch die anhaltenden straßenbaulichen Mängel und Nachlässigkeiten des Straßendienstes oder überleben Unfälle schwerst verletzt.