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Dieses Werkbuch beschäftigt sich mit unser aller realen Welt des Lebens, meiner ganz persönlichen virtuellen Welt der Schreibens und meinen Grübeleien. |
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| Februar 2009 |
Das Leben ein TraumCalderóns Das Leben ein Traum im Burgtheater, aufgeführt als gestutztes Drama, erweitert um Kammermusik. "Himmel, lass mich Kund erlangen / da du so verfährst mit mir / welch Verbrechen ich an dir / schon durch die Geburt begangen!" speit Ofczarek als Sigismund in seinem Gefängnis Gift und Galle, trampelt und tobt im Kokon der Einzelhaft. Der Königssohn als eingesperrte Laborratte, an der das Gutsein und die Angepasstheit zu erforschen ist, einmal in seiner ersten Welt als Käfigbewohner und dann in seiner zweiten Welten als Königssohn und Reichserbe. Nach zwei kurzen Stunden dann leidenschaftliches Händeklatschen und Begeisterungsstürme. |
| Jänner 2009 |
Traum vom Haus voller KinderIch lebe in einer Villa in einem fast endlosen Park mit zwanzig Frauen und ihren noch einmal so vielen gemeinsamen Kindern, das Zusammenleben gelingt angenehm gefühlvoll und ausgeglichen. Dennoch: sowohl die Frauen, als auch meine Kinder sind mir gänzlich fremd und der Umgang mit ihnen entbehrt jeder emotionalen Bindung. Meine Aufgabe schient sich in oberflächlichem Wohlwollen gegen die vielfältigen Mitbewohnern zu erschöpfen, die alle Haarfarben und jede Hautfarbe vertreten. Ich bin ein berühmter Schriftsteller und einer meiner hochgestellten Förderer wohnt ebenfalls in diesem hochherrschaftlichen Gefüge. Eines Tages kommt ein geheimnisvoller Staatspräsident zu Besuch, der mir, wie mein Förderer, ebenfalls ehrerbietend zugetan ist. Ich bin gerade dabei ein englischsprachiges Exposé zu einem meiner Manuskripte zu verfassen, das ich einem amerikanischen Verleger senden möchte, doch der englische Text muss von dem Postmeister der Anlage überarbeitet werden, so schlecht abgefasst ist er. Jedenfalls tritt mein jüngster Sohn aus dem Realen Leben auf, doziert eine komplexe sprachliche Analyse der Textes, die völlig isoliert von der übrigen Handlung (ganz wie Horneck im König Ottokar mit seinem Österreichlob) ist und tritt wieder ab. PalacinquecentoMitwerkung beim Palacinquecento im Mödlinger Stadttheater, nicht als Schauspieler oder Musiker, sondern als Palatschinkenesser. Angeboten werden an diesem Abend Kostproben von schalem Kaffe, appetitlichem Kuchen und einem mundgerechten Palatschinkchen, kredenzt unter einem literarischen Regenbogen aus würzigem Herzmanowsky-Orlandischem, süffigem Weinheber, herzstärkendem Schnitzler, bis hin zu köstlichem Monty Python, komödiantisch vorgetragen von schauspielenden und servierenden Darstellern des Stadttheaters. Kein Abend für verblendete Spiegelfechter und eingefleischte Kostverächter, aber etwas für Wortklauber und Sprüchesammler. "Wer nichts versteht", so eine meiner Erkenntnisse des Abends, "muss sich auch nichts merken." Traum LauseierEntdecke in meinen Haaren ein Gelege stecknadelkopfgroßen Eier von Läusen, die sich untrennbar mit einem dünnem Haarbüschel verklebt haben. Nachdem ich das Büschel mit dem Gelege abschnitt, betrachte ich die eisglatten Eier genauer, eigentlich erwartete ich, dass man drinnen die Herzchen der Jungläuse pochen sähe, aber die perlmuttartig undurchsichtigen Perlen lassen keinen Blick darauf zu. Zu schade, denn wie lebendig stellte mir diese pulsierenden Schatten der klopfenden Herzchen vor. Ein Faust am Linzer LandestheaterDer Faust am Linzer Landestheater ist brav gespielt und stümperhaft dahininszeniert, irgendwelche Deutungen der Figuren werden nicht erkannt oder vorsätzlich unterdrückt. Das Stück wird vor dem Publikum faltenlos ausgebreitet, der Text brav dahergenuschelt und manchmal durch einen Hopser eines der Texthersager begleitet, so der gut genug hopsen kann. Das brave Spiel wäre für Schulaufführungen ganz gut geeignet, falls die Schauspieler vorher wieder Sprechunterricht nehmen sollten, doch für Leute, die sich mit dem Stoff schon auseinandergesetzt haben und auf eine Vertiefung durch die Regie hoffen, ist das Linzer Spiel entbehrlich. In dieses Stück hat sich ein jämmerlicher Regisseur eingeschlichen und es ist ein Verdruss, "dass diese Fülle der Gesichte der trockne Schleicher stören muss". BildungsdefiziteEs ist erstaunlich, ja fast unglaublich, wie gebildete Menschen (alles Akademiker) aus meinem engsten Umfeld mit ihren Bildungslücken umgehen: Sie machen die Inhalte ihrer Bildungslücken schlecht, stufen diese von ihnen nicht akzeptierte Wissen als unnütz ein, reden sich billig heraus, wenn es um diese ihre Ausfälle geht, schummeln sich daran vorbei wie ein Analphabet an Verschriftlichtem. Die besten Beispiele für diese spät auftretenden Mängel sind einerseits die Rechtschreibung, die nun seit zwölf Jahren gilt und das Internet als das Weltmedium des Bildung, mit etwa dem gleichen Alter. Beides klassische Urheber von Bildungslücken, die dokumentieren, dass diese neuen Bildungsinhalte nicht nur nicht angenommen, sondern die Unkenntnis darüber auch noch mit einem Anflug von Stolz verteidigt wird. Genau diese Leute lamentieren in der gleichen Abendgesellschaft über Bildungsmangel und die Rechtschreibschwäche der nachkommenden Generation, können aber selbst nicht rechtschreiben oder frei im Internet nach Wissen surfen, obwohl Zeit genug gewesen wäre, diese Bildungsdefizite zu beheben, ihre Bildungsfeindlichkeit abzulegen. Zwölf Jahre ist genau jene Zeitspanne, die ein junger Mensch braucht, um vom Schuleintritt bis zu Matura zu gelangen. Das Internet bringt überhaupt die Schubumkehr in der Bildung und lässt große Teile der Herde Fünfzigplus ziemlich belämmert zurück. Das, was jüngere Leute als tiefe Wunde im Wissenskörper von bestimmten älteren empfinden, ist für den Mangelleidenden höchstens eine ärgerliche Blessur, die ihm das Leben geschlagen hat. Die einen finden es gut, wie es jetzt ist, die anderen finden das gut, wie es vor Jahrzehnten war. |
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